Arbeitsweise von regierungstreuen Medien in der Türkei

Alkohol, Zigaretten und Imam von Deutschland: (Fast) alles erlogen

Von: ,

Am 17. Dezember 2013 wurden bei Razzien in Istanbul mehr als 30 Menschen festgenommen, unter denen auch drei Söhne von damaligen AKP-Ministern waren. Damit erreichten die langjährigen Korruptionsermittlungen das Umfeld des damaligen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Der heutige Staatspräsident sah in den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft einen Putschversuch gegen seine Regierung und sagte den beteiligten Polizisten und dem Justizpersonal den Kampf an. Für den “Putsch” machte er die Hizmet-Bewegung des muslimischen Gelehrten Fethullah Gülen, der seit 1999 in US-Exil lebt, verantwortlich, die für ihn seitdem eine Terrororganisation ist. Die AKP konnte oder wollte die von den Staatsanwälten erhobenen Korruptionsvorwürfe nicht entkräften. Im Gegenteil – sie setzte sich vehement und erfolgreich gegen eine juristische und politische Aufarbeitung der Sache zur Wehr.

Vor dem 17. Dezember galt die muslimische Bildungsbewegung als eine gute, erfolgreiche und patriotische Bewegung, deren weltweites Wirken insbesondere von der AKP-Regierung unterstützt wurde. Seit diesem Tag jedoch wirft die AKP ihren Anhängern vor, Staatsverräter zu sein, obwohl sich an den Prinzipien der Bewegung kaum etwas geändert hat. Von heute auf morgen waren “die Guten” plötzlich “die Bösen”. Regierungsnahe Medien begannen gegen sie zu hetzen. Seit nunmehr drei Jahren sind die Anhänger der Hizmet-Bewegung mit unzähligen Anschuldigungen konfrontiert. Den beschuldigten Menschen wird nicht die Möglichkeit gegeben, Stellung zu den Vorwürfen zu beziehen. Auch wenn es sich bei den meisten Berichten um – teils erfundene – Un- bzw. Halbwahrheiten handelt, hat sich ein Negativbild der Bewegung in der türkischen Öffentlichkeit gefestigt. Dieses Bild zu ändern wird kaum möglich sein.

Den Initiatoren der medialen Lynch-Kampagne ist es somit gelungen, die öffentliche Wahrnehmung stark zu manipulieren: “Es kann doch nicht alles erlogen sein, was geschrieben wird. Wenn nur ein Viertel von dem wahr sein sollte, ist das doch ausreichend”, ist mittlerweile eine gängige Meinung.

Es mag aus der Ferne schwer, ja unmöglich sein, die Vorwürfe gegen tatsächliche oder vermeintliche Angehörige der Hizmet-Bewegung in der Türkei im Einzelfall zu prüfen und die Wahrheit in ihrer Gesamtheit ans Tageslicht zu bringen.

Ich möchte aber anhand von Berichten, von denen ich persönlich betroffen war und bin, aufzeigen, wie die regierungstreuen Pool-Medien arbeiten beziehungsweise vorgehen. Es handelt sich hierbei um konkrete Ereignisse, deren Hintergründe ich kenne und zu denen ich Stellung beziehen kann, da ich persönlich betroffen bin.

1. Die regierungstreue Tageszeitung Sabah berichtete, dass ich Mitarbeiter des deutschen Auslandsgeheimdienstes BND durch die Zentrale von Zaman in Offenbach geführt hätte. Der Bericht wurde von einem Redakteur in Istanbul vom Schreibtisch aus verfasst und war von vorne bis hinten erlogen. Wohl auch aus diesem Grund hat die Deutschlandausgabe von Sabah den Bericht nicht übernommen.

2. Ebenso berichtete Sabah, dass ich der für Deutschland zuständige “Imam” der Bewegung sei. Auch das war erlogen. Obwohl Sabah meine Gegendarstellung veröffentlichte, hat sie die Meldung nicht aus ihrem Online-Archiv gelöscht. Die Gegendarstellung erschien an einer hinteren Stelle in der Zeitung, sodass viele Leser nicht mitbekamen, dass die Meldung falsch war.

3. Viele türkische Nachrichtenportale schrieben, dass ich einer der führenden Köpfe bei Zaman Deutschland sei. Das trifft nur zum Teil zu, denn seit April 2012 bin ich nur noch als Kolumnist tätig und habe mit der täglichen Redaktionsarbeit nichts mehr zu tun.

