100 Prozent Französisch, 100 Prozent Türkisch

Mit dem deutsch-türkischen Anwerbeabkommen von 1961 kamen Tausende von Türken nach Deutschland. Was erst nach einem vorübergehenden Aufenthalt aussah, wurde zu einer neuen Heimat. Doch auch nach Frankreich waren türkische Arbeitsemigranten vor 50 Jahren ausgewandert. Während die erste Generation meist an ihrer Sprache und ihrer Kultur festhielt, integrierte sich die Folgegeneration immer mehr im neuen Land. Es entstand eine Gemeinschaft, die weder vollständig türkisch, noch deutsch oder französisch war, sondern beides in sich trug.

Professor Samim Akgönül von der Universität Strasbourg bemerkt, dass es sich bei der Folgegeneration um eine Gemeinschaft handelt, die sowohl 100 Prozent türkisch, als auch 100 Prozent französisch ist. Heute leben 500.000 Menschen türkischen Ursprungs in Frankreich. Dieses Jahr zeichnet ein wichtiges Jahr für die französisch-türkische Gemeinschaft aus, da 50 Jahre seit den Anwerbeabkommen vergangen sind. Im Folgenden erläutert der Historiker und Politikwissenschaftler Akgönül, der selbst in Frankreich lebt, das Portrait der türkischen Gemeinschaft in Frankreich.

Unterschiedliche Migranten, unterschiedliche Erfahrungen

Akgönül teilt die Migration der Türken nach Frankreich in drei Kategorien ein. Die erste dieser Auswanderungswelle sei die „gemischte Migrantengruppe“, hinter der sich eine interessante Geschichte verbirgt. Der Grund für die Anwerbung war der Mangel an Arbeitskräften in Frankreich, man war auf ausländische Hilfskräfte angewiesen. Somit wurden, wenn 500 Arbeiter benötigt wurden, beispielsweise 150 Arbeiter aus der Türkei angeworben, 100 aus dem Senegal, 50 aus Marokko und so weiter. Die 100 Arbeiter, die aus der Türkei kamen, wurden daraufhin auf verschiedene Städte in Frankreich aufgeteilt. Somit würde eine gemischte Gruppe aus Migranten in der jeweiligen Stadt ihre eigene Gruppe bilden.

Die zweite Art der Migrationswelle, auf die sich Professor Akgönül bezieht, ist eine so genannte „Kettenmigration“, bei der die Arbeitsmigranten, die aufgrund ihrer Arbeit einen sicheren Aufenthaltsstatus genießen konnten, ihre Familien nachgeholt haben. Der Familiennachzug machte in den 70er und 80er Jahren mehr als die Hälfte der gesamten Zuwanderung aus, vor allem in Deutschland. Um sich in dem neuen Land zurecht zu finden, war es vor allem wichtig, die Sprache zu erlernen. Vor allem galt das für die allein reisenden Arbeitsmigranten, die auf sich allein gestellt waren. Die nachgezogene Familie hatte das Glück, dass ihre Verwandten und Freunde bereits hier waren und ihnen im Alltag behilflich sein konnten. Am einfachsten hatte es vor allem die zweite Generation. Die Migrantenkinder gingen hier meist zur Schule und hatten mehr Kontakt zu den Einheimischen, daher konnten sie sich leichter integrieren als ihre Eltern.

Die dritte Gruppe der Migranten besteht aus denen, die sich dafür entschieden, in ein anderes Land auszuwandern und später dann nach Frankreich zogen.

