Die Muslime sind nicht mehr Entrechtete, sondern Akteure

Die 1953 geborene türkisch-französische Soziologin Nilüfer Göle lehrte von 1986 bis 2001 an der Boğaziçi Universität in Istanbul und ist heute Studiendirektorin an der École des hautes études en sciences sociales (Hochschule der Sozialwissenschaften, EHESS) in Paris. Sie gilt als bedeutende Kritikerin eurozentristischer Betrachtungsweisen hinsichtlich des Aufkommens veränderter islamischer Identitäten seit dem Ende des letzten Jahrhunderts.

In einem Interview mit der türkischen Tageszeitung „Yeni Şafak“ spricht sie über die Entwicklungen im türkischen Islam und deren Konsequenzen für andere Länder mit islamischer Bevölkerungsmehrheit. Das DTJ veröffentlicht es in zwei Teilen.

Was ist das Hauptresultat des Wandels in der islamischen Welt und in der Bevölkerung der islamischen Länder?

Es war an der Zeit, es aufzugeben, sich als Entrechtete wahrzunehmen, stattdessen sich in der Position der konstituierenden Akteure zu sehen. Muslime sehen das und versuchen, sich nicht nur in der Türkei, sondern sich nach kurzer Zeit auch in der gesamten Region sowie weltweit neu zu positionieren. Der Wandel in der globalen Welt hat die Ausdrucksweise der Muslime stark beeinflusst. Wenn z.B. die Versammlung des World Forums in Istanbul vor 10 Jahren stattgefunden hätte, hätte man wahrscheinlich kaum so viel Beteiligung erreichen können. All diese Themen nun von der Türkei aus zu diskutieren, übt einen neuen Reiz aus, die Türkei vermag insofern eine neue Plattform zu bieten. Früher hätte noch eine reagierende Ausdrucksweise geherrscht, „Der Westen ist ungerecht, wir sind die Entrechteten“, „Seht euch Palästina an oder Arakan“ und dergleichen. Heute aber wird die Frage gestellt, was unser Beitrag sein könnte, um die Ungerechtigkeit in der Welt zu beseitigen. Diese Fragestellung auf diese Weise platzieren zu können, sich aus dieser „wir und ihr“-Rhetorik zu befreien, genau dies bedeutet, sich aus dem Automatismus des bloßen Reagierens zu befreien.

Ist es denn möglich, ein bestimmender Akteur zu werden?

Warum denn nicht? Die Voraussetzungen scheinen dafür geeignet zu sein. Vielleicht sind sie sogar nicht nur geeignet, sondern eher schon zwingend. D. h. wir durchleben eine Phase, in der die Risiken hoch sind. Länder und Menschen werden in solchen Momenten auf die Probe gestellt, sie können sich dann beweisen. Für mich ist nicht die schwierige Seite des Problems wichtig, sondern die menschliche. Der Anspruch, ein konstituierender Akteur zu sein, zwingt die Türkei dazu, ein Vorbild darzustellen und unausweichlich dazu, freiheitlicher, egalitärer und gerechter zu sein. Und dies macht es unabdingbar notwendig, die Hauptprobleme im eigenen Umfeld, allen voran das Kurdenproblem, zu lösen. Und die Lösung dieser Probleme geht nur über noch mehr Freiheit, noch mehr Gleichberechtigung und noch mehr Gerechtigkeit. Im Grunde ist der Begriff der „Öffnung“ ein Ergebnis dieser Suche. Wenn man früher die AKP erwähnte, dann wurde noch behauptet, sie folge „geheimen Agenden“, heute aber kritisieren wir die Partei, wenn sie erwähnt wird, eher für das, was sie versprochen und nicht erfüllt hat. Vergessen wir nicht: Dieses Volk ist ein freiheitsliebendes Volk. Wer noch mehr Freiheit verhieß, der kam an die Macht. So wie erst die Partei der Demokraten (Demokrat Partisi), später die „Mutterlandspartei“ (Anavatan Partisi) und nun die AKP.

Die Stärke der Türkei liegt in ihrem gesellschaftlichen Wandel

Meinen Sie, dass diese Türkei Einfluss auf den Mittleren Osten genommen hat?

