Ist die Berliner Mauer den Deutschtürken auf den Kopf gefallen?

Jedes Jahr im Oktober feiert Deutschland den Tag der Einheit, einen Monat später den Mauerfall. In der Tat – der Spätsommer ist für Deutschland eine Zeit der Freude, zumindest für das offizielle Deutschland. Der Alltags-Deutsche versucht in dieser Jahreszeit in den südlichen Breitengraden noch etwas Sonne aufzutanken bevor der Winter richtig zuschlägt.

Bei all diesen Freuden und Feierlichkeiten geht jedoch eines unter: Was denken überhaupt die eingewanderten Berliner über den Mauerfall und die darauffolgende Einheit beider deutscher Staaten? Nicht die alten Einwanderer wie die Hugenotten – die sind mittlerweile in der Bevölkerung aufgegangen -, sondern die neu Hinzugekommenen? Zum Beispiel die Deutschtürken, oder „Almancı – Deutschländer“, wie der türkische Volksmund sie nennt?

Dass auch sie zu Deutschland und Berlin gehören, ist im Alltag nicht übersehbar. Fast 3 Millionen Türken leben in Deutschland, davon 170.000 in Berlin; in keiner Stadt außerhalb der Türkei ist die Ballung so groß wie in Berlin. Das ist allgemein bekannt. Was die wenigsten wissen dürften: Sie leben in Berlin nicht nur seit den Anfängen des Mauerbaus. Seit ungefähr 300 Jahren ist eine türkische Existenz in Berlin belegt.

Podiumsdiskussion von Zaman und Stiftung Aufarbeitung

Genau diese Fragen waren kürzlich Gegenstand einer Podiumsdiskussion in Berlin: Der Mauerfall, die Einigung und die Deutschtürken. Veranstaltungsort war die Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur in Berlin. Zu den Veranstaltern zählten neben der Stiftung Aufarbeitung der Bundesverband der Unternehmervereinigungen e.V. (BUV) und die türkischsprachige Tageszeitung Zaman Deutschland.

Dursun Çelik, Chefredakteur der Tageszeitung Zaman betonten in seiner Rede darauf ein, wie wichtig historische Ereignisse für das Gemeinschaftsgefühl in der Gegenwart sind und sagte: „Zusammen erlebte Leiden und Freuden bringen Menschen zusammen und stärken ihre Gemeinschaft sowie ihren Zusammenhalt. Das Teilen eines gemeinsamen Schicksals lässt Menschen zueinander näher kommen, gar miteinander schmelzen. So entstehen nach Jahrhunderten feste Gemeinschaften.“

Die Diskutanten waren der bekannte deutsch-türkische Unternehmer und Politiker Vural Öger; Präsident der Türkischen Gemeinde zu Berlin, Bekir Yilmaz; Autorin, Moderatorin und freie Journalistin in Berlin Ebru Taşdemir und der Immobilienunternehmer aus Dresden Ümit Çoban.

Die ersten drei Teilnehmer hatten auch biographisch mit Berlin zu tun und haben auch die Existenz der Mauer miterlebt. Vural Öger kam 1961 – noch vor der Mauerbau – nach Berlin und lebte zwischen seinem 19. und 26. Lebensjahr in der geteilten Stadt. Ebru Taşdemir wurde in Berlin geboren und wuchs auch hier auf. Bekir Yılmaz kam Ende der 70er Jahre nach Berlin, machte sein Abitur und studierte erfolgreich an der Universität.

Öger schilderte wie er damals die vom Krieg noch gezeichnete deutsche Hauptstadt erlebte, wie er mit türkischem Pass Reisefreiheit auch in den östlichen Teilen der Stadt hatte, die der einheimische Berliner mit deutschem Pass nicht hatte. Ebru Taşdemir lenkte den Blick auch auf die weniger erfreulichen Aspekte des Mauerfalls, als ihr Vater meinte, die Mauer sei eigentliche auf die Türken gefallen.

Mauer fiel nicht auf Deutschtürken, sondern auf Unqualifizierte

Hieß das nun, die Deutschtürken sind die Verlierer des Mauerfalls und der Wiedervereinigung? Vural Öger verneinte dies. Man könne nicht im Namen einer gesamten ethnischen Gruppe einen Schluss ziehen. Dies sei vielmehr eine Schichtenfrage. Die Qualifizierten gehörten nicht zu den Verlierern. Und Bekir Yilmaz, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde zu Berlin (TGD) gab bekannt, dass auch nach 25 Jahren Mauerfall sie noch keinen Verein als Mitglied haben, der in den ehemaligen Ostteilen der Stadt angesiedelt ist. Die TGD hat insgesamt 79 Mitgliedsvereine- und verbände.

Die offiziellen Statistiken bestätigen es: Auch nach 25 Jahren leben unter 5 Prozent der türkischstämmigen Berliner in den Ost-Berliner Bezirken. Ein Hinweis dafür, dass die Mauer physisch überwunden, psychologisch jedoch keineswegs verschwunden ist.

Die Veranstaltung brachte zumindest einen Erkenntnisgewinn: Als Beton ist die Mauer weg, als Metapher nicht überall, nicht bei allen. Offensichtlich ist noch viel Arbeit zu erledigen. Bei aller Feierstimmung sollte das nicht vergessen werden, denn ein Staat besteht nun mal nicht nur aus Territorium und Macht auf diesem Gebiet. Menschen gehören auch dazu.

So wie auch die Einwanderer zum Volk gehören. Oder sollte man besser zur Bevölkerung sagen…