4. In den sozialen Medien wurde die Meldung verbreitet, dass ich mit dem Rauchen angefangen hätte. Was man damit erreichen wollte, ist mir nicht ersichtlich. Vielleicht wollten sie damit den Eindruck erwecken, dass ich mich in einer Krise befinde. Vor meiner Bekanntschaft mit der Gülen-Gemeinde habe ich hin und wieder mal geraucht. Seit über 30 Jahren jedoch habe ich keine einzige Zigarette in den Mund genommen.

5. Ein Redakteur des Nachrichtenportals Odatv ging noch weiter und schrieb, dass ich Rakı-Trinker sei. Nie in meinem Leben habe ich Rakı getrunken und weiß daher nicht einmal, wie er schmeckt. Bei dieser Gelegenheit möchte ich eingestehen, dass es bei Wein anders ist. Vor meiner Bekanntschaft mit der Bewegung habe ich an einer Abschiedsfeier teilgenommen, die meine Kommilitonen für mich organisiert hatten. Unter dem Einfluss der euphorischen Atmosphäre des Abends ließ ich mich dazu verleiten, 2 bis 3 Gläser Wein zu trinken. Daran, was danach an dem Abend passiert ist, kann ich mich nur schwer erinnern. Ich hatte Angst, dass ich in der Toilette umfallen könnte und diese Angst ist auch der Grund, warum ich danach nie wieder Alkohol zu mir genommen habe.

6. Die Tageszeitung Hürriyet erschien mit dem Aufmacher, dass ich den flüchtigen Ex-Staatsanwalt Zekeriya Öz bei mir in der Wohnung verstecken würde. Sie veröffentlichte in dem Artikel auch meine Privatadresse. Das war eine Lüge, die sie auf angebliche Informationen aus Sicherheitskreisen stützte. Nach einem sehr kritischen Artikel von mir löschte Hürriyet die Meldung aus ihrem Online-Archiv. Über 20 Nachrichtenportale jedoch, die Hürriyet als Quelle angaben, taten dies nicht.

7. In den türkischen Medien wurde behauptet, dass Zekeriya Öz Sitzungen in der Firmenzentrale von Zaman abhalten würde. Sie gingen soweit zu behaupten, dass er Einfluss auf die Redaktion von Zaman ausübe. Da die Verfasser dieser Lügenmeldungen in der Türkei saßen, wussten sie nicht einmal, dass die Hauptredaktion von Zaman vor vier Jahren nach Berlin umgezogen war. Was Zekeriya Öz betrifft: Er hat nie in seinem Leben die Zaman-Räumlichkeiten in Offenbach betreten. Weder vor seiner Flucht aus der Türkei, als er noch als Held gefeiert wurde, noch danach, als er als Verräter vom Hof gejagt wurde.

8. In meiner 30-jährigen Tätigkeit als Journalist bin ich nur ein einziges Mal wegen eines Artikels angeklagt worden. Das Gericht forderte von mir nur in einem von insgesamt zehn Absätzen Korrekturen vorzunehmen. Ansonsten blieb der Artikel in seiner Ursprungsform und ist online immer noch aufrufbar. Dennoch schrieb das Nachrichtenportal Odatv, dass ich den Prozess verloren hätte und vom Gericht verurteilt worden sei. Das war eine typische Lüge, wie man sie von Soner Yalçın, dem Herausgeber der Portals, kennt. Die Redakteure von Odatv machten sich noch nicht einmal die Mühe, sich den Artikel durchzulesen, obwohl sie dazu einen Bericht verfasst haben.

Das sind, soweit ich weiß, alle Falschberichte, die meine Person betreffen und meine Darstellungen dazu. Sie sind katastrophale Negativbeispiele für die Medienethik der türkischen Presse. Denn in keinem einzigen der genannten Fälle sind die Journalisten auf mich zugekommen, obwohl sie diese Möglichkeit hatten. Meine Meinung war ihnen nicht wichtig. Der Grund kann nur sein, dass sie genau wussten, dass ihre Stories nicht der Wahrheit entsprechen. Leider ist es aber so, dass die Leser das, was über mich geschrieben wird, für bare Münze nehmen und oft nicht die Möglichkeit haben, die Fakten zu checken. Ausgehend von diesen Beispielen können Sie sich ja ein eigenes Bild davon machen, was wahr und was unwahr in der Berichterstattung über die Gülen-Bewegung ist.