Auf frischer Tat ertappt

„Die Aleviten haben die Große Moschee überfallen und ihr sitzt hier und unternehmt nichts?“, rief der fremde Mann mit buschigem Bart mit seiner tiefen Stimme in die neblige Nacht hinein. Niemand kannte ihn, niemand hatte ihn je vorher gesehen und nach diesem Tag sollte ihn auch keiner mehr sehen. Doch der Funken, den dieser fremde Mann auslöste, verursachte ein schreckliches Feuer, das sich rasch auszubreiten schien. Alevitische Läden brannten nieder. Nicht einmal die ehrenwertesten Männer der Stadt konnten die wütende Meute aufhalten…

„Auf was wartet ihr denn noch? Diese Tyrannen haben unsere Dörfer dem Erdboden gleich gemacht!“, schrie ein dunkelhäutiger Mann mit flauschigem Schnauzbart. Es war noch kein einziger Schuss gefallen in dem Viertel, doch von da an sollten die Schüsse auch nicht mehr verstummen. Ungeachtet des Geschreis der Kinder und des Jammerns der Mütter ertönten Schüsse – überall. Nicht mal die Älteren der Stadt konnten jetzt noch den Lauf der Ereignisse beeinflussen.

Die blutigen Ereignisse der 70er Jahre

Die Teestube an der unteren Straße wurde überfallen; im oberen Stadtviertel wurden Jugendliche hektisch zusammengetrommelt. Einer von ihnen schrie auf, so laut er konnte: „Rache! Blut gegen Blut, Auge um Auge“. Sie liefen zu den Waffen, es stand Krieg an, „gegen den Feind“, so hieß es. Den Feind aus dem unteren Viertel. Den Feind, mit dem man früher Tag für Tag auf den Straßen kickte. Den Feind, mit dem man auf tausenden Hochzeiten gemeinsam getanzt hatte. Der junge Mann, der als eines der ersten fiel, hatte früher noch mit seinem heutigen Feind und Mörder gemeinsam gelernt und gegessen – bei ihm zuhause.

Kurz vor Sonnenaufgang traf sich eine Gruppe von Männern, die Gesichter vermummt mit mehreren Schalen. Der jüngste unter ihnen brach die Stille: „Diese feigen Hunde haben unseren Gewerkschaftspräsidenten mit Blei durchsiebt. Sollen die Täter etwa ungestraft davonkommen? Soll sein Blut auf dem Boden liegen bleiben?!“, fragte er erbittert in die Runde der zornig dreinblickenden Jugendlichen. „Heute Nacht stürmen wir deren Wohnheim!“ Im Wohnheim lebten Jugendliche aus den umliegenden Dörfern, die eigentlich zum Studieren in die Stadt gekommen waren. Doch heute Nacht qualmten sie Zigarette um Zigarette für einen anderen Zweck. Sie hielten Wache, um auf den anrückenden „kommunistischen Angriff“ vorbereitet zu sein. Sie gingen davon aus, eines Morgens sowjetischen Panzern gegenüber zu stehen – genau wie es in Afghanistan der Fall war. Immerhin gab es einen Haufen von „Moskof-Burschen“ wie Babrak Karmal, die bereit waren, die Rote Armee in das Land zu lassen. Doch erahnten sie nicht, dass die anrückende Realität eine andere war. In wenigen Augenblicken würde Blei auf sie herabregnen und ihr Studium bliebe für immer unvollendet…

Rechte gegen Linke – das Chaos endet in einem Putsch

Solche Alpträume begleiteten uns in die 80er hinein. Massaker, Attentate, unaufgeklärte Morde. Der blutige 1. Mai, das Massaker von Bahçelievler, die Maraş-Ereignisse mit hunderten Toten, die Attentate auf Gün Sazak, den Minister für Kartell und Zoll von der Nationalistischen Partei MHP, den ehemaligen Premierminister Nihat Erim und den Chefredakteur der Milliyet-Zeitung Abdi Ipekçi. Täglich starben mindestens 40 Menschen. Wer auch immer diese Vorfälle anzettelte, wusste genau, welche Reaktion folgen würden. Mehr als 5000 Menschen haben in diesem Chaos ihr Leben verloren.

Und dann gab es eines Tages einen Militärputsch. Ohnehin wurde dieser Komplott angezettelt, um den Notstand ausrufen zu können und dementsprechend zu regieren. Denn solch ein Übergangsregime war vonnöten, um den Forderungen internationaler Machtstrukturen Folge leisten zu können. Letztendlich sind unsere Kinder die Leidtragenden. 650.000 Menschen wurden verhaftet, zehntausende von ihnen gefoltert. Und wofür das alles? Ist eine „Nationalistische Türkei“ entstanden? Haben wir die „Brüderschaft der Völker“ erreicht?

