"Geniale Menschen beginnen große Werke, fleißige Menschen vollenden sie." Leonardo da Vinci

Das deutsch-türkische Magazin renk.: Ein bisschen Farbe schadet nie

Das Online-Magazin renk. füllt eine Lücke, die viel zu lange leer stand: Das deutsch-türkische Leben abseits leidiger Integrationsdebatten oder Problemfragen als kulturelle Bereicherung zu porträtieren.

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Das renk.-Magazin ist das erste deutsch-türkische Magazin mit den Themenschwerpunkt Kunst und Kultur. Melisa Karakuş gründete das Online-Magazin, welches ursprünglich als Abschlussprojekt während ihres Studiums in Dortmund entstand.

Grafik-Designer Danny ist ebenfalls von Anfang an dabei. Beide betreiben gemeinsam eine Design-Agentur in Berlin. Wiebke ist Religionswissenschaftlerin und seit zwei Jahren bei renk. Sie übernimmt die Redaktionsleitung in Berlin und koordiniert die mehr als 30 ehrenamtlichen Mitarbeiter des Magazins. DTJ hat mit ihnen über die Entstehung von renk., ihre Ziele und die gesellschaftliche Wahrnehmungen gesprochen.

Was ist das renk.-Magazin genau?

Melisa: Renk ist türkisch und bedeutet auf deutsch Farbe. Wir definieren renk. nicht als Blog, sondern als Online-Magazin. Wir zeigen das deutsch-türkische Miteinander auf einer positiven, kreativen und kulturellen Ebene, um dem negativen Mainstream-Klischee-Türken mal etwas entgegenzusetzen.

Was war der Anlass, renk. zu gründen?

Melisa: Einer der Gründe war, dass Deutsch-Türken im kreativen Bereich schwer zu finden waren. Während meines Grafikdesign-Studiums in Dortmund hatte ich kaum deutsch-türkische Kommilitonen und die Internet-Ergebnisse bei der Google-Suche: kreative Deutsch-Türken ergab auch nicht viel. Oder nach was soll man daüberhaupt suchen? Ich habe in meiner Studienzeit auch viele neue Leute kennengelernt, die sehr erstaunt geguckt haben, als ich erzählte, dass ich Türkin bin. Dieser Faktor hat dazugeführt, dass ich hinterfragen musste, was für ein Klischee-Bild man von dem Türken oder der Türkin hat, denn ich habe dem Bild anscheinend nicht entsprochen. Ich habe mich gefragt, woran das liegt und daraufhin beschlossen, einen Ort im Internet zu gründen, der meine Generation widerspiegelt.

Jetzt leben wir schon seit fünfzig Jahren hier, aber Vorurteile gibt es immer noch. Woran liegt das eurer Meinung nach?

Melisa: Ich habe da dieses wunderbare Beispiel. Ich saß eines Tages im Bus. Ein paar türkische Jungs kamen herein und setzten sich nach ganz hinten. Sie hörten laute Handy-Musik, warfen Sonnenblumenkerne überall hin und pöbelten ein wenig rum. Der ganze Bus hätte sich aufregen müssen über diese Türken. Ja, aber wem bin ich denn in der Situation aufgefallen, wer würde sich an mich erinnern? Wie ich als Türkin da still und leise sitze und mein Buch lese. Prinzipiell nimmt man negative Dinge eher wahr. Ich bin aber der Meinung, dass sich schon vieles verändert hat und genau das beleuchten wir auch bei unserem renk.-Magazin.

Danny: Genau darin liegt die Legitimation unseres Magazins. Ein Gegenpol zu der negativen Berichterstattung einiger Mainstream-Medien.

Und ihr macht das alles ehrenamtlich?

Melisa: Gerade sind wir dabei, unser Magazin zu erweitern. Wir sind auf der Suche nach Sponsoren, nur werden kulturbezogene Inhalte leider viel zu selten unterstützt. Dennoch haben wir eine große Resonanz bei unseren Lesern, weshalb wir sehr motiviert sind, auch unter ehrenamtlichen Bedingungen zu arbeiten.

renk.-Seite

Du hast es ja grad angesprochen, Melisa. Die negative Berichterstattung über den Türken“, der sich nicht integrieren möchte. Ich habe, seit Pegida auf den Straßen unterwegs ist, bemerkt, dass diese negative Berichterstattung mehr oder weniger den Rückwärtsgang eingeschaltet hat. Was meint ihr dazu?

Wiebke: Ich finde, man muss da zwischen Boulevard-Medien und seriösen Tageszeitungen unterscheiden, die ihren Job ernst nehmen. Sonst klingt das ganz schnell nach dem Vorwurf: „Lügenpresse“. Es wäre falsch zu denken, dass alle Journalisten immer nur die Klischees bedienen. Es gibt einen großen Unterschied, ob ich meine Nachrichten auf RTL schaue oder einen Zeit-Artikel lese.

