Die Doppelmoral – Türkei, Katar, Palästina

von Erkan Köktas

Saudi Arabien verpasste Katar ein Embargo, nahezu alle muslimischen Länder schlossen sich dem an. Der Finanz-Gigant Katar war auf einen Schlag ganz alleine. Auch die USA zeigte sich plötzlich auf der Seite von Saudi Arabien und das Königreich Katar verwaiste noch weiter. Eine beinah aussichtslose Situation, wäre da nicht der einzig wahre Freund: Der türkische Staatspräsident im Namen der gesamten Türkei. Sofort eilt die Türkei mit einer Gruppe an Soldaten an die Seite von Katar, verfrachtet hoch qualitative Lebensmittel in den verwöhnten, aber vereinsamten Golfstaaat und riskiert damit viel.

Der türkische Staatspräsident Erdogan spricht in seiner allseits bekannten Kasimpasa Manier, als wäre er der Boss der Region, dass er eine Einigung zwischen Saudi Arabien und Katar bis spätestens zum Ende des Fastenmonats Ramadan. Doch die Krise zwischen den Saudis und Katarern dauert bis heute an. Auch ein persönlicher Besuch von Recep Tayyip Erdogan hat die Steine keinen Millimeter ins Rollen gebracht. Was aber ist indes passiert?

Türkische Soldaten erleiden wiederholt Lebensmittelvergiftung

Im Fastenmonat Ramadan sorgten wiederholte Massenvergiftungen von türkischen Knappen und Soldaten in Kasernen für Schlagzeilen. Die Empörung war groß, sogar hartnäckige Erdogananhänger ärgerten sich dieses Mal, denn während türkische Soldaten giftige Lebensmittel serviert bekamen, lieferte die Türkei Lebensmittel in bester Qualität an den Luxus, Glanz und Gloria gewähnten Katar. Wieso sind die eigenen Soldaten nicht genauso viel wert? Fragten viele Türken empört. Scheinbar nicht.

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USA und Katar versöhnen sich nach nur 7 Tagen

Der amerikanische Präsident Donald Trump besuchte überraschend Saudi Arabien und feierte ein albernes arabisches Fest mit Schwert und Prunk a la Saudi Arabien. Trump lieferte lachhafte Bilder für die Weltöffentlichkeit und zeigte sich von den Saudis insgesamt befriedigt. Kurz danach passierte das Embargo der Saudis gegen Katar. Der Vorwurf: Unterstützung von Terror. Diese Reaktion löste in der Weltöffentlichkeit Unbehagen aus, denn der Vorwurf der Terrorunterstützung gegenüber Katar kam von Saudi Arabien. Dass Katar in dieser Sache alleine stehen soll und das Saudi Arabien mit vermeintlicher Terrorunterstützung nichts zu tun haben soll ist ziemlich unglaubwürdig. Wie auch immer, haben die Amerikaner unter der Führung von Trump zunächst im Sinne von Saudi Arabien reagiert und Katar kritisiert. 

Doch verblüffender Weise löste sich der kurzweilige Konflikt zwischen USA und Katar in Luft auf. Nur 7 Tage dauerte die Krise an. Gelöst wurde das Problem plötzlich, als das Königreich Katar Kampfjets aus den USA in Höhe von 12 Milliarden US Dollar in Bestellung gab. Die Türkei, die Katar gegen alle Nationen der Welt verteidigen wollte, stand dann als der größte Verlierer da. Während sich die Türkei als einziger Staat an die Seite von Katar warf, reichte ein lukrativer Einkauf der königlichen Araber bei den Amerikanern aus, um die Kritik und das Embargo aus der Sicht der US-Amerikaner in Vergessenheit geraten zu lassen. 

Warum so viel Hilfe für Katar?

