„Ich bin Türke, so viel ist klar“: Wer ist eigentlich der türkische Nobelpreisträger?

Um fünf Uhr morgens reißt ihn ein Anruf aus Schweden aus dem Schlaf. Er dachte, dass seine Frau ihn am anderen Ende der Leitung erwartet. „Ich bin aufgewacht, zum Telefon gegangen und dann haben sie mir gesagt, dass ich den Chemienobelpreis bekomme. Ich war noch völlig schlaftrunken, habe aber versucht, mich auf angemessene Weise zu bedanken“, sagt der frisch gebackene Nobelpreisträger Aziz Sancar.

Seitdem ist er in der Türkei in aller Munde. Als erster türkischer Wissenschaftler erhält der Biochemiker am 10. Dezember einen Nobelpreis. Nach der Verleihung des Literaturnobelpreises an Orhan Pamuk 2006 ist er damit der zweite Türke, der von der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften in Stockholm ausgezeichnet wird. Bis dahin dürfte er allerdings den wenigsten Türken ein Begriff gewesen sein. Wer ist er also?

Sancar wurde 1946 in der südosttürkischen Provinz Mardin geboren und allein diese Tatsache reicht anscheinend schon aus, um eine sinnlose Debatte über seine Nationalität vom Zaun zu brechen. Schon wenige Stunden nach Bekanntgabe der Verleihung des Preises an ihn kamen Behauptungen auf, er sei Kurde. Schließlich ist Mardin eine mehrheitlich von Kurden bewohnte Stadt. Das wurde postwendend zurückgewiesen, indem in sozialen Netzwerken Fotos von ihm verbreitet wurden, auf denen der Wissenschaftler vor der türkischen Fahne, in türkischem Trikot und vor Bildern Atatürks posiert. Doch nicht nur für seine Landsleute spielte die eigentlich nebensächliche Frage nach seiner Ethnie eine Rolle, auch dass die angelsächsischen Medien ihn zu einer Stellungnahme dazu zwangen, erregte Sancars Unmut: „Die erste Frage, die die BBC mir gestellt hat, war ‚Sind sie Araber?‘. Ich bin Türke, so viel ist klar. Egal, ob ich in Mardin, in Cizre oder in Kars geboren bin, ich bin Türke.“

Aus armen Verhältnissen zum Nobelpreisträger

Viel bedeutender als seine ethnische Zugehörigkeit ist jedoch seine Biografie, die vielen als Vorbild dienen sollte: Im Landkreis Savur geboren stammt er aus ärmlichen Verhältnissen. Er war das siebte von acht Kindern. Seine Eltern, „die weder lesen noch schreiben konnten, aber Bildung eine sehr hohe Bedeutung beigemessen haben und glaubten, dass ihre Kinder, wenn sie die nötige Bildung erhalten, das Beste aus sich machen werden“, haben es ihm trotz aller Unzulänglichkeiten ermöglicht, in Mardin das Abitur abzulegen. Daraufhin hat er 1963 einen der begehrten Plätze an der Medizinischen Fakultät der Universität Istanbul erhalten. 1969 kehrte er in seine Heimat Mardin zurück und arbeitete zwei Jahre als Arzt, danach zog es ihn in die USA, wo er seine akademische Karriere begann.

In deren Verlauf hat er 33 Bücher geschrieben und sich international einen Namen in den Bereichen Biochemie und Biophysik gemacht, speziell im Bereich der sogenannten „mechanistischen Untersuchung der DNA-Reparatur“. Heute ist er Professor an der University of North Carolina, an derselben Fakultät wie seine Ehefrau Gwen Sancar. Seine Arbeit beschreibt er selbst folgendermaßen: „DNA-Reparatur ist für die Krebsbekämpfung wichtig. Denn viele Faktoren, die Krebs verursachen, tun dies, indem sie die DNA beschädigen. Wie die DNA sich selbst repariert, wie Zellen sich selbst gegen Krebs schützen, das klären wir auf. Darüber hinaus ist diese DNA-Reparatur von Bedeutung für die Entwicklung von Krebstherapien.“

Die Türkei braucht die Wissenschaft

Überrascht war Sancar eigenen Angaben zufolge weniger darüber, dass er einen Nobelpreis erhält, als darüber, welchen er erhält. „Meine Arbeiten haben sowohl eine medizinische als auch eine chemische Ausrichtung. Ich dachte aber, ich würde den Nobelpreis für Medizin erhalten. Da dieser aber bereits zwei Tage vorher bekanntgegeben wurde, dachte ich, es wird nichts mehr. Deswegen hatte ich auch den Chemienobelpreis nicht mehr erwartet. Es war schon eine ziemliche Überraschung“, so der Wissenschaftler, dessen Cousin Mithat Sancar ebenfalls Professor ist, momentan aber für die HDP als Abgeordneter des Wahlkreises Mardin im türkischen Parlament sitzt.

Natürlich sei er glücklich und es sei eine große Ehre für ihn, den Preis zu erhalten. Mehr jedoch freue er sich für andere: „Außerdem habe ich mich für meine Familie gefreut, denn wir sind eine große Familie. […] Aber am meisten freue ich mich für meine Heimat. Denn meiner Meinung nach braucht die Türkei die Wissenschaft, für die Entwicklung des Landes, um aus diesem schwierigen Zustand herauszukommen und das Niveau Europas zu erreichen, ist die Wissenschaft unverzichtbar. Ich bin sehr erfreut, dass ich dazu einen Beitrag leisten kann.“