Çorum-Ereignisse werden aufgeklärt

Die eingesetzten Waffen sowohl der Rechtsextremisten als auch der Linken stammten aus derselben Quelle, das bestätigten die ballistischen Untersuchungen: „Wir stellten fest, dass die gleichen Waffen sowohl den Rechtsorientierten als auch den Linksorientierten gegeben wurden“, berichtet Türker. Die ballistischen Studien und alle anderen Beweismittel seien noch im Archiv.

Seit den Çorum-Ereignissen sind 32 Jahre vergangen. Bei den im Januar 1980 entfachten Auseinandersetzungen zwischen Aleviten und Sunniten mussten 57 Menschen sterben. Hunderte wurden verletzt. Jener Konflikt spielte gerade vor dem Septemberputsch in der Türkei eine wichtige Rolle. Die Aussagen über die damaligen Ereignisse tragen heute einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis der Ereignisse bei. „Mithilfe der ballistischen Untersuchungen kamen wir zu dem Schluss, dass mit den gleichen Waffen sowohl die Linksextremisten als auch die Rechtsextremisten getötet wurden. Es mussten andere dahinter stecken, die beiden Gruppen die Waffen in die Hand gaben“, vermutet Türker. Das gerichtliche Verfahren wurde damals in Erzincan durchgeführt. Die Äußerungen Sadik Erals, der bei den Çorum-Ereignissen als Anwalt tätig war, unterstützen Türkers Aussagen. Eral selbst wurde damals schwer verletzt.

Die Aleviten wurden damals vom Nationalen Sicherheitsrat als Gefahr eingestuft. „Die eigentlichen Organisatoren des Konfliktes gaben zuerst die Waffen der einen Seite, anschließend übergaben sie die Waffen der anderen Seite. Beide Seiten bekamen die Waffen aus der gleichen Hand.“

In der Anklageschrift zu dem Septemberputsch werden die provokativen Ereignisse mit dem Ziel, Chaos zu verursachen, einzeln aufgelistet. Die Auslöser der bekannten Ereignisse wie den 1.Mai, das Abdi Ipekci-Attentat oder die Ereignisse von Sivas, Kahramanmaraş oder Çorum bereiteten den Weg für den Septemberputsch. Die Anfang 1980 aufkommenden Ereignisse erreichten ihren Höhepunkt am 4. Juli desselben Jahres. In diesem Zeitraum kamen 57 Menschen ums Leben, hunderte wurden verletzt. Viele Begebenheiten vor dem Septemberputsch konnten bis heute nicht aufgeklärt werden. Erst mit den Aussagen von Generalstaatsanwalt Ertem Türker ist dies nun möglich. Die damals gefundenen Beweismittel sind dem Ausnahmezustandsgericht übergeben worden, bestätigte Türker, der an der Dokuz Eylül Universität in Izmir Jura unterrichtet.

„Wir haben nach den ballistischen Berichten der Waffen verlangt. Um die verschiedenen Gruppen miteinander in Konflikt zu bringen, wurden Zusammenstöße inszeniert und dieselben Waffen beiden Gruppen in die Hand gedrückt. Da zu diesen Zeiten Ausnahmezustand herrschte, wurden die Gerichtsverhandlungen in Ausnahmezustandsgerichten von Erzincan durchgeführt. Unsere Aufgabe war es, nur die Beweismittel zu finden und die Befragungen/Ermittlungen durchzuführen. Die Berichte sandten wir ans Ausnahmezustandsgericht in Erzincan. Die Fälle wurden vom Militärberufungsgericht entschieden. Wohin die Unterlagen dieses Ausnahmezustandsgerichtes in Erzincan nach ihrer Auflösung gesendet wurden, dort müssen auch die ballistischen Berichte zu finden sein. In den Ausnahmezustandsgerichten wurden die Fälle wie andere leichte Vergehen behandelt, während diese doch alle zusammen als ein Fall zu behandeln gewesen wären. Die Gläubigen wurden von den Rechtsextremisten, die Aleviten hingegen von den Linksextremisten ausgenützt. Über die Ereignisse könnte man ein sozialpädagogisches Buch schreiben. Die Gläubigen haben wir als rückschrittlich bezeichnet, die Linksextremisten als Kommunisten. Eigentlich war Çorum aber nur eine Bühne, auf der ein fertiges Theaterstück gespielt wurde.“

Die gleichen Waffen auf beiden Seiten

Sadik Erals Aussagen bestätigen die Behauptungen von Ertem Türker. Eral, der damals als Anwält bei den Fällen aktiv war und auch später verletzt wurde, sagt: „Damals wurden die Aleviten vom Nationalen Sicherheitsrat als gefährdend eingestuft. Sie haben versucht die alevitische Kultur zu assimilieren. Dafür haben sie den Glauben der Menschen ausgenützt. Yahya Baran wurde mit einer Waffe im Viertel der Linksextremisten getötet. Später wurde die Waffe, mit der Baran getötet wurde, in einem Verein der Rechtsextremisten gefunden. Beide Gruppen hatten die Waffen von ein und derselben Gruppe erhalten. In so eine Falle werden wir nicht noch einmal tappen. Gemeinsam werden wir diese Wunde aus der Geschichte heilen können. Wir wollen ein Friedens- und Brüdermonument an den Ort errichten, wo die Auseinandersetzungen begonnen haben!“

„Man fragte uns nicht, woher wir die Waffen haben“

Adnan Baran, der Bruder von dem in Çorum getöteten Yahya Baran, stellt interessante Behauptungen auf: „Es stimmt, mit den gleichen Waffen wurden sowohl politischen Linke als auch politischen Rechte getötet. Damals wurde meine Waffe nicht einer ballistischen Untersuchung unterzogen. Vielleicht wurden auch mit meiner Waffe Menschen aus meiner Gruppe getötet. In Çorum wurden zwei Polizisten getötet, einer verletzt. Danach wurden mein Bruder und seine Freunde getötet. Die Waffen, durch die die Polizisten getötet wurden, wurden bei einem Mittäter von mir ausfündig gemacht. In den Aufzeichnungen von damals wurde auch festgehalten, dass die Waffen aus Militärlagern entwendet stammten. Sie haben uns in der Staatsanwaltschaft nicht gefragt, wo wir die Waffen her hatten. Wenn sie Fragen gestellt haben, dann nicht um etwas zu erfahren, sondern um etwas zu verdecken. “

Übersetzt von Dilek Işık