In Zeiten des Terrors

Braun sind sie, liebe Anne Frank…

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Es ist ein Wunder, dass ich nicht alle Erwartungen aufgegeben habe, denn sie scheinen absurd und unausführbar. Trotzdem halte ich an ihnen fest, trotz allem, weil ich noch immer an das Gute im Menschen glaube. (Anne Frank, aus aktuellem Anlass)

Liebe Anne Frank,

auch wir glauben immer noch an das Gute im Menschen oder möchten gerne glauben. Zwingen uns zu glauben, wenn uns der Glaube genommen wird, dann wissen wir, haben wir keine Namen. Dann sind wir alle erlogen und erfundene Worte ohne Wurzel und ohne Halt.

Deshalb, gerade deshalb, liebe Anne, glauben wir tapfer und standhaft weiter.

Wir glauben Anne. Wir glauben.

Auch ich habe Dir eine Geschichte zu erzählen

Auch wir schließen unsere Herzen Deinem Herz an und sagen vielleicht das,
was am meisten zu sagen ist, indem wir schweigen. Denn wir merken, Worte verbinden uns nur dort, wo unsere Wellenlängen übereinstimmen. Dabei ist Schweigen etwas, was uns in unserem Wesen nähert. Wenn wir schweigen, hört uns die ganze Welt, denn unsere Worte haben sie uns erst einmal genommen! Deine Geschichte habe ich gelesen und möchte Dir nun meine erzählen.

Anne, gab es Dich wirklich oder sollen wir nun meinen, auch Du seiest erfunden? Was ist Erfindung und was Empfindung?

Dabei sind sie so wertvoll gewesen, unsere Worte.

Wir haben sie uns hart erkämpft. Unsere Worte sind die Kinder der Sprachlosigkeit. Tagelang haben wir auf deren Geburt gewartet.

Damit wir, die kleinen Kinder der unbekannten Arbeiter, der fremden Arbeiter, die zu nichts mehr fähig waren als Schweiß loszuwerden auf der Arbeit und Tränen hatten in ihren dunklen Augen, wegen einer vollen Sehnsucht, nach einer verlorenen und verlassenen Heimat. Man möge gemeint haben, dass sie ausgetrocknet seien, weil sie viel Flüssigkeit verloren hatten.

Nein, der Mensch trocknet nicht so einfach aus, haben wir und unsere Eltern sehr schnell erfahren.

Gerade da sind wir gekommen, wie die farbigen Blüten einer undefinierten Hoffnung, sind wir gekommen. Viele Farben und Facetten hatten wir. Dieses Lied aus dem Osten, dieses aus dem Westen und jenes aus dem Land der fröhlichen Menschen, obwohl ich heute weiß, so ein Land hat es nie gegeben, in diesem Leben der Menschen.

Unsere Väter mit ihren dunklen Gesichtern

Entstanden sind wir aus den dunklen Augen, die doch trotzdem hell schauten.
Dunkle Gesichter haben unsere Väter gehabt, weil sie tagelang manchmal als Bergbauarbeiter unter der Erde versteckt waren…

Stimmt, man hat sie nicht gezwungen, aber eingeladen.

Vielleicht hat man ihre Existenz deshalb lange nicht bemerkt.

Mit neuen Worten und frischen Hoffnungen sind wir gekommen.

Mit uns hatte niemand gerechnet und mit unseren Worten.

Eine Geschichte wollten wir erzählen, aber heute hat man uns die hart erkämpften Worte wieder genommen, liebe Anne…

Ist dieses Land und die Sprache so geizig, dass es nicht duldet, die Sprache und das Brot zu teilen? Sind Sprachen nicht aneinander Freunde geworden und unsere Gefühle übersetzt in die Gefühle der anderen. Hat Goethe seinen Namen nicht überall hin dort in die weite Welt getragen? Und wird er nicht geehrt und gelehrt?

Wir sind gekommen und haben neue Geschichten für dieses Land erfunden.

Unsere Lehrer haben uns von Goethe und Lessing erzählt.

Die großen deutschen Denker haben wir zu lieben gelernt.

Kafka haben wir gelesen und gesehen, nicht verwunderlich, dass Menschen nicht nur als kleine Kinder fremdeln…

Wer die Worteklauer sind, fragst Du mich?

Die kennst Du gut. Die gab es zu Deiner Zeit und gibt es zu unserer Zeit immer noch! Braun ist deren Farbe, wie die Konzentrationslager in Prag. Das wollte ich nicht erwähnen, aber ich bin in diesen Tagen weniger hier vor Ort, dafür aber zu oft in Prag… bei dem Kind, das einmal aus einem Lager an seine Mutter schrieb:

“Mutter, es ist so dunkel und kalt hier. Ich friere. Wo sind Deine Hände und wo ist meine Schwester? Mutter ich friere. Wird das hier ein Ende haben oder werden wir uns nie wieder sehen? Mutter mir ist kalt.” (Paul, habe ich hinter die Notiz geschrieben)

Auf der linken Seite, wo das Herz schlägt, sind sie blind…

Ich friere mit diesem Kind, liebe Anne. Meine Gefühle sind teils betäubt. Ich kann schlecht schlafen und meinen Nachbarn nicht mehr so fröhlich in die Augen schauen. Meinen Kindern habe ich heute schon wieder keine Geschichte erzählt, von Menschen, die sich ihre Freundschaft und Liebe schenken. Es fällt mir schwer Anne…Wenn Du mich nicht verstehst, dann weiß ich, ich bin endgültig verlassen…

Blau ist meine Farbe und ich weiß auch Deine. Denn blau ist Hoffnung, Freiheit und der Frieden. Nicht nur die Worte, sondern auch meine Farbe haben sie mir genommen, deshalb vielleicht, schreibe ich Dir aus einer dunklen Nacht.

