1914 – 2014: 100 Jahre türkisches Kino

Das erste öffentliche Kino, „Milli Sinema“, wurde 1910 in Istanbul ins Leben gerufen. Warum aber 2014 das eigentliche 100. Jahr des türkischen Kinos ist, beantwortet uns Fuat Uzkınay, der erste türkische Filmemacher der Geschichte des türkischen Kinos, mit seinem Stummfilm „Ayastefanos’taki Rus Abidesinin Yıkılışı“ (Die Zerstörung des russischen Denkmals in San Stefano), welchen er 1914 gedreht hatte. Von diesem Film gibt es heute keine Kopien und er gilt somit als verschollen. Wenn man allerdings von einem osmanischen Kino sprechen würde, könnte man eventuell noch die mazedonischen Manaki-Brüder nennen, die auch schon drei Jahre zuvor im Jahre 1911 einige Filme gedreht hatten.

Die ersten türkischen Filmemacher arbeiteten während des Ersten Weltkriegs und machten mehrere Aufnahmen vom Schlachtfeld. Ein Jahr vor dem Ende des Kriegs wurde der erste türkische Spielfilm („Pençe“’ oder „Casus“’) gedreht. Im gleichen Jahr wurde auch der erste türkische Komödienfilm „Bican Efendi Vekilharç“ gedreht. Nach der Gründung der Türkischen Republik im Jahre 1923 folgten viele Reformen in allen Schichten der Gesellschaft, so auch in der Kinobranche. Der erste türkische Film mit Ton, „Istanbul Sokakları’nda“ wurde in Zusammenarbeit mit Ägypten und Griechenland im Jahre 1931 produziert.

Das Goldene Zeitalter

Durch die Verstärkung der Filmproduktion in den 1950ern konnte man voraussehen, dass die Filmindustrie künftig zahlreichen Menschen im Bereich des türkischen Kinos ihren Lebensunterhalt sichern würde. In diesen Jahren wurden auch die Grundsteine für das Goldene Zeitalter des türkischen Kinos gelegt, als welches die Zeit von 1960-1975 betrachtet wurde. In den 1960er Jahren kam die türkische Kinoproduktion an den Gipfel ihrer Effizienz, auch das Niveau und die Qualität der türkischen Filmdarstellungen stieg rapide.

1963 war das Jahr, in dem das türkische Kino begann, Farbfilme zu produzieren. Allerdings kam der erste türkische Farbfilm („Halıcı Kız“) des Regisseur Muhsin Ertuğrul 1953 auf die Leinwand.  Nach Angaben des Generalsekretariats für das türkische Kino, „Sinema Genel Müdürlüğü“, lagen türkische Kinofilme im Jahre 1966 mit 241 Spielfilmproduktion in der Weltrangliste der Spielfilme im Langformat auf dem vierten Platz.

Das türkische Kino ist auch als „Yeşilçam“ bekannt. Der Grund hierfür ist der Name der Yeşilçam-Straße im Istanbuler Stadtteil Beyoğlu, gleich neben der berühmten Einkaufsmeile Istiklal Caddesi. In den 60ern bis Ende der 70er Jahre, also im Goldenen Zeitalter des türkischen Kinos, befanden sich hier die Büros der meisten türkischen Filmunternehmen.

Das türkische Kulturministerium hat mithilfe von Akademikern, Verbänden und NGOs in diesem Jahr, das als 100. Jubiläumsjahr des türkischen Filmschaffens begangen wird, die 100 besten türkischen Filme prämiert. Die ersten fünf Plätze belegen die Filme „Susuz Yaz“ (Trockener Sommer,1964), „Hababam Sınıfı“ (1975), „Babam ve Oğlum“ (2005), „Eşkıya“ (1996) und „Canım Kardeşim“ (1973). Der Spielfilm „Trockener Sommer“ von Metin Erksan gewann im Jahre 1964 bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin auch den Goldenen Bären.

Einige wichtige Persönlichkeiten des türkischen Kinos wären beispielsweise:

Berühmte türkische Schauspieler

Cüneyt Arkın

Adile Naşit

Kemal Sunal

Şener Şen

Cem Yılmaz

Berühmte türkische Regisseure

Ertem Eğilmez

Nuri Bilge Ceylan

Yavuz Turgutlu

Yücel Çakmaklı

Uğur Yücel

Religion im türkischen Kino

Das türkische Filmschaffen war jedoch auch im Goldenen Zeitalter des türkischen Kinos elitär wie die Staatsstruktur und die Staatsideologie. So waren beispielsweise Religion und die türkische Kultur oft nicht willkommen. Beispielsweise wurden Imame des Öfteren als betrügerische Charaktere dargestellt, die die Naivität und Gutgläubigkeit des Volkes für den eigenen Gewinn ausnutzten. Die Religion wurde in diesen Jahren in mehreren türkischen Filmen mit Aberglauben verbunden, kritisiert und sogar verhöhnt.

Ediz Hun, ein ehemaliger Schauspieler und Politiker, betonte auch in einer Zeitung die negative Haltung der türkischen Filme gegenüber den Islam: „[…] Es gibt sehr viele Filme, die unsere Sitten und Gebräuche erschüttern. In jedem Beruf gibt es Leute, die keine Gottesfurcht haben.“ Als eine Reaktion auf diese Tendenzen entwickelte sich eine Bewegung, die als „Milli Sinema“ bezeichnet wird und die sich bewusst von der Arroganz des städtischen Bildungsbürgertums gegenüber der religiösen Bevölkerung in den Provinzen abgrenzte.

Die wichtigsten und erfolgreichsten Filme dieser Bewegung sind unter anderem „Minyeli Abdullah“ (1989-1990), „Sahibini Arayan Madalya“ (1989) oder „Kuruluş“ (1987), der die Gründung des Osmanischen Reiches thematisiert. Ein weiterer empfehlenswerter Film ist „Takva“ (2006), der sogar als Meilenstein der religiösen Filme betrachtet wird.