Radikalisierungstendenzen in der Türkei

Das Attentat auf den russischen Botschafter und die Deformation des anatolischen Islams

Zum ersten Mal seit 1971 wurde letzte Woche Montag ein ausländischer Diplomat auf türkischem Boden ermordet. Noch schockierender ist die Tatsache, dass es sich beim Täter um einen türkischen Polizisten handelt, der nach der Gräueltat Sätze aufsagte, die so eigentlich nur bei Dschihadisten der Dschabhat Fatah asch-Scham (ehemals Al Nusra-Front) vorkommen und vorgab, sich für die Syrien-Politik Russlands gerächt zu haben. Es ist unklar, inwiefern die Verbindung zur Al-Nusra echt ist. Spätestens mit diesem Attentat jedoch ist es für die türkische Gesellschaft an der Zeit, ein soziales Problem zu reflektieren, das eine dringende gemeinsame Lösungsstrategie unabhängig von ideologischen, religiösen oder ethnischen Zugehörigkeiten erfordert und die türkische Community in der Diaspora ebenfalls betrifft. Dieser Beitrag geht auf eine im europäischen Kontext weniger beachtete Entwicklung in der türkischen Gesellschaft ein, die mit der Bekämpfung sogenannter "paralleler Machtstrukturen" durch die türkische Regierung eingeleitet wurde.

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Ein Gastbeitrag von Mustafa Üyrüs

Auf der anderen Seite hilft der klassische kemalistische Reflex, negative Phänomene innerhalb der muslimischen Gesellschaft unmittelbar auf den Islam selbst zu übertragen und dabei die Kontextabhängigkeit dieser Geschehnisse in den Hintergrund zu stellen, ebenso wenig zur Sache.

Fest steht jedoch, dass seit etwa drei Jahren eine von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan und seinen Anhängern forcierte und immer klarer hervortretende Transformation des friedvollen anatolischen Islamverständnisses in eine salafistisch geprägte Ideologie stattfindet.

Mit dem “anatolischen Islamverständnis” ist eine Auslegungsart des islamischen Glaubens gemeint, welche auf die jahrhundertealte anatolische Sufi-Tradition aufbaut, die von weltweit geschätzten Persönlichkeiten wie Yunus Emre oder Mevlana vertreten wurde. Es handelt sich dabei um ein inklusivistisches Weltbild, das nicht auf Differenzen, sondern möglichst auf Gemeinsamkeiten in der Gesellschaft ausgelegt ist. Eine Botschaft, die den Menschen zu ständiger Selbstreflexion und zum Streben nach individueller Vervollkommnung aufruft, statt zur Marginalisierung Andersdenkender.

Sehr wenig Platz für Religion im Kemalismus

Der jahrhundertelange Einfluss dieser Islaminterpretation hat dazu geführt, dass der Glaube mit der anatolischen Kultur regelrecht verschmolzen ist. Selbst die Bemühungen der Kemalisten, den Islam aus allen staatlichen und möglichst vielen gesellschaftlichen Sphären zu verdrängen, konnten nicht verhindern, dass sogar nicht-praktizierende Muslime – darunter übrigens auch viele Atatürk-Sympathisanten – ihren Respekt vor dem Sakralen jeglicher Art beibehielten.

Dem anatolischen Islamverständnis haben wir es weiterhin zu verdanken, dass sich der politische Islam in der Türkei, der sich als eine Reaktion auf die Unterdrückungspolitik der Kemalisten entwickelte, bisher nicht zu einer gewaltbereiten oder bewaffneten Gegenbewegung geworden ist. Und das obwohl sich ihre Vertreter, wie zum Beispiel Erdoğans ehemaliger Mentor Necmettin Erbakan, etwa von der ägyptischen Muslimbruderschaft hatten inspirieren lassen.

Denn trotz der jahrelangen Dämonisierung des Islams und der Muslime durch die Politik, das Bildungssystem, die Kunst und die Medien gab es und gibt es auch in unserem Zeitalter Vertreter des auf Frieden und Toleranz ausgerichteten Islamverständnisses.

Muslimische Gelehrte wie Said Nursi (1876-1960) oder Fethullah Gülen versuchten durch ihre Interpretation der islamischen Quellen und ihre strikte Ablehnung jeglicher Art von Aggression und Gewalt der Radikalisierung der Muslime in der Türkei vorzubeugen und ihre Integration in die Gesellschaft zu fördern.

Durch universelle soziale Projekte der sich von dieser jahrhundertealten Sufi-Tradition inspirierenden Hizmet-Bewegung haben sich Wörter wie “Dialog” und “Toleranz” im türkischen Sprachgebrauch zu Assoziationen entwickelt, die sofort mit Gülen und der Hizmet-Bewegung in Verbindung gebracht werden. Bisher beispiellose Organisationen wie die Internationale Kulturolympiade brachten unterschiedliche Facetten der Weltbevölkerung zusammen und präsentierten ihren Betrachtern ein farbenfrohes humanistisches Mosaik-Werk.