Dass der Himmel, der die Menschen verbindet blau ist, haben sie vergessen, diese Scheinmenschen. Ich glaube, blau haben sie niemals als Farbe kennengelernt, schon damals zu Deiner Zeit, denke ich ist es so gewesen.

Blau haben sie vergessen, weil sie auch vergessen, dass der Himmel die Menschen verbindet, wie die Luft. Vielleicht haben diese Scheinmenschen nicht einmal auf den Wiesen gelegen und die Himmel betrachtet. Nicht einmal nach links geschaut und kennen nur eine Richtung; und das ist rechts.

Scheinmenschen sind diese, liebe Anne…

Im Schein ähneln sie uns; haben zwei Augen, auf dem linken sind sie blind. Ihre linke Seite ist gelähmt; die Seite, wo das Herz existiert und schlägt, dort sind sie gelähmt. Sie funktionieren auf ihrer rechten Seite gut. Scheinmenschen sind das Anne, die aus Deinen Zeiten stammen und uns heute die Worte klauen.

Braun sind sie, wie alles Unschöne, eben braun sind sie…

Blau sind wir und deshalb spreche ich zu Dir.

Liebe Anne,

die, vor denen Du in die Arme der Worte geflüchtet bist, jagen uns heute vor unseren Worten, mit ihren Worten. Worte sind wichtig. Weil Du Deine Worte hattest, haben wir heute Dich. Ein blaues Geschenk aus den Schubladen der braunen Vergangenheit unseres Landes. Anne, ich fühle Dein Herz. Mein Herz ist so klein geworden. Gerade jetzt, als ich meinte, dass mein Herz so groß sei, dass ich die ganze Welt umarmen könnte. Gerade da, wo ich meinte, ich würde den Vögeln ähneln und die Kinder dieser Welt auf meine Flügel nehmen und mit ihnen, neue Ländereien entdecken und erfinden.

Deutsch zu denken und deutsch zu handeln, fällt mir schwer…

Deutsche Worte fliegen kreuz und quer und finden keinen Zentimeter Platz, wo sie landen können…

Aber liebe Anne, Dich kann ich nur über die deutsche Sprache erreichen.

Wir beiden sind auf unserer deutschen Seite verletzt. Ja verletzt sind wir, und wie einmal gesagt, dort wo unsere Freude uns nicht verbindet, verbinden uns umso stärker unsere Schmerzen. Ja wir schmerzen auf unserer deutschen Seite.

Uns beide verbindet nicht die Sprache meiner Eltern, sondern die Sprache, für die wir hart zu kämpfen hatten. Komma für Komma und Punkt für Punkt haben wir uns die Regeln dieser Sprache angeeignet.

Ich denke und fühle nur noch mit dem östlichen Teil meines Wesens und mit dem linken Teil wieder am meisten, weil im Westen ist nichts Neues.

Eure Worte haben uns gelehrt, was Schmerz und dessen Ursache ist.

Hass gibt es heute noch. Hass ist die Motivation der Nicht-Liebenden und wir liebe Anne, sind betroffen.

Scheinbar gibt es für das Lieben weniger Gründe.

Gründe für das Hassen aber zugenüge…

Uns hat ein Hass in unseren Worten und Herzen getroffen.

Es wird uns schwer fallen, unseren Kindern von einer schöneren Welt zu berichten.

Es wird uns schwer fallen ihnen beizubringen, aus den Fehlern zu lernen.

Denn sie werden uns die Farbe Braun zeigen und fragen:

Wo ist denn der blaue Himmel in euren Gemälden?

Meine deutsche Seite ist und bleibt meine

Liebe Anne,

es sind so viele Jahre vergangen.

Wir dachten einst; die Zeit sei die beste Medizin.

Nein, heute sehen wir, die Zeit ist nicht die beste Medizin, die Zeit ist nur am Vergehen.

Wir sehen, dass wir nicht aus unseren Fehlern fähig sind zu lernen.

Deshalb liebe Anne, keine fröhlichen Grüße aus neuer Zeit von mir für Dich,
sondern, einen traurigen Gruß und vielfach schreiendes Schweigen aus einer dunklen Nacht…

Zum Schluss….

Liebe Anne, sag mir nun;

was über die Brücke eines Kampfes uns hat erreicht, wird uns auch nur über die Brücke eines anderen Kampfes verlassen.

Deshalb, umarme ich diese Sprache noch einmal in voller Hoffnung und sage;

Meine deutsche Seite ist und bleibt meine.

Nichts, aber nichts werde ich Dir zurückgeben…

Alles, was ich heute meine zu besitzen, werde ich teilen mit anderen.

Und Du Scheinmensch, Du wirst Dich noch wundern, wie die Freundschaften den Tod und die Morde besiegen!

Liebe Anne, Danke für Deine bestätigenden Blicke aus Deinem Tagebuch und Danke für jedes Deiner Worte….

O ja, ich will nicht umsonst gelebt haben wie die meisten Menschen. Ich will den Menschen, die um mich herum leben und mich doch nicht kennen, Freude und Nutzen bringen. Ich will fortleben, auch nach meinem Tod…

Liebe Anne, vielleicht etwas verspätet, aber trotzdem möchte ich Dir im Gehen sagen: nein, Du hast nicht umsonst gelebt.

Deine Alime…


Foto: © Rainer Sturm / pixelio.de