Doch warum hat die Türkei sich überhaupt an die Seite von Katar gestellt? Die Befürworter der türkischen Regierung sprechen von Anfang an von einer historischen Geste gegen den Kapitalitmus, gegen die Vorherrschaft der großen Mächte in der Welt, die für sie hinter dem Embargo gegen den Katar stecken. Schnell schrieben die Hofnarren unter den Journalisten in der Türkei, dass dies eine Strategie sei, die sich in Wahrheit auf die gesamte Türkei ausstrecken soll. Sie sprachen von einer historischen Entscheidung der Türkei, die durch die Positionierung neben Katar versteckte Pläne in die Leere laufen ließ. Unbeachtet blieb dabei die lastende Tatasache, dass die kriselnde türkische Wirtschaft ohne das Geld der Katarer aufgeschmissen wäre. Katar investiert in die Türkei, kauft türkische Giganten auf und erwirbt heiß umworbene Flächen. Vor allem kostbare Länder und Flächen in der Schwarzmeer Region gehören mittlerweile den Katarern. Unter den türkischen Giganten gehört beispielsweise der Teeproduzent Çaykur mittlerweile Katar. Was also soll passieren, wenn Katar plötzlich in echte Bedrängnis gerät und sich auf Wünsche und Forderungen der US-Amerikaner anpasst. Wenn Katar unter eine zeitweise Fremdbestimmung fallen sollte, oder das Embargo gegen Katar auf Dauer ein umdenken in der Politik von Katar verursacht? Die Türkei ist heute nicht umsonst neben Katar, sondern weil sie es muss. Katar hat zu viel Anteile an der wirtschaftlichen Blase der aktuellen türkischen Regierung. Vielleicht die größte Gefahr für die mittel bis langfristige Zukunft der Türkei.

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Wo bleibt der Aufschrei der Türkei zum Thema Palästina?

Unbeachtet aller weltpolitischer Krisenherde, schreitet auch die Krise in Palästina mit neuen und weitreichenden Folgen voran. Die Israelischen Behörden unter der zeitweise rigorosen Führung von Benjamin Netanyahu haben zuletzt die heiligen Gegenden um die Mescid-i Aksa blockiert und den Zugang für Muslime unter harte Kontrollen gesetzt. Grund war ein Angriff von drei Terroristen, bei dem zwei israelische Polizisten ums Leben kamen. Der Staat Israel griff danach ein und verhinderte ein Freitagsgebet, verhaftete zudem den Großmufti Muhammed Ahmed Hussein. Unbeachtet der Frage, wer in diesem Konflikt recht hat, stellt sich hier die Frage: Hat sich der neue Leader der islamischen Welt zu Wort gemeldet? Hat er für oder gegen die Tat etwas gesagt? Hat er Kritik geäußert? Warum bleibt er stets still, wenn es um Palästina geht, aber schmeißt sich mit allen Mitteln neben Katar? Geht es tatsächlich nur um Geld? Vermutlich ja.

One Minute ist der größte Fake!

Fanatiker des türkischen Präsidenten werden jetzt lauthals aufschreien und an die Worte von Erdogan in Davos erinnern. Dort nämlich, hat der damalige türkische Ministerpräsident gegenüber dem verstorbenen Präsidenten Israels Shimon Peres eine Show abgeliefert. Noch nie war ein türkischer Politiker gegenüber israelischen Politikern so offen und kritisch. Für wahr. Doch die größte Überraschung war dieser „One Minute“ Moment, als Erdogan sehr dominant das Mikrophon an sich nahm, um „Tacheles“ zu reden. Dann verließ Erdogan das Podium und lief runter. Bis hierhin ist es bei den AKP Anhängern bekannt und es ist eines der Schlüsselmomente für viele seiner Fans. Ihnen hat die görßte Öffentlichkeit der Welt eines vorenthalten, dass Erdogan kaum runter vom Podium, geradewegs in die Arme der internationalen Presse lief, um ein mögliches Missverständnis vorzubeugen. „Natürlich war meine Art und mein Ärger an den Moderator gerichtet. In keinster Weise habe ich die Juden, das jüdische Volk Israels und die israelische Regierung gemeint“. One Minute ist eines der größten Fakes in der politischen Karriere von Erdogan. Das muss endlich mal beim Namen genannt werden.