Segen und Fluch der neuen Finanzierungsform

Crowdfunding für Gründer heißt erst einmal „Hosen runter“

Mittels Crowdfundings lassen sich oft schnell hohe Geldsummen auftreiben, um neue und kreative Geschäftsideen zu finanzieren. Die Kehrseite sind extreme Transparenzanforderungen und nicht selten inquisitorische Fragen.

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Seit über zwei Jahren kann man auch in Deutschland als Gründer per Crowdfunding (Schwarmfinanzierung) seine Geschäftsidee finanzieren. Dabei lässt man – im wahrsten Sinne des Wortes – die Hosen runter. Warum? Weil beim Crowdfunding das Geschäftsmodell und alles Wissenswerte über die Gründer online und öffentlich den potenziellen Geldgebern, den sogenannten Mikroinvestoren, frei zugänglich gemacht werden muss.

Die Mikroinvestoren wollen natürlich so viel wie möglich in Erfahrung bringen und nicht die Katze im Sack kaufen. Aber auch der Betreiber einer Crowdfunding-Plattform hat dafür Sorge zu tragen, die jungen Gründer und deren Geschäftsmodell peinlichst genau zu prüfen. Letztendlich stellen sie das Geschäftsmodell als Angebot den Mikroinvestoren vor und verdienen an jeder Finanzierung einen gewissen Prozentsatz mit. Hier schauen rechtliche Institutionen gut zu, um Anleger vor Missbrauch zu schützen.

Soweit so gut, aber was bedeutet das, die „Hosen runterlassen“? Das hört sich nicht schön an. Wer lässt sich denn schon gerne entblößen? Aber so muss man es sich tatsächlich vorstellen: Als Gründer offenbart man nicht nur seine Geschäftsidee einem breiten Publikum, sondern auch Stärken, Schwächen, Vorteile, Alleinstellungsmerkmale, Besonderheiten und nicht zuletzt Finanzkennzahlen.

Diese Informationen sind während der sogenannten Fundingphase jedem zugänglich, der sich als potenzieller Mikroinvestor auf der entsprechenden Plattform angemeldet hat. Da könnte auch immer ein aktueller oder künftiger Mitbewerber drunter sein. Tolle Idee, könnte sich der eine oder andere Mikroinvestor denken und es selbst, bzw. über Dritte, angehen. Immerhin hat er mit den veröffentlichten Daten Zugang zu allen benötigten Informationen. Der veröffentlichte Businessplan gibt bis ins letzte Detail Einblicke.

Ich will damit keinem Angst und Bange machen, der schon einmal darüber nachgedacht hat, an einem Crowdfunding teilzunehmen. Aber man sollte sich dessen schon bewusst sein.

Stahlbad für die eigene Geschäftsidee

Eine andere Seite des Crowdfundings stellen die oft sehr direkten und bohrenden Fragen vieler interessierter Mikroinvestoren dar. Während der Fundingphase haben die Mikroinvestoren die Gelegenheit, Fragen zu stellen. Nicht selten können Fragen vorkommen, die das Geschäftsmodell in Frage stellen. Oder aber auch quälende und schon fast detailverliebte Fragen zum Finanzplan. Auch Vergleiche mit Mitbewerbern sind dann zu lesen und mehr Informationen zum Alleinstellungsmerkmal sollen dann bekanntgegeben werden.

Eines sei aber gewiss: In dieser Phase lernt man sein Geschäftsmodell auf einmal mit anderen Augen betrachten. Die vielen Fragen ermöglichen einem, Verbesserungen vorzunehmen und sich in Worten zu üben, um Unbekannten die eigene Geschäftsidee zu erklären. Denn bisher konnte man nur seine Freunde und seinen Bekanntenkreis fragen, was sie über das eigene Geschäftsmodell denken. Da kommt dann häufig eine unehrliche Antwort, da man nicht gekränkt werden soll. Beim Crowdfunding ist es schonungsloser. Immerhin wollen fremde Menschen, die ihr Geld investieren wollen, auch genau wissen, bei wem und wofür sie es anlegen.

Ein ganz besonderer Vorteil ist aber der Werbeeffekt, den man während der Fundingphase verzeichnen kann. Die Geschäftsidee bekommt die Chance, sich einem breiten Publikum vorzustellen. Auf einen Schlag können sich tausende Menschen damit befassen. Es entweder für gut oder schlecht befinden. Wenn es gut ist, ist es durchaus möglich, innerhalb dieser Gruppe Kundenpotenziale zu erschließen. Aber auch die Presselandschaft berichtet über interessante Geschäftsideen, die nach einer Finanzierung oder nach Finanzierungsmöglichkeiten suchen.

