Der Bolzplatz-Traum in Wedding: „Erzieher ist kein Frauenberuf!“

„Wenn man zuversichtlich seinen Träumen folgt, und sich bemüht, so zu leben, wie man es sich vorgestellt hat, wird man unerwartet von Erfolg gekrönt.“ Henry David Thoreau

Abdul, kannst Du Dich bitte vorstellen?

Ich heiße Abdul El-Khatib, bin 24 Jahre alt und arbeite als Erzieher in der Jugendfreizeiteinrichtung SoKo116 in Berlin-Wedding.

Wie kam es dazu, dass Du Erzieher wurdest? Ist doch eher ein Frauenberuf

Das musste ich mir anfangs oft anhören. Such dir doch etwas Vernünftiges, etwas anderes aus. Es ist halt dieses übliche Klischee. Ich habe die unterschiedlichsten Berufe im Handwerk kennengelernt (Elektroniker, Maler, Anlagenmechaniker), aber keiner dieser Berufe hat mich wirklich gereizt. Mir wurde schnell bewusst, dass es nichts für mich ist, vor allem, weil ich jeden Morgen um 7 Uhr bei sibirischer Kälte auf der Baustelle sein musste. Ich wäre vielleicht auch später in einem dieser Berufe gelandet, wenn ich damals einen Ausbildungsplatz bekommen hätte. Der Druck des Systems war immens. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mit meinem Zeugnis nicht gerade die besten Vorrausetzungen mitbringe, um einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Also beschloss ich meinen Abschluss zu verbessern und meldete mich bei dem Träger „puk a Malta“ zur berufsvorbereitenden Maßnahme an. Ich hatte dort zwei Tage Schule, um mich auf die Prüfungen vorzubereiten, und drei Tage Praktikum, um mich eventuell für einen Ausbildungsplatz zu empfehlen. Das war die Entscheidung, die mein Leben veränderte.

Wer hat Dich zur Sozialarbeit inspiriert?

Bei „puk a Malta“ lernte ich Jan Spieler kennen, der das Projekt „KingzofKiez“ ins Leben gerufen hatte. Dort gaben Jugendliche anderen Jugendlichen weiter, was sie gelernt hatten. Ich war begeistert von der Arbeit, die er mit den Jugendlichen leistete. Jan Spieler sah das Potenzial, das in mir steckt und versuchte mich zu fördern. Ich könnte meinen, dass ich mich das erste Mal in meinem Leben wertgeschätzt gefühlt habe und so gewann er mein Vertrauen. Er nahm mich mit ins Quartiersmanagement, wo ich später dann zum Quartiersrat gewählt wurde. Der Quartiersrat ist ein Gremium, welches sich aus Vertretern des Stadtteils zusammensetzt und sich zur Aufgabe gemacht hat, das Quartiermanagement zu beraten, die allgemeine Stadtteilentwicklung zu begleiten und maßgeblich mitzubestimmen. Jan Spieler ist die Person, die meinen Werdegang geprägt hat. Noch heute frage ich ihn um Rat.

Darf ein Beruf, den man ausübt, Spaß machen?

Mein Praktikum absolvierte ich in einer Jugendfreizeiteinrichtung und war dann immer öfter in Jugendzentren unterwegs. Dort habe ich endgültig gesehen: Das mache ich gerne und habe Spaß dabei. Ich habe mir dann die Frage gestellt, warum ich das Spaß haben nicht zum Beruf mache, auch wenn es im ersten Moment nicht realistisch klang. Damals in dem Alter wusste ich ja noch nicht, was Verantwortung bedeutete, der Spaß stand im Vordergrund. Meistens wurde man ja fürs Spaß haben bestraft. Ich habe mich dann erkundigt, welche Ausbildung für diesen Beruf nötig ist und fing an, mich trotz des schlechten Zeugnisses zu bewerben. Die erste Möglichkeit, die ich bekam, habe ich dann direkt genutzt. Ich war beim Einstellungstest. Ich war ja nicht dumm und brachte gute Voraussetzungen mit.

Warum hat sich die Ausbildungsstelle für Dich entschieden?

Ich denke, dass ich schon in meinen jungen Jahren viel Erfahrung im sozialen Bereich sammeln konnte, obwohl ich eine ganz andere Richtung hätte nehmen sollen. Interessant war auch, dass die Noten nicht im Vordergrund standen, um einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Heute können ich und die Lehrer sagen, dass wir mit mir alles richtig gemacht haben. In der Ausbildung hatte ich ein relativ gutes Verhältnis zu den Lehrern, was mir die Sache wesentlich leichter gemacht hat. Es heißt jetzt nicht, dass ich deswegen bevorzugt wurde. Viele Mitschüler dachten das aber, deshalb waren sie nicht immer fair zu mir. Es ist nur so, wenn jemand an dich glaubt, bist du noch motivierter dieses Ziel zu erreichen und das Gefühl haben mir meine Lehrer gegeben.

Abdul, Du hast diesen Bolzplatz Realität werden lassen. Sogar mit dem ehemaligen Bürgermeister Klaus Wowereit hattest Du Kontakt. Erzähl mal.

