Bewerbungsratgeber mahnt zum Verzicht auf das Kopftuch

Das Gegenteil von gut ist nicht selten gut gemeint. Es w辰re wohl zweifellos ungerecht gegen端ber Jasmin und Christoph Hagmann, den Autoren des Ratgebers Erfolgreich bewerben mit Migrationshintergrund, oder der Deutschlandstiftung Integration, die 2008 von der Migrationsbeauftragten der Bundesregierung, Maria B旦hmer, und dem Verband der Zeitschriftenverleger (VDZ) gegr端ndet wurde und die das Buch in Zusammenarbeit mit den Autoren herausgebracht hat, unlautere Absichten vorzuwerfen.

Und dennoch werden nicht wenige Stimmen laut, die den Ratgeber, der das Ziel verfolgt, jenen zus辰tzlichen H端rden entgegenzuwirken, die ein Migrationshintergrund in einer nur bedingt diversit辰tsaffinen Gesellschaft bei der Bewerbung auf einen Arbeitsplatz mit sich bringt, unterm Strich in die Rubrik gut gemeint einordnen wollen.

Zu diesen Kritikern geh旦rt beispielsweise der Diplom-Sozialwissenschaftler Kamuran Sezer aus Dortmund, seines Zeichens ehemaliger Gesch辰ftsf端hrer der F旦deration t端rkischer Elternvereine in NRW und Leiter des futureorg-Institutes, das sich mit den Diversit辰tsperspektiven f端r die Arbeitswelt von Morgen besch辰ftigt.

Das Kopftuch als Indiz f端r eine bevorstehende Zwangsverheiratung?

Trotz des ehrenwerten Ziels, jungen Menschen mit Migrationshintergrund wichtige Ideen f端r den Start ins Berufsleben mitzugeben, sendet der besagte Ratgeber nach Auffassung von Kritikern bedenkliche Signale aus, die in einer freiheitlichen und auf Individualrechten gegr端ndeten Gesellschaft nicht hingenommen werden d端rfen.

Unter Berufung auf mehrere Berater der Bundesagentur f端r Arbeit, darunter auch auf deren Migrationsbeauftragten Hasan Altun, wird jungen Frauen aus der muslimischen Community in dem Ratgeber unverbl端mt nahegelegt, sich immer ohne Kopftuch zu bewerben und auch die Ausbildung ohne ein solches zu absolvieren.

Als Begr端ndung daf端r gibt man an, viele Arbeitgeber w端rden darin ein Symbol der Unterdr端ckung sehen und Bewerberinnen unterstellen, in ihren Entscheidungen nicht frei zu sein, sich gegebenenfalls dem Willen der Familie beugen zu m端ssen. Bewerberinnen mit Kopftuch k辰men, so der Bewerbungsratgeber, auch bei muslimischen Arbeitgebern nicht immer gut an und gleichsam als Kr旦nung gibt man folgenden Satz zum Besten: Die Arbeitgeber f端rchten bewusst oder auch unbewusst -, dass die Auszubildenden zwangsverheiratet werden und die Ausbildung abbrechen k旦nnten.

Man kann nat端rlich den Autoren eines Buches, das bereits im M辰rz 2012 erschienen ist, nicht zusinnen, Gerichtsurteile vorauszuahnen wie jenes, das k端rzlich ein Berliner Arbeitsgericht gef辰llt hatte (DTJ berichtete), in dem noch einmal ausdr端cklich eine Diskriminierung von Menschen auf Grund ihrer religi旦sen berzeugung als unzul辰ssig judiziert worden war.

Unkenntnis relevanter Werteordnungen

Allerdings kann, darf und sollte man insbesondere, wenn es sich um ein speziell f端r junge Menschen mit Migrationshintergrund verfasstes Werk handelt -, gewisse Grundkenntnisse vom Arbeitsrecht, von Antidiskriminierungsvorschriften und vor allem von der Werteordnung des Grundgesetzes mitbringen und anwenden.

Dies betrifft nicht nur die elementare Wichtigkeit, die bereits das Grundgesetz der Religionsfreiheit einr辰umt (sie geh旦rt sogar zu den nicht verwirkungsf辰higen Grundrechten gem辰 Art. 18 GG). Es betrifft insbesondere auch das Wissen um die Kernaussagen des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG).

Vor allem aber sollte der praktische Verstand nicht ausgeschaltet werden. Und gerade, was die angeblichen Bef端rchtungen famili辰rer Quersch端sse im Rahmen eines Ausbildungsverh辰ltnisses anbelangt, soll das Mitspracherecht von Erziehungsberechtigten ja auch auf Grund des elterlichen Sorgerechts und zivilrechtlichen Vorschriften 端ber die Gesch辰ftsf辰higkeit zumindest bei Minderj辰hrigen generell nicht unerheblich sein: Immerhin m端ssen Eltern minderj辰hriger Kinder beispielsweise einen Ausbildungsvertrag ohnehin mitunterschreiben, was ja zweifellos auch eine willkommene Chance f端r potenzielle Arbeitgeber w辰re, das Gespr辰ch mit diesen zu suchen und auf diesem Wege allf辰llige Fragen anzusprechen.

Dar端ber hinaus verr辰t der Inhalt des Bewerbungsratgebers auch grobe Unkenntnis 端ber die allt辰gliche Realit辰t innerhalb einer diversit辰tsorientierten Arbeitswelt. Der Groteil Kopftuch tragender M辰dchen f辰llt Untersuchungen zufolge bereits in der Schule durch Freundlichkeit, Ehrgeiz, Selbstbewusstsein und Lerneifer auf und damit durch Qualit辰ten, die in Betrieben durchaus als erw端nscht gelten.

Ein Kopftuch sagt nichts 端ber die Kompetenzen und Qualifikation einer Frau aus

Entsprechend ersch端ttert zeigt sich auch Kamuran Sezer angesichts des vorauseilenden Gehorsams, der von den Autoren des Ratgebers kleingeistigen Vorurteilen gegen端ber einge端bt und propagiert wird: Es ist ein Armutszeugnis, jungen, selbstbewussten und gut ausgebildeten Frauen zu erkl辰ren, dass sie ihr Kopftuch ablegen sollen, damit sie ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt erh旦hen. Stattdessen sollten mit demselben Engagement Arbeitgeber davon 端berzeugt werden, dass ein Kopftuch nichts 端ber die Kompetenzen und Qualifikation einer Frau aussagt, und schon gar nicht eine Bedrohung ist.

Das Konzept einer offenen und diversen Gesellschaft ist darauf ausgerichtet, Respekt und Toleranz als Tugenden zu betrachten und Vorurteilen entgegenzuwirken. Vor allem ist nicht erkennbar, wie Paternalismus und staatliche Bevormundung zu einer St辰rkung der Zukunftsf辰higkeit des Standortes Deutschland f端hren sollen.