Türkei nach dem Putschversuch

Absolventin der Fatih-Universität: “Früher wollten fast alle hier studieren”

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Die Fatih-Universität in Istanbul war eine private Stiftungsuniversität, die aus der Hizmet-Bewegung hervorgegangen ist. Obwohl sie mit einer Geschichte von 20 Jahren eine der jüngeren Universitäten des Landes war, war es ihr in den zwei Jahrzenten seit ihrer Gründung gelungen, unter die besten fünf der insgesamt über 50 Stiftungsuniversitäten des Landes aufzusteigen. An der Eröffnung hatte der damalige Staatspräsident Süleyman Demirel persönlich teilgenommen. Ein anderer Staatspräsident, Recep Tayyip Erdoğan, hat die Universität nun im Rahmen seines Kampfes gegen die Hizmet-Bewegung am 23. Juli 2016 schließen lassen.

Yeşim Gürsoy* hat gerade ihr Studium an der Fatih-Universität abgeschlossen. Sie hat die Diskussion um die Hochschule, die Hizmet-Bewegung und die (von der Regierung so bezeichnete) Hexenjagd auf Angehörige der Bewegung am eigenen Leib erlebt. Wir sprachen mit ihr über ihre Erfahrungen und Beobachtungen.

Frau Gürsoy, warum haben Sie sich für ein Studium an der Fatih-Universität entschieden?

Dafür hatte ich zwei Gründe: Einer hat damit zu tun, was ich werden wollte und der zweite mit meiner Religiosität. Ich wollte an einer der besten Fakultäten studieren und das bot mir die Fatih-Universität. Zudem trage ich Kopftuch und gerade an der Fatih-Universität war es kein Thema, woran man glaubte und wie jemand sich kleidete. Als Kopftuchträgerin hatte ich etwas Angst, an einer staatlichen Universitäten gegängelt oder diskriminiert zu werden.

Und haben sich Ihre Erwartungen erfüllt? 

Also das Angebot, das ich vorfand, übertraf in Teilen meine Erwartungen. Das Unterrichtswesen war qualitativ eindeutig besser als das Angebot von staatlichen Universitäten. Ich dachte aber, es wäre die bessere Universität auch im Vergleich zu privaten Universitäten wie Galatasaray oder Koç. Das war sie aber nicht.

Haben Sie es dann bereut, sich für Fatih entschieden zu haben?

Ja, manchmal überfiel mich dieses Gefühl. Aber wenn ich jetzt rückblickend eine Bewertung treffen sollte, dann nein. Schließlich genoss ich eine Ausbildung an einen der besten 10 Universitäten des Landes. Ich wurde von sehr guten Professoren unterrichtet und meine Kommilitonen waren fleißig und intelligent.

Nun wird der Hochschule vorgeworfen, Teil eines terroristischen Netzwerks zu sein, einige ihrer Dozenten sind bereits wegen dieses Vorwurfs verhaftet worden. Was halten Sie von diesen Vorwürfen?

Meiner Meinung nach gehören sie gar keiner Organisation an, sie sind nur nicht derselben Meinung wie die Partei, die gerade an der Regierung sitzt, und werden deshalb beschuldigt und verleumdet. Alle, die der Regierung nicht blind gehorchen, werden als Feind gesehen. Nach den letzten Geschehnissen wird die ganze Hizmet-Bewegung wie eine Terrororganisation behandelt und da meine Universität aus ihr entstanden ist, werden alle, die dort arbeiten, als Terroristen eingestuft. Deshalb sitzen einige von ihnen im Gefängnis. Aber es trifft ja nicht unbedingt zu, dass immer diejenigen, die herrschen, auch recht haben. Nur weil die Regierung die Macht hat, über andere zu bestimmen und ihre Gegner als Terroristen abzustempeln, heißt es nicht, dass sie recht haben. Nein, ich denke nicht, dass sie Terroristen sind.

Waren die Hizmet-Bewegung oder Fethullah Gülen ein Thema an der Universität? Gab es deswegen Streitigkeiten zwischen Studenten, beispielsweise zwischen Sympathisanten und Nicht-Sympathisanten?

Nein. Die Universität war kein Ort, an dem in irgendeiner Form die Ideen Gülens gelehrt wurden oder gar deswegen Druck ausgeübt wurde. Auch unter den Studenten war das kaum Thema. Unter meinen Kommilitonen gab es die verschiedensten politischen und religiösen Überzeugungen. Auch welche, denen das alles gleichgültig war. Es gab Studenten, die beteten und andere, die nicht beteten. Auch im Ramadan gab es welche, die fasteten und andere, die das nicht taten. Es gab auch Atheisten an meiner Uni, aber niemand wurde wegen seiner Weltanschauung oder Religion schlecht behandelt. Und all diese Unterschiede waren kein Hindernis, Freundschaften zu schließen oder gemeinsam zu lernen. Im Gegenteil.

Was denken Sie persönlich denn über die Hizmet-Bewegung?

