Bürgerkrieg und Berichterstattung

Bevölkerungswachstum in Aleppo

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Berichterstattung ist von Propaganda in diesen Tagen überhaupt nicht mehr zu unterscheiden. Die einen werfen Putin und Assad Falschaussagen über Korridore rund um Aleppo vor, die nicht vorhanden wären, umgekehrt scheint die Zahl der Bewohner der Stadt zu explodieren – wo doch immer mehr Flüchtlinge festgestellt werden. Wer verschafft hier Klarheit?

Aleppo soll zu Beginn des Krieges in Syrien rund 2 Mio Einwohner gehabt haben. Seither fliehen die Menschen, aber es kommen natürlich auch Flüchtlinge aus dem Umland in Aleppo an. Dennoch verwundert die Zahlenentwicklung der Berichterstattung in den letzten Tagen. Während man darum streitet, ob nun die verharmlosend bezeichneten Rebellen oder aber das dämonisierend bezeichnete Regime für die Angriffe auf die Stadt verantwortlich sind, schnellen die Zahlen der Bedrohten in die Höhe: von einigen Hunderttausend war zunächst, dann von einer Millionen, nun ist wieder von zwei Millionen die Rede – also einer Bewohnerzahl wie zu Hochzeiten Aleppos als wichtigste Handelsmetropole Syriens.

Diese Zahlenentwicklung müsste stutzig machen, ebenso wie klare Schuldzuweisungen oder Propagandabehauptungen, die in der Blackbox des eigenen Wissenwollens stecken bleiben – wie etwa bei Bild und Spiegel.

Daran, Klarheit zu verschaffen, ist anscheinend niemand interessiert, sonst würde man seine Quellen und Methoden offen legen, wie man zu welchen Schlüssen kommt. Aber einfach auf andere Quellen verweisen und auf Leute, die man vor Ort fragen würde, ohne diese zu nennen, ist das Gegenteil von Transparenz. Zu oft haben sich vorbereitete Botschaften von Daesh in die Berichterstattung geschlichen – etwa die von heldenhaften Ärzten in Aleppo, die aber in anderen Videos als Rebellen, Kämpfer, Journalistenführer oder in noch anderen Rollen auftraten. Einige interessante Bild-Vergleiche sind auf der Website einer Berliner Künstlerin zu finden.

Auch das müsste stutzig machen. Aber es scheint sich angesichts der Fülle des Materials und vielleicht auch aufgrund des Vertrauens auf Sprachbarrieren eine Haltung breit zu machen, die man von Medienseite gerne Bloggern unterstellt: Man bringt vorschnell und ungeprüft das, was man selbst erwartet – was in den eigenen Frame passt, das eigene Bild stützt. Das ist das Gegenteil von Journalismus.

Eine Ausnahme bildet hier Karin Leukefeld, die regelmäßig vor Ort ist und Land und Leute – sprich, die verschiedensten Bevölkerungsgruppen, sowie die sich breit machenden Milizen – kennt. Und in der Tat, bezieht man – wie sie es tut – die Frage der Waffenlieferungen mit ein, ergibt sich für die Situation in Syrien noch ein ganz anderes Bild. Dies schildert sie in ihrem jüngsten Interview sowie in ihrem neuen Buch deutlich und nachvollziehbar.

Und da die wenigsten Journalisten sich ein Bild vor Ort machen bzw. auf Fixer angewiesen sind, die sie durch die Zonen führen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, die eigene Sicht bestätigt zu finden. Der Fixer kann zudem wiederum der besagte Arzt, Rebell oder ein angeblicher Lehrer oder sonst wer sein. Genau deshalb sollte der Hinweis auf die Abhängigkeit von undurchsichtigen und vielleicht auch interessierten Quellen nicht fehlen.