Bis heute wurde der Umstand, dass die Türkei für die arabische Welt und den Mittleren Osten ein Modell darstellen soll, mit politischer Führerschaft und mit Realpolitik erklärt. Ich halte diese Erklärungen für unvollständig. Mir kommt es eher so vor, als wäre die Modellhaftigkeit der Türkei für diese Regionen vielmehr soziologischer Art. Sie liegt im Beispiel einer anderen Modernität als im Westen. Darin ist es möglich, trotz all der Probleme, in der Vielfalt zusammenzuleben, zugleich das Säkulare und das Heilige für sich zu beanspruchen. Die türkische Gesellschaft verlangt nicht nur in den letzten 10 Jahren, sondern schon seit 20 Jahren noch mehr Gleichheit, noch mehr Freiheit, noch mehr Gerechtigkeit. Die Türkei ist für die arabische Welt und den Mittleren Osten kein ideologisches Modell. Es ist vielmehr der Gedanke: „Wir könnten ja so sein wie die Türkei“. Ein Modell zu sein heißt, für jene eine Hoffnung sein zu können, die so sein wollen, wie sie. Die Beispiellosigkeit der Türkei liegt nicht darin, dass sie eine islamische Republik sei, sondern darin, dass sie sowohl dem Westen nahe ist, als auch die Referenz des Islam im Osten zum Teil des Lebens macht und ihn dabei in einem neuen kulturellen Geflecht hervorbringen will; so etwas wurde zuvor nie verwirklicht. Die Stärke des Umstandes, dass heute nicht vom iranischen, sondern vom türkischen Modell gesprochen wird, liegt hierin begründet. Eines der Ziele des Arabischen Frühlings ist „so zu werden wie die Türkei“.

In zwei Studien stellte sich heraus, dass sich die Konservativität in der Türkei nicht verstärkt hat. Woran haben Sie bei diesem Befund gedacht?

Wir sollten nicht aus dem Auge verlieren, dass die Konservativität Bezirke und Besitzer gewechselt hat. Sie ist, statt nur ein Phänomen der Provinzen zu sein, in die Städte gezogen, elitärer und bürgerlicher geworden. Die politische Macht hat die materiellen Möglichkeiten, die neuen Konsumwünsche und die konservativen Kreise einem Wandel unterzogen. Die Konservativität ist zu einem Teil der nacherlebten, begehrten Lebensweisen und Erfolgsgeschichten geworden. Die Konservativität ist nun in den Händen der weniger traditionellen, vielmehr islamischen und reicheren Schichten. Wir können behaupten, dass der Glaube sich in neue soziale Codes umgewandelt hat. Nach der „Garderoben-Verwestlichung“ werden wir heute auch den „Tafel-Konservativismus“ kritisieren müssen.

So zu werden wie der Iran, das war eine unbegründete Angst

Das heißt, wir werden weiter diskutieren müssen…

Ich sprach davon, dass der Konservatismus seine eigenen Eliten hervorbringe. Heute sehen wir dies auch. Wir diskutierten über die Religiösen, über die traditionelle Gesellschaft, den politischen Islam, heute aber diskutieren wir die Konservativität. Das Beispiel Türkei ist eine Erprobung, einerseits im Säkularen verortet, andererseits das eigene Band mit dem Heiligen zu halten versuchend. Vielleicht stellt heute die Konservativität am ehesten diesen Umstand dar. Eine viel gestellte Frage nach 1980, oder, um es offener zu sagen, der Verdacht war: Wird das Band zum Heiligen uns zu einem islamischen Modell, zu einem Iran umwandeln? Dies war die Frage.

Aber wir sind nicht zu einem Iran geworden…

Richtig. Denn das Grundproblem jener, die diesen Verdacht hegten, war, dass sie die Säkularität und die Referenz zum Heiligen als gegenseitig sich ausschließende Alternativen betrachteten. Es galt: Wenn es das Heilige gibt, dann gibt es das Säkulare nicht, oder, wenn jemand säkular ist, dann hat er das Heilige abzulehnen. Das Experiment Türkei zwang früher zu dieser Lesart, sich entweder für das Eine oder das Andere entscheiden zu müssen, d. h. entweder für die Säkularisierung oder die Islamisierung. Ich habe in meinem letzten Buch versucht, dies – wenn auch auf einem stärker theoretischen Niveau – mit dem Ausdruck „die Erosion der Grenzen zwischen dem Religiösen und dem Säkularen“ zu untersuchen.

Was war der Grund, der Sie dazu antrieb, das Ganze von einer anderen Perspektive aus zu betrachten?

Vor allem die starke politische, parlamentarische und pluralistische Tradition der Türkei. Aus diesem Grunde ist der „politische Islam“, den die Politikwissenschaftler als Begriff, angelehnt an die iranische Revolution, ins Spiel brachten, d. h. das Phänomen „revolutionärer Islam“, etwas ganz anderes als der politische Islam, welcher in der Türkei im Rahmen der Legitimation durch die parlamentarische Demokratie eine eigene Flussrichtung gefunden hat. Außerdem habe ich diese Dinge aus dem Blickwinkel des „kulturellen“ Islam gelesen. Ich habe gesehen, dass der kulturelle Islam ein hybridisiertes Modell produziert hat, welches auch die Identitäten umwandelte, zwischen Freiheiten, Unterschieden und dem Heiligen eine Synthese vollzog. Ich habe also versucht, die Innenwelt der Akteure zu verstehen, die sowohl aus der modernen Welt heraus sprechen, als auch sich für das Heilige einsetzen wollen. Die Frauen wurden nun die Hauptakteure dieser Umwandlung. Denn das, was die Türkei in Bezug auf Freiheiten und den Pluralismus erfolgreich machte, war, dass die Frauen sich ihre Anerkennung eingeholt haben.