Mehr Menschen aus Posof in Frankreich als in Posof selbst

Professor Akgönül spricht von einigen Regionen in Frankreich, in der teilweise mehr Türken leben als an ihrem Heimatort in der Türkei. Zum Beispiel leben im Nordwesten Frankreichs, in Flers, mehr Türken aus Posof (Ardahan) als in Posof selbst. Ein weiteres Beispiel ist Belgien, das für sein „türkisches Stadtviertel“ in Scharbeck (Brüssel) bekannt ist. In diesem Viertel seien Türken ausschließlich aus Emirdağ. „Türken, die nicht aus Emirdağ stammen, werden hier sogar als Ausländer gesehen. Ich persönlich lebe selber in Strasbourg. Die meisten Türken hier stammen aus Kayseri, Konya und Malatya. Sie haben hier alle ihre eigenen Netzwerke aufgebaut.“

Weniger Toleranz gegenüber Muslimen 

Selbstverständlich spielen die religiösen Einstellungen ebenfalls eine kritische Rolle, um die Migrantengruppen zu kennzeichnen. Die Migranten fordern hier mehr als die Einheimischen selbst. Dies führte laut Akgönül dazu, dass ein säkulares Land wie Frankreich religiöse Angelegenheiten empfindlicher gegenüber tritt. Zudem sei die Solidarität mit Muslimen in Frankreich recht niedrig, wenn es um den Bau von Moscheen oder Halal-Schlachtung geht.

Aus Konya oder aus Strasbourg?

Interessant ist auch, dass bei der Frage, woher die Studenten mit Migrationshintergrund herkämen, niemand mit „aus Strasbourg“ oder „aus Paris“ antworten würde, sondern eher mit „aus Konya“ oder „aus Kayseri“. Wenn man sie daraufhin fragt, ob es ihnen dort gefällt, so lautet die Antwort meist: „Ich weiß es nicht, ich war dort noch nicht sehr oft.“ Akgönül bemerkt, dass diese Studenten viel eher die französische als die türkische Kultur ausleben würden. Sie als „100 Prozent Französisch und 100 Prozent Türkisch“ zu beschreiben, sei aus Sicht des Professors die beste Lösung. Sie selbst betrachten sich zwar als Türken, doch ihre Lebensweise sowie ihre Sprache und Kultur stimmt mit den Einheimischen Franzosen fast vollständig überein. Viele Studenten bekennen sich dennoch eher zu ihrer türkischen Identität, da sie Angst davor haben, als „assimiliert“ oder sogar „degeneriert“ bezeichnet zu werden.

Einst war „Sibel“ beliebt, jetzt ist es eher „Semanur“

Was die Namensverteilung angeht, so haben türkische Migrantenkinder, die in Frankreich geboren sind, eher Namen, die für die Franzosen leicht auszusprechen sind, so wie „Melis“ oder „Rana“. Es gibt immer noch tausende türkische Mädchen mit dem Namen „Sibel“ in Frankreich. Doch seit 2000 ändert sich dies immer mehr. Mittlerweile tauchen mehr Namen wie „Sümeyye“, „Semanur“, „Tuğba“ oder „Kübra“ auf.

Türkischer Patriotismus auf Französisch

Der größte Unterschied zwischen türkischen Migranten in Frankreich und Deutschland sei die Sprache. Im Gegensatz zu Deutschland artikuliere sich die Mehrheit der Türken in Frankreich auf Französisch besser als auf Türkisch. Akgönül bemerkt: „Ich habe einige nationalistische Studenten, die ihren Patriotismus für die Türkei auf Französisch ausdrücken.“

In Deutschland sieht das etwas anders aus. Laut einer Umfrage von 1976 lernten 70-80% der Migranten Deutsch am Arbeitsplatz oder „auf der Straße“. Der geringe Kontakt zu Deutschen (1976 hatten 75% der Migranten keinen Kontakt zu Deutschen) sorgte dafür, dass dieser Zustand erst einmal beibehalten wurde. Im Familienkreis sowie am Arbeitsplatz sprach man mit Landsleuten nur in der Muttersprache. Der neue Stand sieht allerdings anders aus. Laut dem Meinungsforschungsinstitut sprechen von den befragten türkischen Migranten 69% (15-29-jährige) besser Deutsch als Türkisch.