„adalet“ gibt Hoffnung, aber es braucht mehr!

Die Großkundgebung in Istanbul und der Marsch von Ankara nach Istanbul haben viele Kritiker und Pessimisten eines Besseren belehrt. Der CHP Vorsitzende Kemal Kilicdaroglu hat aus seiner vermeintlichen Schwäche von mangelndem Charisma im Gegensatz zu Erdogan den maximalen Profit geschlagen. Denn nicht nur ein lautes Gebrüll gefällt dem Türken aus Anatolien, sondern traditionell auch die bescheidene und demütige Haltung eines Volksmannes. In diese Rolle ist Kemal Kilicdaroglu mit seiner aufrichtigen und ehrwürdigen Aktion endlich geschlüpft und hat den populären Platzhirsch Erdogan überraschend empfindlich getroffen.

„adalet“ – Erdogan gehen die Argumente aus

Dass der erfolgsverwöhnte und mächtige türkische Staatspräsident von der demokratischen Mobilisierungsmacht des kleinen, überschaubaren Kemal Kilicdaroglu überrascht ist, sieht man an Erdogans Aussagen über die Proteste und Großkundgebung. In seiner Beurteilung sticht ein Ton der Geringschätzung heraus, unterfüttert mit Floskeln und Bedrohungen, die man von Erdogan ohnehin gewohnt ist. Auf stichfeste Argumente setzt der türkische Staatspräsident selten, doch in Anbetracht der demokratischen Wuchtigkeit der „adalet“ Proteste gehen ihm die letzten Argumente aus.

Bei seiner Rückkehr von dem G20 Gipfel hat Erdogan im Flieger geredet. Er sagte: Ich glaube nicht, dass die was mit Gerechtigkeit zu tun haben. Die haben sich für Ecevit ausgesprochen, der mich ins Gefängnis schickte. Und die wollen nach Gerechtigkeit suchen? Darüber, das sie die Bevölkerung bei dem Protestmarsch gequält haben, rede ich noch nicht einmal.“

Frauen mit Kopftuch bei „adalet“ unsichtbar

Auch wenn der Protestmarsch und auch die Großkundgebung viele Menschen unterschiedlicher politischer Gesinnung zusammengebracht hat, waren auffällig wenige konservative Frauen dabei. Zum Teil haben sich viele Bürger aus Angst vor Repressalien und der staatlichen Rache gefürchtet und sind zu Hause geblieben. Ein anderer Teil hatte Ausschreitungen ähnlich bei den GEZI Protesten befürchtet. Dennoch, auch die wenigen Frauen mit religiöser Kopfbedeckung hat die CHP nicht in den Vordergrund gestellt. Dabei wäre ein solches Symbol für die Motivation der Unentschlossenen wichtig gewesen.

Veysel Amca gleicht aus

Mit seinem weißen Bart, dem gekrümmten Rücken und dem Foto seines, beim Wehrdienst verstorbenen Sohnes, hat Veysel Amca dem demütigen Charisma von Kilicdaroglu eine unschlagbare Authentizität verpasst. Er ging, trotz hohem Alter, dem Fastenmonat Ramadan und der prallen Sonne, viele Kilometer an der Seite von Kilicdaroglu. Veysel Amcas Worte über seine Beteiligung an dem Protestmarsch haben geschichtsträchtigen Gehalt: „Ich bin nicht nur für meinen Sohn hier, sondern für alle Soldaten dieses Landes. Ich lasse diese Söhne nicht einfach so vor die Hunde werfen!“ Die konservative Bevölkerung, die der CHP nach wie vor mit großem Unbehagen entgegentritt, hat in Veysel Amca eine Alternative für Kilicdaroglu gesehen und konnten die „adalet“ Demonstration aus diesem Blickwinkel heraus durchaus positiv beäugen. 

Die türkische Opposition macht sich idiotische Begriffe Erodgans zu Eigen. Wofür dann „adalet“?

Ein weiteres Manko von „adalet“ ist der bisweilen unreflektierte und undifferenzierte Umgang der Oppositionspartei CHP und des Oppositionsführers Kilicdaroglu mit Begriffen, die der türkische Staatspräsident mit seiner Omnipräsenz der türkischen Bevölkerung aufgezwungen hat. Nicht nur FETÖ Urheber Erdogan nutzt diesen Begriff, der in den westlichen Demokratien keinen Gegenwert hat, sondern auch flächendeckend die gesamte Opposition.

Auch im Umgang mit den HDP Verhaftungen hat die CHP kein besonders gutes Bild abgegeben, als sie sich nicht für die Immunität der pro-kurdischen Politiker einsetzte. Selbst bei der Großkundgebung hat der CHP Führer kein Wort über den inhaftierten Selahattin Demirtas verloren. Im Gegensatz, ging die CHP in diesem Thema wochenlang mit der AKP Hand in Hand auf einer Linie, um die Immunität der HDP Abgeordneten gemeinsame aufzuheben. Wenn die CHP nun für Gerechtigkeit marschiert und so viele Menschen hinter sich versammelt, dann muss auch in diesen Belangen ein Umdenken stattfinden. Sonst wird das nichts mit „adalet“. Diese Gefahr sieht die konservative Mehrheit in der CHP mit großem Recht. Sie vermuten, dass die Republikaner die Türkei wieder in alte Muster treiben und die Demokratie ihrerseits auslegen, damit wieder Repressalien gegen die Konservativen ausüben und eine andere Form des Staatsterrors an den Tag legen. Die CHP muss sich nun im Gerechtigkeitsverständis beweisen. Der Marsch und die Kundgebung geben allerdings genügend Anlass für neue Hoffnung.

Veysel Amca bei dem Protestmarsch #adalet