Dänischer Agent packt nach sieben Jahren aus

Seit der skandalösen NSU-Affäre wird in Deutschland wieder hitzig über die Rolle von Geheimdienstagenten in extremistischen Szenen und deren Verwicklungen in Straftaten debattiert. Der deutsche Verfassungsschutz ist hierbei jedoch offenbar keine Ausnahme. Ein Anfang Oktober in der größten dänischen Tageszeitung „Jyllands-Posten“ erschienenes Interview mit dem Ex-Islamisten und Ex-PET-Agenten (dänischer Geheimdienst) Morten Storm gibt exklusive Einblicke in die Arbeitsweise des PET und wirft erneut die Frage auf, inwieweit Geheimdienstagenten in Straftaten der extremistischen Szene verwickelt sind.

Nachdem im Jahre 2005 beleidigende Karikaturen des Propheten Mohammed in der dänischen Tageszeitung „Jyllands-Posten“ veröffentlicht worden waren, zeigten die Muslime ihren Unmut über diese Kränkung zunächst auf friedliche Art und Weise. Doch wie kam es dazu, dass die friedlichen Proteste später in Gewalt umschlugen? Die Antwort auf diese Frage ist in den Geständnissen des dänischen Agenten Morten Storm zu finden.

Am 30. September 2005 wurden jene Karikaturen veröffentlicht, die den Propheten Mohammed verunglimpften und ihn u.a. als Terroristen darstellten. Die erste Reaktion darauf kam von dänischen Muslimen. Diese drückten auf eine äußerst friedliche Weise ihren Protest gegen diese Kränkung aus und brachten zum Ausdruck, dass Meinungsfreiheit nicht dazu missbraucht werden sollte, religiöse Werte anderer Menschen zu verletzen. Doch in etwa ab Anfang 2006 veränderten sich die Reaktionen in ihrer Dimension. Kurt Westergaard, der Urheber dieser Karikaturen, erhielt Morddrohungen und musste unter Polizeischutz leben. In anderen Teilen der Welt häuften sich Angriffe auf dänische Botschaften.