Kein Platz für die Gülen-Bewegung in der Türkei Erdoğans

Doch seit ungefähr drei Jahren erfährt das anatolische Islamverständnis einen besorgniserregenden Umwandlungsprozess, der von Staatspräsident Erdoğan und der AKP vorangetrieben wird und den Glauben mehr und mehr in eine salafistisch geprägte Ideologie transformiert. Eine Ideologie, die im Tanz der Derwische lediglich eine Möglichkeit des populären Entertainments auf luxuriösen Hochzeitsveranstaltungen der neuen konservativen Elite sieht und die Werte, für die Mevlana steht, in den Hintergrund stellt.

Mit allen Mitteln der Macht wurde in relativer kurzer Zeit ein neuer Bürgertypus hervorgebracht, der den Parteifanatismus beinahe als die sechste Säule des Islamischen Glaubens betrachtet. Er ist durch und durch von einem Weltbild geprägt, das keine Toleranz für Andersdenkende kennt, keine Möglichkeit einer zivilisierten Kompromissfindung anbietet und Oppositionellen jede Freiheit und jedes Recht abspricht, bis sie sich dem “politischen und geistlichen Oberhaupt” ergeben.

Zweifellos gab es in der türkischen Geschichte bisher immer wieder Fälle von gewaltbereiten Gruppierungen, die sich nach einem “Gottesstaat” sehnten. Doch dabei handelte es sich stets um marginale Randerscheinungen mit einer geringen Einflusssphäre, die in der breiten Bevölkerung nie Fuß fassen konnten.

Die Extremisten im Erdoğan-Regime, deren Zahl von Tag zu Tag wächst, unterscheiden sich jedoch darin, dass sie über größere politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ressourcen verfügen, die ihnen durch die AKP-Regierung bereitgestellt werden. Wie Erdoğan in letzter Zeit immer wieder betont, erwartet die politische Führung im Gegenzug rigide Loyalität und Kompromisslosigkeit gegen potenzielle Regierungsgegner.

Insofern stellt der 22-jährige Mörder des russischen Botschafters, einer von vielen Beamten, die die AKP nach der bis dato andauernden Hexenjagd und Säuberung der Sicherheitskräfte aus regierungsnahen Netzwerken rekrutierte, einen Repräsentant dieses parteifanatischen Bürgertypus‘ dar.

Eine Generation, die im Bastelunterricht in der Grundschule Todesgalgen für “Vaterlandsverräter” anfertigt

Parallel zum Austausch von erfahrenen Anti-Terrorexperten in der türkischen Polizei durch wenig kompetente, gewaltbereite Parteigänger, die kaum etwas anderes als ihren Erdoğan-Fanatismus vorzuweisen haben, wird das friedvolle Islamverständnis in der türkischen Gesellschaft, wie sie auch von der Hizmet-Bewegung jahrzehntelang repräsentiert wurde, durch eine extremistische Ideologie ersetzt. Die politische und mediale Hetzkampagne in der Türkei richtet sich nämlich nicht nur gegen Gülen, sondern gleichzeitig auf all die Werte, für die sich der Gelehrte seit ungefähr 50 Jahren einsetzt. Inwiefern sich die Bewegung, die jahrelang von der AKP bejubelt und gar hofiert wurde, Fehler zu Schulden kommen lassen hat, steht auf einem anderen Blatt. In der zum Großteil regierungstreuen türkischen Medienlandschaft nimmt man Wörter wie “interkulturellen” oder “interreligiösen Dialog” heute kaum noch in den Mund, da sonst die Gefahr besteht, als Gülen-Sympathisant stigmatisiert zu werden. Denn es war Gülen, der diese Phänomene durch seine Projekte in den 90er Jahren in den Sprachgebrauch der Türken einführte. So war es eine logische Folgeerscheinung der aktuellen Hexenjagd, dass neben den zu Tausenden verhafteten Hizmet-Anhängern gleichzeitig auch Begriffe wie “Dialog” und “Toleranz” eingekerkert wurden. Weil also die Bewegung verteufelt wird, gelten auch die von ihr vertretenen, an sich eigentlich guten Werte, automatisch als politisch und gesellschaftlich unerwünscht.

Und es wächst eine neue Generation heran. Eine Generation voller Hass und Wut, wie uns die jüngsten Bilder aus einigen türkischen Schulklassen zeigen. Eine Generation, die im Bastelunterricht in der Grundschule lernt, wie man Todesgalgen für “Vaterlandsverräter” anfertigt.

Wie konnte die AKP in solch kurzer Zeit einen politischen, sozialen und kulturellen Schaden von solcher Dimension anrichten? Wie konnte ein jahrhundertealtes kulturelles Erbe dermaßen beschädigt werden?

Wie schon Said Nursi sagte, kann ein kleiner Schelm mit einem winzigen Streichholz in kurzer Zeit ein ganzes Haus in Brand setzen. Das jahrhundertealte “Haus des friedlichen Miteinander” in der Türkei wurde von verantwortungslosen Politikern und Ideologen in Brand gesetzt. So bleibt nur noch die Hoffnung, dass die Bewohner endlich zu Besinnung kommen, bevor es zu spät ist.