Dieser Bolzplatz war mein Traum. Ich habe im Kinderladen „Frisbee“ gearbeitet, wo stets Passanten unterwegs waren. Wenn wir da Fußball gespielt haben, gab es immer Stress mit denen. Wir haben auf der Straße gespielt, weil es keine andere Möglichkeit gab. Ein Bolzplatz wäre schön gewesen. Die Möglichkeiten, die ich in meiner Kindheit nicht haben konnte, aber mir gewünscht hatte, wollte ich jetzt den Kindern geben. Das mit dem Bolzplatz war auch nicht von einem Tag auf den anderen erledigt. Der Prozess hat insgesamt fünf Jahre gedauert.

Was war der erste Schritt?

Ich habe mich als erstes beim DFB gemeldet. Während der WM hatte es eine Bolzplatz-Aktion „1.000 Mini-Spielfelder“ gegeben. Ich war leider um ein paar Monate spät dran, aber der DFB hat mich nicht im Stich gelassen. Die waren begeistert von meinem Engagement und leiteten mein Anliegen an den Landessportbund Berlin weiter. Die Sache ging dann an das Grünflächenamt, die wiederum reichten die Sache an das Quartiersmanagement. Das Quartiersmanagement hatte 11.000 Euro zu Verfügung, die aber noch im selben Jahr ausgegeben werden mussten, sodass man das Geld nicht sparen konnte. Viel Geld dachte ich, mehr brauche ich doch gar nicht. Aber ich hatte keine Ahnung, in welchen Dimensionen wir uns befanden, um einen Bolzplatz bauen zu lassen. Ich habe vergebens nach Sponsoren gesucht und musste das Geld wieder zurückgeben.

Und dann kam die Politik ins Spiel?

Ich habe mich mit dem Bezirksbürgermeister Christian Hanke in Kontakt gesetzt, der sagte mir, dass er leider kein Geld locker machen könne, mich dennoch unterstützen werde. Er hielt auch sein Wort und lud mich zu einer Veranstaltung der SPD ein, auf der ich mich dann mit dem da Klaus Wowereit über den Bolzplatz unterhalten konnte. Der konnte mir auch nichts Neues sagen. Ich habe eine Absage nach der anderen bekommen. Aber ich habe nicht aufgegeben. Da war einfach etwas in mir, dass mir sagte: Das wird schon funktionieren. Du musst nur weitermachen. Svenja W. vom Quartiersmanagement hat auch Jahre danach alles versucht, um den Bolzplatz Realität werden zu lassen, bis es dann endlich geklappt hat. Es waren letztlich viele kleine Schritte, die sich letztlich zu einem großen Puzzle zusammengefügt haben. Heute stehen nicht nur ein Bolzplatz, sondern auch Fitnessgeräte und Entspannungsmöglichkeiten auf dem Spielplatz (Preis: ca. 250.000€). Jetzt haben die Kinder in diesem Kiez endlich einen richtigen Platz zum Fußballspielen.

Wie war die Eröffnung des Bolzplatzes für Dich?

Es war einer meiner schönsten Tage, als dieser Bolzplatz eröffnet wurde. Mich hat vor allem gefreut, dass Profifußballer Änis Ben-Hatira (ehemals Hertha BSC, jetzt Eintracht Frankfurt) und Rapper Ali Bumaye Zeit gefunden haben, bei der Eröffnung dabei zu sein. Für die Kinder war das auf jeden Fall nochmal was ganz besonderes. Ein Traum ging in Erfüllung…

Abdul, Du hattest einen Traum. Du hattest sechs Jahre mit vielen Hindernissen zu kämpfen und hast es am Ende trotzdem geschafft. Wenn Du die Möglichkeit hättest, Menschen, die sich im Leben ein Ziel gesetzt haben, etwas zu sagen, welche Worte wären das?

Man muss sich von Anfang an bewusst sein, dass es nicht einfach wird. Es ist ja nicht umsonst ein Traum, den man verfolgen will. Man muss sich darauf gefasst machen, dass die Umsetzung eine Menge Zeit in Anspruch nehmen kann. Vor allem muss man aber mit vielen Rückschlägen rechnen, darf dabei aber nicht den Kopf hängen lassen und weitermachen. Mir persönlich war es auch sehr wichtig, Leute an meiner Seite zu haben, die mich unterstützen und weiter ermutigen. Es kostet wirklich viel Zeit, Kraft und in meinem Fall auch viel Geld. Am Ende wird sich aber zeigen, dass es sich definitiv gelohnt hat. Wie sagt man so schön: „Nach dem Regen kommt die Sonne!“ Ich möchte mich gerne nochmal bei der IB Medizinische Akademie Fachschule für Sozialpädagogik, Alpa Gun, Ali Bumaye, BTNG, Änis Ben-Hatira, Tahsin Özkan, Hayat, Matondo Castlo, Taban J., Wonder Waffel, Jugendclub SoKo116, Quartiersmanagement Soldiner Kiez, Nes-lee, Yilian R.M., Jan Spieler, bei den Jugendlichen und vor allem bei meiner Familie bedanken. Ich werde bestimmt einige Leute vergessen haben, aber ihr könnt mir glauben, dass ich mich bei jedem bedanke, der mich bis hierhin unterstützt hat und weiterhin unterstützt. Ich liebe euch alle…

Abdul, für mich bist Du ein Vorbild für die Kinder in diesem Viertel. Bleib so wie Du bist!

Danke.