Balkan-Länder: Die Angst vor Erdoğans Flüchtlingen

In dem verlassenen einstigen Zolllager direkt hinter dem zentralen Busbahnhof in der serbischen Hauptstadt Belgrad herrschen chaotische Zustände. Schätzungsweise 500 Flüchtlinge oder mehr hausen allein hier unter katastrophalen hygienischen Verhältnissen. Beißender Qualm von brennenden Autoreifen oder Müll und unbeschreiblicher Gestank macht das Atmen schwer.

Vor dem Gebäude und dem benachbarten ehemaligen Eisenbahndepot hocken die Menschen am Boden. Eingehüllt in Decken gegen die Kälte. Einige waschen sich mit kaltem Wasser – es gibt nur eine Zapfstelle. Hunderte stellen sich geduldig an, um eine Schale Gemüsesuppe mit einer Scheibe Weißbrot zu ergattern. Eine private ausländische Hilfsorganisation verteilt hier rund 1000 Portionen. Jeden Tag. Doch da das nicht reicht, köcheln einige an provisorischen Feuerstellen.

Belgrad war im vergangenen Jahr einer der Dreh- und Angelpunkte der sogenannten Balkanroute, die mehr als eine Million Migranten zur Flucht nach Westeuropa nutzten. Im März wurde sie vor allem zwischen Griechenland und Mazedonien dicht gemacht. Dennoch haben es etwa 7000 Flüchtlinge nach Serbien geschafft. Doch während im Vorjahr hauptsächlich syrische Bürgerkriegsflüchtlinge kamen, sind es heute fast ausnahmslos junge Männer um die 20 aus Pakistan und Afghanistan.

Einige hundert Kilometer weiter südöstlich sitzen in Bulgarien im größten Aufnahmelager Harmanli nicht weit von der Grenze zur Türkei etwa 3000 Migranten fest. Erst in der vergangenen Woche hatte es dort Ausschreitungen mit Verletzten gegeben.

Im benachbarten Griechenland können rund 60 000 Flüchtlinge aus der Türkei nicht vor und nicht zurück. Auf den Inseln Lesbos und Chios kommt es immer wieder zu Gewalt auch mit örtlichen Bewohnern, die um den Ruf ihrer Tourismusinseln fürchten.

Doch das alles könnte nur ein kleiner Vorgeschmack auf das sein, was geschehen könnte, sollte Ankara den Flüchtlingspakt mit der EU aufkündigen und die Grenzen für die derzeit in der Türkei lebenden drei Millionen Flüchtlinge öffnen. „Uns droht ein Tsunami von drei Millionen Migranten“, schlug die serbische Regierungszeitung „Novosti“ am Wochenende Alarm. Überlegt werde, an der südlichen Grenze zu Mazedonien Grenzzäune zu errichten. Auch weiter im Norden beim Nachbarn Kroatien gibt es ähnliche Pläne. Schon im vergangenen Jahr hatte die konservative HDZ – damals noch als Oppositionspartei – das vehement gefordert. Seit wenigen Wochen bildet sie die Regierung.

Ein neuer Flüchtlingsansturm könnte die Balkanländer vor ganz neue Herausforderungen stellen. Denn im vergangenen Jahr hatten sie es noch vergleichsweise einfach. Die in der Spitze mehr als 10 000 Flüchtlinge pro Tag wurden damals in staatlicher Regie schlicht durchs Land nach Österreich und vor allem weiter nach Deutschland geschleust. Doch damals gab es noch offene Grenzen. Seitdem haben sich die Staaten entlang der Balkanroute aber unter Führung von Österreich abgeschottet. Noch sprechen aber wenige Politiker aus, was die Medien schon fürchten: Bei einem Ansturm wie im vergangenen Jahr dürften die bisherigen Zäune kaum ausreichen. (Thomas Brey, dpa/ dtj)