Nach dem Militärputsch 1980 endete der Kampf zwischen Rechts und Links. Ohnehin war dieser künstlich. Übertrieben, aufgestachelt und ins Endlose getrieben. Im Grunde stammten die Akteure aus Arbeiter- und Beamtenfamilien. Sie wurden in die Irre geführt und stürmten die Straßen. Diese Künstlichkeit war auch der Grund dafür, dass sich die erbittertsten Feinde schnell wieder vertrugen, zu Freunden und zu Partnern wurden, ja sogar Verwandtschaftsbündnisse eingingen. Sie hatten sich von ihren Emotionen und Reaktionen leiten lassen und somit denjenigen in die Karten gespielt, die den Menschen dieses Landes eine Falle gestellt hatten. Die Mächte, die die Demokratie auszuhebeln versuchten, schrieben ein neues Szenario sowohl für dieses Land als auch für diese Region. Eines ohne Happy End!

Dieselben Szenarien haben wir auch am 28. Februar gesehen, genauso wie am 27. April. Weit hergeholte Lügen und schreckliche Pläne haben die Menschen in Angst und Schrecken versetzt. Die Agenten der psychologischen Kriegsführung haben jegliche Rollen besetzt. Als sich der Staub legte, bekam man ein äußert bekanntes Schauspiel zur Sicht. Das Land war um 50 Mrd. $ erleichtert worden, die „patriotischen Funktionäre“ hatten anderen Ländern Aufträge vergeben, um die „Bündnisse“ zu festigen.

Damals Aleviten, heute Kurden

Und nun wird dasselbe Spiel gespielt, dieses Mal aber über die Kurden. Eine wertelose Terrororganisation, die keine Grenzen kennt, tränkt das Ramadan-Fest in Blut. Diese Mörder kennen weder Erbarmen noch haben sie ein Gewissen. Aber hinter ihren Taten steckt sich eine Logik. Um die zu übersehen, muss man entweder verrückt geworden oder seiner Wut erlegen sein. Sie hat in Gaziantep ihre Bauern aufs Spielfeld geschickt, um uns zu provozieren und die über 1000jährige Brüderschaft vergessen zu machen. Der Konflikt zwischen den Sicherheitskräften und der blutigen Terrororganisation soll eskalieren und zu einem Konflikt zwischen Kurden und Nicht-Kurden werden. Wer auch immer der Organisation diesen perfiden Auftrag erteilt hat, setzt alles daran, den Reaktionen eine kriminelle Dimension zu geben.

Wir haben eine junge Bevölkerung. Jugendliche, die jederzeit ihren Emotionen zu erliegen bereit sind. Jugendliche, die die Männer mit buschigen Bärten nicht kennen, die vor Jahren in die neblige Nacht hineinriefen. Wirklich böse kann ich nicht sein auf diese Jugendlichen; auch nicht auf jemanden, der beauftragt wurde, die Werte der Menschen zu missbrauchen, um die Stimmung aufzuheizen. Wenn jemand aus dem revolutionären Milieu aufsteht und mit all seiner Kraft schreit: „Soll dieses Blut etwa auf dem Boden liegen bleiben?“, wird es in diesem Land gewiss viele Jugendliche geben, die ihn für einen aufrichtigen Patrioten halten und erwidern: „Nein, niemals, nicht, solange ich lebe!“

Ja, aber ist das denn die Lösung? Wann wird denn die Jugend dieses Landes, die sich bisher schon zigmal hat ausnutzen lassen, lernen zu differenzieren? Zu differenzieren zwischen dem Dasein als Marionette im Puppentheater imperialistischer Mächte und dem als demokratische Kontrollinstanz, die die Aufgabe der Sicherheit der legitimierten Macht überlässt. Das Militär, die Polizei und die Nachrichtendienste des Staates werden Hand in Hand den Terror auslöschen. Die Einrichtung, die dies nicht zu vollbringen vermag, wird vom Volke zur Rechenschaft gezogen. Außerhalb dieser Grenzen nach Lösungen zu suchen und zu versuchen, das Problem auf der Straße zu lösen, ist eine gesellschaftliche Bankotterklärung und kann weder mit Patriotismus noch mit der Ablehnung des Terrors legitimiert werden. Lasst den Staat seine Aufgabe erfüllen und die Schuldigen hinter Gittern bringen. Und zieht die zur Rechenschaft, die ihre Aufgaben vernachlässigen, falsch oder gar nicht ausfüllen. Alles andere ebnet den Weg in die Anarchie…

Ekrem Dumanlı ist ein bekannter türkischer Journalist und Chefredakteur der Tageszeitung Zaman. Er hat die Ereignisse der 70er Jahre hautnah miterlebt, wurde während des Putsches 1980 festgenommen und ein Jahr später freigelassen. Er gilt als Experte für die jüngeren Putsche in der Türkei und hat dazu mehrere Bücher veröffentlicht (u.a. „Üç Mesele: İktidar Medya Ergenekon“ – „Drei Themen: Herrschaft Medien Ergenekon“).