Der Imam mit dem Surfbrett – Australier will Vorurteile bekämpfen

Haisam Farache liebt hohe Wellen. Und den Islam. Mit dem Surfen will der Rechtsanwalt zeigen, dass man Australier und Muslim zugleich sein kann. Es ist seine Art, um Vorurteile zu bekämpfen.

Der Strand von Narrabeen, im Osten von Sydney, kurz vor Sonnenaufgang: Ein schwarzer Geländewagen taucht auf. Am Steuer sitzt ein Mann mit weißem Turban und langem, grau meliertem Bart – Haisam Farache, Islamgelehrter und Rechtsanwalt von Beruf. Ein kurzer Blick auf die Wellen. Dann legt der 43-Jährige den Turban ab und tauscht sein graues Gewand gegen einen blau-schwarzen Surfanzug.

Hier, an einem der berühmten Strände der australischen Millionenmetropole, wo Surfen gewissermaßen ein Volkssport ist, kennt jeder Farache. Er ist der «Surfing Sheikh», der «surfende Scheich», Australiens einziger. Und Beweis dafür, dass die Kenntnis der Scharia, des islamischen Rechts, und der Spaß auf dem Surfbrett durchaus miteinander zu vereinbaren sind.

«Das Wellenreiten ist für mich auch eine spirituelle Erfahrung. Es hilft mir, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu sehen», sagt Farache, während er noch schnell sein Zwei-Meter-Brett wachst. «Es ist eine Befreiung, es ist Freiheit. Die Wellen waschen all meinen Stress weg.» Dann geht er ins Wasser.

Scharia mit australischen Gesetzen im Einklang

Das Surfen hat Farache von klein auf gelernt. Er ist in Sydney geboren und aufgewachsen. «Meine Kindheit war ziemlich typisch australisch», erzählt er. «Die Strandkultur war wichtiger Teil meiner Erziehung, genauso wie Rugby.» Heute ist er Experte dafür, wie bei Streitfällen verschiedenster Art – zum Beispiel im Familienrecht – die Scharia mit australischen Gesetzen in Einklang gebracht werden kann.

Mit dem Surfen will er zeigen, dass es möglich ist, Australier und Muslim zugleich zu sein. «Das schließt sich in keiner Weise aus.» Über den Sport kommt er auch an muslimische Jugendliche heran, die ansonsten vielleicht in eine radikalere Szene abdriften könnten. «Ich sage ihnen: „Sieh mal, ich surfe. Komm zum Strand.“ Dann gehen wir raus auf die Wellen, haben Spaß und essen etwas. Und machen das so, dass Islam und australisches Recht vereinbar sind.»

Als Kind ging Farache auf eine katholische Schule. Er war gläubig, aber nicht sehr religiös. Das änderte sich, als er 1992 zu einem Studium der Weltreligionen in die USA ging. Vier Jahre später wurde er zum strenggläubigen Muslim. 2002 ging er in den Jemen und studierte zwei Jahre lang islamisches Recht.

Viele rassistische Vorurteile gegen Muslime

Nach seiner Rückkehr wurde Farache Imam. Heute betet er an der Moschee in Bankstown vor, wo es eine größere muslimische Gemeinde gibt. Als Ziel nennt er, die wachsende Kluft zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen in Australien zu überwinden. Von den 24 Millionen Einwohnern des Landes sind nur etwa zwei Prozent islamischen Glaubens.

Die Präsidentin von Australiens Menschenrechtskommission, Gillian Triggs, meinte kürzlich: «Die muslimische Gemeinde leidet überproportional unter Hassreden und Diskriminierung, sowohl auf dem Arbeitsmarkt als auch bei Dienstleistungen.» Laut einer Studie der Universität West Sydney gibt es drei Mal so viele rassistische Vorurteile gegen Muslime wie gegen andere Australier. Mehr als die Hälfte aller Muslime in dem Land klagen, dass sie unter Diskriminierung leiden.

Die australische Rechtsaußen-Abgeordnete Pauline Hanson nannte den Islam kürzlich sogar «eine Krankheit, gegen die man eine Impfung braucht». Farache meint dazu, dass auch die Australier auf den Zug von Nationalismus und Islam-Hass aufgesprungen seien. «Australien ist leider immer schon ein rassistisches Land gewesen.» Dann fügt der «surfende Scheich» noch schnell hinzu: «Aber zum Glück sind nicht alle so.» Und holt sein Brett.

Quelle: YouTube/ SBS VICELAND
Von Subel Bhandari, dpa