Hinweise darauf, wie sich Gewalt in die zuvor friedlich verlaufenden Proteste in Dänemark gemischt hatte, gibt nun ein Interview mit Morten Storm, einem ehemaligen Agenten des dänischen Geheimdienstes PET (Politiets Efterretningstjeneste). Dieser gewährt Einblicke hinter die Kulissen des dänischen Nachrichtendienstes.
Vom Biker zum Mujahid und zurück
Morten Storm kommt 1976 in der kleinen dänischen Hafenstadt Korsør zur Welt. Der rothaarige und leicht mollige Morten ist ein begnadeter Fußballer mit einer leidenschaftlichen Begeisterung für Motorräder. So schließt er sich in seiner Jugend der Biker-Gang „Bandidos“ an und ist bereits früh in kriminelle Straftaten verwickelt. 1997 verändert er komplett sein Lebensstil und konvertiert zum Islam. Er nennt sich von nun an Murad. Um mehr über seine neue Religion zu erfahren, reist er zunächst nach London und kurz darauf in den Jemen. Hier gerät Morten ins Netz militanter Gruppen und übernimmt mit der Zeit deren extremistische Ansichten. Während dieser Zeit macht er auch Bekanntschaft mit dem Al-Qaida-Ideologen Anwar al-Awlaki und gewinnt dessen Vertrauen. Nach seiner Rückkehr nach Dänemark zieht er in Odense, Aarhus und Kopenhagen die Aufmerksamkeit einiger Moscheegemeinden auf sich. Der „dänische Bruder“ verfügt über eine starke Rhetorik, was ihn insbesondere bei Jugendlichen beliebt macht. Storm hetzt oft gegen den dänischen Staat. Er spricht davon, der Unterdrückung und Ausgrenzung ein Ende zu setzen und sich gegen den Staat aufzulehnen. Das findet gerade unter Heranwachsenden Zuspruch.
2006 findet ein erneuter Umbruch in Mortons Leben statt. Er möchte kein Muslim mehr sein und bricht mit seinem Glauben an den Islam. Just in dieser Phase schaltet sich der dänische Geheimdienst PET ein und bietet ihm an, als Agent tätig zu werden. Sein Auftrag ist es, sich als radikaler Prediger unter den Jugendlichen zu profilieren. Morten Storm beginnt ein Doppelleben. Während er heimlich Alkohol und Schweinefleisch konsumiert, spielt er in der Öffentlichkeit den extremistischen Scharfmacher. Um nicht aufzufliegen, radikalisiert er seine Rhetorik immer und immer weiter. Er legitimiert Gewalttaten an Juden und organisiert den Geldfluss an militante Gruppen im Jemen.
Honey Trap für al-Awlaki
Bald erhält er einen kuriosen Auftrag von der CIA. Sein ehemaliger Freund aus dem Jemen, Anwar al-Awlaki – mittlerweile Chefideologe der Al Qaida und weltweit gesucht – ist auf der Suche nach einer Frau. 2009 treffen sich beide in einem Camp in der jemenitischen Wüste. „Er fragte mich, ob ich eine westliche Frau kenne, die er heiraten könnte“, so Storm gegenüber „Jyllands-Posten“. Er wird auf Facebook fündig. Eine blonde kroatische Konvertitin möchte gerne mit al-Awlaki verheiraten. Storm organisiert zunächst die Kommunikation zwischen beiden und später die Reise der 32-jährigen Frau in den Jemen. In ihrem Koffer versteckt die CIA einen Peilsender, um al-Awlakis Versteck ausfindig machen zu können. Im September 2011 kommt al-Awlaki dann bei einem US-amerikanischen Drohnenangriff ums Leben.
Morten Storm beschließt 2012, seinem Doppelleben ein Ende zu setzen und teilt dies dem PET mit. Dieser bietet ihm eine fünfjährige Abfindung mit einer monatlichen Auszahlung von 25.000 dänischen Kronen (ca. 3500 €) an. Storm schlägt das Angebot aus. Ein Interview mit „Jyllands-Posten“ erscheint ihm lukrativer. Er präsentiert der angesehenen Redaktion diverse Beweise: Videos, Nachrichten von al-Awlaki, Reisebelege, Mails der Geheimdienste. Offenbar überzeugend. Bisher haben weder der dänische PET noch die CIA einen öffentlichen Kommentar dazu abgeben.
Das Interview sorgte im vergangen Monat für große Schlagzeilen in der dänischen Presse und war tagelang das Gesprächsthema Nummer eins in Dänemark. Für Aufsehen sorgten v.a. Storms Aktivitäten in der radikalislamistischen Szene während seiner Tätigkeit als PET-Agent. Er soll versucht haben, mehrere Muslime zu einem Anschlag auf Kurt Westergaard, den Zeichner der Mohammed-Karikaturen, zu überzeugen. Mittlerweile haben drei dänische Muslime, unter ihnen Adnan Avdic, der 2007 mit Storm gemeinsam gewohnt haben soll, zugegeben, von Storm Anschlagspläne erhalten zu haben und von ihm gedrängt worden zu sein, diese auszuführen.

Auch FBI in Anschlagsversuche involviert?

Es wird vermutet, dass Storm zahlreiche muslimische Jugendliche radikalisiert und zu Gewalttaten angestiftet hat. Wie viele weitere Agenten im Auftrag des PET in der extremistischen Szene hetzen, ist indes nicht bekannt. Bekannt ist nur, dass darunter vor allem Muslime zu leiden haben.

Durch dubiose Methoden hat zuletzt auch das FBI auf sich aufmerksam gemacht. Am 19. Oktober 2012 berichtete die Süddeutsche Zeitung von zwei Fällen angeblich versuchter islamistischer Terroranschläge in den USA. Hierbei sollen verdeckte FBI-Ermittler im Internet gezielt nach jungen Männern gesucht haben, welche sie anschließend über Monate teilweise radikalisiert und mit Anschlagsplänen, Materialien und Geld versorgt hätten. In New York seien jüngst vier Männer wegen eines versuchten Anschlages auf eine Synagoge in der Bronx zu Haftstrafen von bis zu 25 Jahren verurteilt worden. Laut SZ kommentierte die zuständige Richterin nach ihrem Urteil: „Die Regierung hat sie zu Terroristen gemacht.“