„Das Erlernen der Muttersprache ist ein Menschenrecht“

„Viele der Einwanderer sehen die Werte, die Deutschland bietet und sind gleichzeitig stolz auf ihre eigene Herkunft. Einwanderung ist ein Kommen und Gehen, in Freiheit, mit Respekt vor der Identität des Anderen“, sagt der emeritierte Romanistikprofessor Reiner Arntz von der Universität Hildesheim, der sich seit einigen Jahren intensiv mit dem Türkischen befasst und während Forschungsaufenthalten in Sakarya und Izmir seine Kenntnisse vertiefte. „Türkisch ist eine schwere Sprache. Sie kommt ohne das Wort ‚dass’ aus. Das gibt es bei den europäischen Sprachen nicht“, weiß Arntz zu berichten. Aber nicht nur für deutsche Schüler und Studenten ist das Erlernen des Türkischen eine Herausforderung, auch die türkischen Schüler tun sich mit ihrer Muttersprache schwer. Der Sprachwissenschaftler weiß, wo die Defizite in der Sprachausbildung und -förderung der türkischen Kinder in Deutschland liegen: „Sie brauchen ein stabiles Fundament, auf das sich aufbauen lässt. Das ist ein Eltern-, wenn nicht gar ein Menschenrecht. Die Eltern müssen entscheiden, welche Sprache sie ihren Kindern beibringen. Die Politik muss dann die Möglichkeiten bieten, die Sprache der Mehrheitsgesellschaft zu erlernen.“

Der „Sprachwirrwarr“ befördert die Migranten nur noch mehr ins Abseits

Auch die Medien, insbesondere die türkischen, sieht er in der Pflicht, die Menschen auf die Bedeutung der Muttersprache hinzuweisen, ohne das Deutsche zu vernachlässigen. „Den heutigen Sprachwirrwarr kann niemand gebrauchen. Die Migranten befördern sich dadurch nur noch mehr ins Abseits.“ Dem pflichtet auch Prof. Dr. Michael Gehler von der Universität Hildesheim bei. Gehler ist geschäftsführender Direktor des Instituts für Geschichte. Er sieht die Sprache als großes Hindernis auf dem Weg zur Integration – auf beiden Seiten. „Die Bereitschaft, Türkisch zu lernen, nimmt auf deutscher Seite zwar zu, aber eher langsam.“ Integration sei in erster Linie ein Verständigungsprozess.

Zumindest auf staatlicher Ebene gebe es Fortschritte. Die deutsche Politik habe endlich anerkannt, dass es sich bei der deutschen Gesellschaft um eine Migrationsgesellschaft handle. Dennoch sieht der Historiker in vielen Bereichen Nachholbedarf. Insbesondere was die Behandlung von türkischen Patienten angeht, hinke Deutschland im internationalen Vergleich hinterher. Die im April erfolgte Wahl Ilhan Ilkılıçs in den Deutschen Ethikrat könne nur ein erster Schritt sein.

Eines der aktuellen politischen Themen, die auf der Tagung besprochen wurden, war der EU-Beitrittsprozess der Türkei. Gehler stellt eine „gewisse Müdigkeit“ in den Verhandlungen fest: „Nach der Sarrazin-Debatte ist die Luft etwas raus. Dabei gibt es noch einen großen Forschungsbedarf.“ Die Öffentlichkeit halte sich zu sehr mit Klischees auf, die überwunden werden müssten. Auch die geschichtliche Debatte verfolgt der Historiker mit Verwunderung. „Viele wissen nicht, dass es mehr Friedens- als Kriegszeiten zwischen Europa und dem Osmanischen Reich gab.“ Die „Türkenkriege“, wie die kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Osmanen im 15.-18. Jahrhundert genannt werden, hätten zwar das europäische Bild vom „Türken“ geprägt, doch dürfe nicht vergessen werden, dass es im 18. Jh. auch eine Türkenbegeisterung an deutschen Fürstenhöfen gab, die sich in einem großangelegten Kulturtransfer geäußert habe. Gehler betont, dass die Beitrittsdiskussion „entemotionalisiert“ werden müsse. Eine privilegierte Partnerschaft zu fordern, wie Angela Merkel und die CDU dies seit Jahren tun, erscheine kaum sinnvoll; denn die Türkei habe ja bereits eine privilegierte Partnerschaft aufgrund der Zollunion mit der EU seit 1996.

Zwischen Europa und dem Osmanischen Reich gab es mehr Friedens- als Kriegszeiten

Gespannt äußert sich Gehler, der an vielen Publikationen zum Thema „Europäisierung“ mitgearbeitet hat, über den künftigen Verlauf der Beitrittsverhandlungen und die Rolle Deutschlands. Sowohl die Türkei als auch Deutschland seien junge Staaten, die eine bewegte, aber in vielen Punkten unterschiedliche Geschichte hinter sich haben. So herrsche am Bosporus eine völlig andere Konfliktkultur als hierzulande: „Der Türke reagiert beleidigt, wenn Atatürk kritisiert wird. Er ist stolz auf sein Land und seine Geschichte.“

Gehler lobt den Europäisierungsprozess der Türkei, verweist aber auch auf fortschreitende Islamisierungs- und Nationalisierungstendenzen. Ganz anders sieht er die Situation in Deutschland. Die Menschen täten sich nach wie vor schwer im Umgang mit Begriffen wie Patriotismus und Nationalstolz – für den Wissenschaftler Anzeichen, dass sich beide Staaten nach wie vor in einem Selbstfindungsprozess befinden, dessen Resultat Gehler als wegweisend für die Türkei, Deutschland und auch Europa erachtet.

Gehler und Arntz organisierten im Mai in Zusammenarbeit mit der Ege-Universität Izmir eine Internationale Fachkonferenz zum Thema „Die Türkei, der deutsche Sprachraum und Europa“, wobei der sprachliche Aspekt im Mittelpunkt stand. Die beiden Universitäten kooperieren im Rahmen einer Erasmus-Partnerschaft, die sich neben dem Studenten- und Dozentenaustausch die Durchführung gemeinsamer wissenschaftlicher Projekte zum Ziel gesetzt hat. Die Veranstalter hoffen, dass das Motto der Fachtagung, „Integration auf Augenhöhe“, auch einen Impuls für die Politik geben kann, spätestens mit der für 2014 geplanten Folgekonferenz in Izmir. „Es spricht einiges dafür, dass ein Teil der Redner dann auf Türkisch vorträgt“, erklärt Arntz. Zunächst aber sollen die Ergebnisse der Hildesheimer Konferenz zusammengetragen und im kommenden Jahr in einem Sammelband publiziert werden.