Medienkritik

ARD-Nachtmagazin: Angst der Mehrheit unterdrückt die Meinung der Minderheit

Das ARD-Nachtmagazin warnt in einer Video-Reportage vor „religiösen Konflikten“ an Hamburger Schulen und stellt fest, dass „islamistisches Mobbing“ zugenommen habe. Das riecht gewaltig nach einer neuen „Integrationsdebatte“.

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Das ARD-Nachtmagazin warnt in einer Video-Reportage vor „religiösen Konflikten“ an Hamburger Schulen und stellt fest, dass „islamistisches Mobbing“ zugenommen habe. Der Grund für diesen Panik-Bericht dürften die jüngsten Gräuel der ISIS in Nordirak sein, die die Weltgemeinschaft aufgeschreckt haben.

Es riecht gewaltig nach einer neuen „Integrationsdebatte“, die die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten auch mit den Geldern jener Menschen anstoßen wollen, die Gegenstand dieser Debatten sind. Denn das ARD-Nachtmagazin stellt fest, dass „islamistisches Mobbing“ zugenommen habe und führt als Präzedenzfall eine junge Dame namens „Pinar“ auf, die sich über gewachsene Drohungen durch ihre muslimischen Schulkameraden beschwert, dass sie in der Klasse (!) mit Steinen (!) beworfen wurde, weil sie aus Sicht ihrer Freunde nicht religiös genug wäre und sie sich nicht denen anpassen würde. Denn „Pinar“ zieht gerne T-Shirts an und schminkt sich.
Dabei erzählt „Pinar“ verdeckt über ihre Erlebnisse. Die verzerrte Stimme und die verzerrten Bilder suggerieren dem Zuschauer dabei, dass sich „Pinar“ unter Lebensgefahr  befinden muss. Wie gefährlich müssen bloß diese Schulkameraden sein, dürfte sich der uninformierte oder halbinformierte Zuschauer die Frage stellen.

Tiefpunkt medialer Manipulation

Um es kurz und schmerzlos zu machen: Die Video-Reportage von Andreas Hilmer (NDR) ist ein beschämendes Zeugnis und weiterer Tiefpunkt medialer Manipulation durch eine Institution, deren Gesellschaftsauftrag das Gemeinwohl einer Gesellschaft ist, die bekanntermaßen multiethnisch und multireligiös geworden ist.
In den vergangenen 15 Jahren haben wir solche und ähnliche Themen mehrfach durchgekaut und unverdaut ausgespuckt, weil sie bei weitem nicht der Realität entsprachen, wie die Medien der Öffentlichkeit immer wieder deutlich machen wollte:
Die Mär muslimischer Mädchen, die nicht am Sport- und Schwimmunterricht teilnehmen dürfen, die Importbräute, Zwangsheirat und Ehrenmorde, Gewaltbereitschaft unter muslimischen Jungen, die angebliche Deutschenfeindlichkeit, von der die ehemalige Familienministerin Kristina Schröder gerne propagierte, die Leitkultur und viele, viele andere Themen und ihre öffentlichen Diskussionen, die letzten Endes dazu gedient haben, die migrantische Community von ihrer deutschen Heimat zu entfremden und Rechtspopulisten eine kostenlose Vorlagen für ihren Aufstieg zu geben.
Dabei ist die Motivation dieser und ähnlicher Reportagen in diesen Tagen nicht schwer zu erraten: In einem von Deutschland weit, weit entfernten Land namens Irak habengrausame Terroristen (besser: Monster) Städte erobert und nach Medienberichten über 1.700 Menschen grausam hingerichtet. Die Bilder und Videos davon lassen ganz bestimmt nicht nur die deutsche Mehrheitsgesellschaft erschaudern sondern auch die türkische und muslimische Community in Deutschland.

Auch die Deutschlandtürken haben das Bedürfnis nach Sicherheit

Angesichts der grausamen Bilder und der beunruhigenden Entwicklung in der Region ist es sehr verständlich, dass die subjektive Bedrohungswahrnehmung und damit das Bedürfnis nach Sicherheit zunehmen. Dies gilt auch für die türkische und muslimische Community in Deutschland. Aber das scheinen die Medienmacher zu vergessen oder sie sind nicht imstande dies zu erkennen. Zumindest stellt man sich als Mitglied einer Minderheit, die in dieser Reportage zur Zielscheibe gemacht wird, diese Frage.
Und trotz aller Kritik bin ich dankbar für diese Reportage der NDR. Denn sie ist ein weiterer Beleg dafür, dass die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten nur in der Lage sind, das Meinungsbild und die Bedürfnisse der deutschen Mehrheitsgesellschaft einseitig wiederzugeben und dafür das Meinungsbild und Bedürfnisse der migrantischen Minderheiten auszublenden. Die deutschen Medien handeln höchst eigennützig und lassen Empathie für die Gesamtheit der deutschen Gesellschaft missen. Dies betrifft nicht nur die Medienberichterstattungen, in denen die Einwanderergruppen Gegenstand des Berichts sind.

Es betrifft auch Themen des Rassismus’, des Rechtsextremismus’ und der NSU-Morde. Sie werden ganz oder überwiegend aus Sicht der Mehrheitsgesellschaft bewertet. Da kommen Einzelpersonen oder einzelne Interessenvertreter zu Wort, aber eine umfangreiche und tiefgründige Diskussion darüber, was die türkische Community vom deutschen Staat und seinen Sicherheitsorganen erwartet, wird im besten Fall in den Sozialen Netzwerken oder migrantischen Medien diskutiert – fernab der deutschen Mehrheitsgesellschaft.

Dabei wäre es doch weitsichtig wie klug, so der gesunde Menschenverstand, das man ein Bedrohungspotenzial, wie beispielsweise durch den ISIS in Irak, abmildert oder verhindert, in dem man die Betroffenen aktiv in den Diskurs einbindet statt sie zu Objekten zu degradieren, über die geredet wird statt mit ihnen zu reden. Und nein – es ist damit nicht getan, dass aus Sicht der deutschen Gesellschaft „erwünschte Migranten“ als vermeintliche Zeitzeugen in die Sendungen eingeladen oder interviewt werden, die den Prozess der medialen Ausgrenzung, Marginalisierung und Stigmatisierung nur noch mehr anheizen.

Ein strukturelles Problem

Die vielen Themen und Debatten der vergangenen 15 Jahre zeigen, dass die Perspektive der migrantischen Communities in den Medien keine Berücksichtigung findet. Das ist aber kein Problem, das einzelne Journalisten oder Medienmacher betrifft. Es ist ein strukturelles Problem. Es ist ein Mentalitätsproblem von Entscheidungsträgern in diesen Institutionen, die immer noch nicht verstanden zu haben scheinen, dass die Summe der deutschen Gesamtgesellschaft auch Menschen umfasst, die einen so genannten Migrationshintergrund tragen. Wenn der Gesellschaftsauftrag der Medien das Gemeinwohl ist, dann gehört dazu auch das Wohl der migrantischen Communities, deren Ängste, Sorgen und Wünsche anders geprägt sind. Auch ihre Meinungen, ihre Einschätzungen, ihre Kontroversen, ihre Erwartungen gegenüber der deutschen Gesellschaft und dem deutschen Staat müssen angemessenen Platz in den Medien finden.

Gegenwärtig aber unterdrückt die Angst der deutschen Mehrheitsgesellschaft die Meinung der ethnischen und religiösen Minderheiten in Deutschland.