Ich glaube Hizmet ist eine Bewegung, die Menschen zu guten Dingen einlädt. Jede Gemeinde oder Bewegung hat ihre Mängel, denn niemand ist perfekt. In der Zeit, in der ich an dieser Universität studiert habe, habe ich niemals irgendeine terroristische Tätigkeit gesehen oder mitbekommen. Das einzige, was sie wollten, war, den Studenten eine gute Atmosphäre zu bieten, in der Religiosität nicht als Problem gesehen wird. Bis vor drei Jahren war das ja auch ein Konzept, das von breiten Schichten der türkischen Gesellschaft geschätzt wurde. Fast jeder wollte, dass seine Kinder an Schulen und an Universitäten der Hizmet-Bewegung aufgenommen werden. Klar, einer der Gründe war moralischer Natur. Man war sich ziemlich sicher, dass Schüler einer Hizmet-Schule nicht mit Drogen, Alkohol oder politisch und religiös extremistischen Gruppen zu tun haben würden.

Wie haben Sie den Putschabend erlebt?

Ich war zuhause bei meinen Eltern und wie jeder andere im Land hatten auch wir große Angst, als wir die Nachrichten hörten. Da die Medien in der Türkei bereits vor dem 15. Juli gleichgeschaltet wurden, wussten wir nicht, wie mit den Meldungen umzugehen war. Niemand kann mehr etwas gegen die Regierung berichten. Deshalb konnten wir auch nicht ganz sicher sein, was gerade in der Türkei passierte.

Gottseidank aber gibt es noch die Sozialen Medien. Alle wurden auf die Straßen gerufen. Der jetzige Staatspräsident war einst ein Mensch, der Demonstranten als Terroristen beschimpft hatte und sie mit Tränengas verscheuchen ließ. Auf einmal wollte er jedoch, dass jeder auf die Straßen geht und damit den Putschisten Angst macht. Das kam mir zunächst nicht sehr glaubwürdig vor. Leider werden wir wohl niemals erfahren, wer tatsächlich hinter diesem Putsch stand, denn den Generälen und Soldaten wurden unter Folter Geständnisse abgerungen. Wenn man sich die Fotos anschaut, kann man sehr leicht sehen, dass sie nach den Verhören komplett anders aussehen, mit blauen Augen oder blutigen Lippen. Ich weiß nicht, ob jemals herauskommen wird, wer den Putsch tatsächlich geplant hat, aber ich denke, er wird trotzdem an der Hizmet-Bewegung hängen bleiben. Aber es ist wirklich gut, dass der Putsch gescheitert ist, wer auch immer dahinter steckte.

Wie ging es nach dem Putschversuch mit Ihrer Universität weiter? 

Als der Putsch stattfand, war ich mir schon sicher, dass auch dieser der Hizmet-Bewegung vorgeworfen werden würde. Denn in den letzen drei Jahren wird die Bewegung von der Regierung für alle schlechten Dinge, die im Land passieren, verantwortlich gemacht und als Sündenbock missbraucht. Da die Einrichtungen der Bewegung meist im Bildungsbereich angesiedelt sind, hatte ich auch Sorgen um meine Universität und meinen Abschluss.

Welche Benachteiligungen erfuhren Sie und Ihre Freunde?

Ich habe die Universität in diesem Semester abgeschlossen und müsste eigentlich meinen Bachelor-Abschluss bekommen. Als ich noch in Istanbul war, waren die Zeugnisse aber noch nicht fertig. Deshalb hatte ich mir ein vorübergehendes Zeugnis geholt. Uns wurde gesagt, dass die endgültigen Abschlüsse im September fertig gestellt werden sollten. Doch drei Tage, nachdem ich meinen vorübergehenden Abschluss abgeholt hatte, wurde die Uni geschlossen. Die neuen Absolventen hatten ihre Zeugnisse nicht und die Studenten, die noch an der Fatih studierten, hatten auf einmal keine Uni mehr. Einige Wochen danach wurde gesagt, dass die Absolventen ihre Abschlüsse an den staatlichen Universitäten abholen können und dass die Studenten an anderen Universitäten untergebracht werden. Trotzdem werden Studenten der Fatih Universität als Staatsfeinde eingestuft und die Absolventen nirgendwo eingestellt. Es findet eine eindeutige Diskriminierung statt.

Wie sehen Ihre Pläne aus?

An meinen Plänen hat sich nichts geändert. Jetzt bin ich in Deutschland, werde hier einen Sprachkurs belegen und ein Praktikum absolvieren, danach möchte ich in meinen Master in den USA machen.

Können Sie sich eine Zukunft in der Türkei vorstellen?

Auch vor dem Putsch konnte ich mir in der Türkei keine Zukunft vorstellen. Ich möchte Akademikerin werden, mein Traum war es immer schon, einen Master in den USA zu machen. Auch meine Doktorarbeit möchte ich dort schreiben. Erst danach wollte ich wieder in die Türkei, doch nach all diesen Geschehnissen weiß ich nicht, ob ich zurückkommen werde oder ob ich überhaupt in mein Land gelassen werde, da ich Absolventin einer Gülen-nahen Universität bin.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Gürsoy.


* Name von der Redaktion geändert