In unserem Fall war es so, dass wir durch das Crowdfunding unseren Umsatz innerhalb eines Monats fast verdoppeln und in den darauf folgenden Monaten kontinuierliches Wachstum erreichen konnten. Auch medial bekamen wir Aufmerksamkeit und durften einige Interviews zu unserer Finanzierung und unserem Geschäftsmodell geben.

Man bekommt also für das Hosen runterlassen auch durchaus mehr als nur Geld.

Boom an Unternehmensgründungen

Der Begriff „Schwarmfinanzierung“ beinhaltet allerdings noch eine weitere Besonderheit. Das Wort „Schwarm“ hat hier einen tatsächlichen Effekt für den Gründer. Es gibt unter den vielen Mikroinvestoren oft sehr gute Multiplikatoren. So können binnen kurzer Zeit überzeugte Mikroinvestoren die besten Empfehlungen an ihre eigenen privaten und geschäftlichen Netzwerke machen. So kann der Radius auch direkt über die Mikroinvestoren vergrößert werden.

Das hört sich alles super an? Und vor allem einfach? Dann muss ich der Fairness halber hier noch erwähnen, dass es nicht leicht ist, die Chance zu einem Crowdfunding zu bekommen. In den letzten Jahren gibt es einen regelrechten Boom an Unternehmensgründungen. Vor allem angefacht durch Onlineprojekte und mobile Kommunikationseinrichtungen. Und viele Gründer bewerben sich bei Crowdfunding-Plattformen. Es findet derzeit regelrecht ein Run auf diese Finanzierungsform statt. Befeuert wird das durch die hohen Summen, die Gründer auf diesem Wege binnen weniger Tage sammeln können. Viele Finanzierungssummen liegen mittlerweile jenseits von 500.000 Euro je Funding. Das wird natürlich in den Medien gefeiert und breit über alle Kanäle hinaus in die weite Welt getragen.

Davon darf sich aber ein Gründer nicht blenden lassen. Denn nicht jedes Startup schafft es, diese Summen einzusammeln. Wie gesagt sind die Mikroinvestoren kritisch und es kam schon oft vor, dass manche Crowdfundings eine klägliche Entwicklung nahmen. Das sitzt bei den Gründern tief. Solche Narben heilen nicht so leicht, gleichen sie doch einer öffentlichen Demütigung. Als Gründer heißt es in solchen Fällen, dass keiner da draußen die Geschäftsidee für tauglich hält und niemand daran glaubt, außer man selbst. Aber davon kann man die Gründung nicht finanzieren.

Darüber hinaus gibt es mittlerweile zwei Dutzend Crowdfunding-Plattformen. Davon taugt die Hälfte nicht. Es sind viele Nachahmer und unprofessionelle Betreiber dabei. Auch hier sollte man sich als Gründer zuvor sehr gut informieren und nichts überstürzen. Informationen darüber, welche Art von Geschäftsmodellen bereits erfolgreich finanziert wurden und in welchen Höhen und Zeiträumen, können einem bei der Einschätzung helfen.

Jeder Investor wird zum Controller

Noch etwas. Die Gründer berichten in der Regel quartalsweise über den Verlauf ihrer Geschäftsentwicklung an die Mikroinvestoren. Dazu sind sie in den Verträgen gebunden. Da darf man natürlich nicht täuschen und nichts beschönigen. So trat dann auch bei einigen Mikroinvestoren Ernüchterung ein. Sie werden dann vorsichtiger mit ihrem Geld.

Das kann aber nur gut sein, denn so professionalisieren sich beide Seiten. Ein Mikroinvestor, der glaubt, per Crowdfunding anstrengungsfrei reich zu werden, ist hierbei genauso fehl am Platz, wie der Gründer, der glaubt, schnelles Geld machen zu können.

Hier sollte es bei beiden Parteien darum gehen, zu erkennen, gemeinsam einer Geschäftsidee eine Chance zu geben und an deren Erfolg mitzuwachsen.

Mein Fazit? Wir hatten die beste Plattform in Deutschland dafür. Wir wurden professionell und versiert betreut. Ich bin froh, dass wir das Crowdfunding gemacht haben. Aber noch einmal will ich es nicht machen.
 
von Coşkun Tuna