Danny: Klischees kann man zur Instrumentalisierung nutzen, um Kategorisierungen im Kopf zu erzeugen. Man kann sie allerdings auch unterhaltsam verpacken. Ich bin der Meinung, dass die sozialen Medien den Verstand der Masse von Grund auf revolutioniert haben. Heute verbreitet sich eine Nachricht, ein Foto oder ein Video global in Sekundenschnelle. Es ist viel schwieriger geworden, bestimmte Meinungen innerhalb des Volkes durchzusetzen. In Bezug auf die Medien sollte man die Dinge aber nicht so streng sehen. Wenn man vieles negativ betrachtet, sieht man sich als Opfer. Wir müssen aus der Opferrolle rauskommen, denn die bringt uns nicht weiter.

Wiebke: Diese Art der Haltung schürt eigentlich nur Ängste und Angst ist bekanntlich niemals ein guter Ratgeber.

Woher kommt diese Rolle und wieso fällt man immer wieder drauf rein?

Melisa: Man sucht halt immer einen Schuldigen, das ist ein menschlicher Reflex. Aus dem Muster immer irgendjemandem für irgendetwas verantwortlich zu machen auszubrechen, ist das Ziel.

Glaubt ihr, dass unsere Eltern in dem Punkt etwas falsch machen? Ich habe manchmal mitbekommen wie unsere türkischen Eltern ihren Kindern sagen: „Den Deutschen kann man nicht trauen“. Das kann ja alles andere als hilfreich sein.

Wiebke: Andersherum werden in deutschen Familien auch bestimmte Vorurteile und Stereotypen über Ausländer weitergegeben. So wie: „Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg“ und so ein Mist. Ganz klar überträgt sich das, aber genau da liegt es an unserer Generation, und ich glaube dafür ist die Zeit auch reif, das zu durchbrechen. Frei zu sagen „Nein, ich sehe das ganz anders. Ich habe gute Erfahrungen gemacht!“

Melisa: In der Zeit der digitalen Medien hat man selbst die Macht, etwas daran zu ändern. Es ist wichtig, ein Gegengewicht zu setzen.

Danny: Oft werden unsere negativen Erfahrungen auf die Gesellschaft verallgemeinert. Wir brauchen mehr Leute, die sich wehren. Mehr Leute, die unsere Arbeit unterstützen und sagen: „Hey es gibt nicht nur Mist, sonder auch viel Positives!“

Oft werden also unsere negativen Erfahrungen auf die Gesellschaft verallgemeinert.

Melisa: Ja, so ist es. Ich habe schon hunderte von Geschichten gehört, die sich um das Thema Rassismus drehen. „Mein Name wurde früher immer falsch ausgesprochen“, „Meine Lehrerin hat mich für mein gutes Deutsch gelobt, obwohl ich doch hier geboren bin.“ Jeder hat seine Erfahrungen gemacht und mit den Geschichten will man eigentlich nur sagen, dass man in irgendeiner Form benachteiligt wurde. Ich verleugne nicht, dass man über Rassismus sprechen muss, aber bringen uns diese Storys weiter? Ich bin der Meinung, dass dich solche Erfahrungen auch auf eine Art stärken können.

Was würde renk. jungen Menschen mit Migrationshintergrund empfehlen?

Melisa: Wenn du es drauf hast, dann ist es irgendwann völlig egal, auf welcher Schule du warst und was du genau für einen Abschluss hast. Ich warte auf diesen Tag, wenn ich endlich mal mein Bachelor-Zeugnis dahin legen kann. Es passiert nicht. Keiner fragt mich beim Small-Talk „und auf welcher Schule warst du so?“ Meiner Meinung nach bildet man sich selber weiter bzw. durch sein Umfeld, durch das, was man tut und macht. Man sollte sein Schicksal nicht von anderen Menschen abhängig machen. Wasser fließt, sagt man ja, immer.

Danny: Es gibt unendlich viele Biografien, die das bezeugen können. Leute, die ganz klein waren, sind heute ganz groß. Du liest in den Biografien, was die jeweilige Person alles angefangen und abgebrochen hat. Und dann liest du, der Typ hat heute ein Unternehmen mit 12.000 Mitarbeitern. Man kann nach hinten gucken oder eben auch nach vorne. Die Entscheidung liegt ganz bei dir.

Wiebke: Verschwendet keine Zeit damit, Menschen, die sich euch in den Weg gestellt haben, zu verteufeln, sondern fangt an euren eigenen Weg zu gehen.

Melisa: Du bist vielleicht ein kleines Zahnrad, aber wenn du versuchst dich zu drehen, werden die anderen Zahnräder um dich herum auch anfangen sich zu drehen. Es gibt einen kulturellen und kreativen Schnittpunkt, den wir aufzeigen, in der Hoffnung junge Menschen zu motivieren. Wenn sie sich inspirieren lassen von diesen Geschichten, ist das Bombe! (lacht)

Vielen Dank an renk.!

Bitte sehr.

renk.


Fotos: Nicolai Ziener

http://nikolaiziener.de