Das stille Heldentum der Gastarbeitermütter

Die Mutter Analphabetin, die Kinder Anwälte und Architekten

Nicht wenige türkische Mütter, die als Teil der ersten Gastarbeitergenerationen nach Deutschland gekommen waren, konnten nicht einmal Lesen oder Schreiben. Ihren Kindern aber haben sie das vermittelt, was nötig ist, um Erfolg zu haben.

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Ich kann mich noch an jene Zeiten erinnern, in denen abends um 19:00 Uhr auf dem WDR-Sender „Radio Köln“ (Köln Radyosu) türkische Nachrichten gesendet wurden und meine Mutter diesem Radiosender regelmäßig lauschte.

Sie war eine Frau, die weder lesen noch schreiben konnte, aber am Weltgeschehen interessiert war und ihren Kindern in die Ohren flüsterte, sie sollen sich weiterbilden und an die Kinder denken, die nicht einmal die Möglichkeit hätten, eine Schule zu besuchen.

Sie lieferte uns genügend Beispiele aus ihrem eigenen Leben.

Aus dem Unterton ihrer Stimme konnten wir immer wieder hören, wie wichtig und wertvoll es ist, sich zu bilden. Dieser Frau ist es gelungen, ihren drei Töchtern neben der Aussteuer für das eigene Heim auch einen Abschluss der höheren Schulen in der fremden neuen Heimat zu ermöglichen und sie so aus ihrem Haus zu verabschieden.

Mütter sind die ersten Lehrerinnen im Leben ihrer Kinder

Neben dem Pausenbrot hatte sie uns jeden Morgen die Aufforderung mit in die Tasche gepackt, dass wir Respekt vor den Lehrkräften in der Schule haben sollten. Dieses hat meine Lehrerin immer gerne angenommen und mir als Zuwendung zurückgegeben.

Meine Mutter sagte mir immer: „Werfe dem, der Dir Steine wirft, ein Stück Brot zurück!“ Diesem Zitat zu folgen, bedeutete immer wieder, Verluste einstecken zu müssen. Manchmal mache ich ihr einen Vorwurf daraus, dass sie uns nicht gelehrt hat, auch mal einen Stein zurückzuwerfen.

Sie hat uns neben ihrer absoluten Liebe aber auch Werte vermittelt.

Sie und ihre Töchter waren keinesfalls Einzelfälle, denn ich könnte hier noch unzählige Beispiele von Müttern nennen, die weder die Sprache des fremden Landes beherrschten noch Lesen oder Schreiben konnten.

Es sind die Geschichten jener Mütter, die dieser Gesellschaft Individuen schenkten, die am Ende imstande waren, nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere mitzudenken. Ihre eigenen Geschichten verbergen sich hinter einer Wand, sie wurden selten niedergeschrieben. Und soweit ich beobachte, ist das Interesse für ihre eigenen Geschichten kaum vorhanden. Hinter die Wand zu schauen, erfordert ein gewisses Maß an Interesse. Dieses Interesse ist nicht vorhanden oder nur in geringem Maße.

Aber wie könnte ich die Autorin meines Lebens außer Acht lassen? Oder all die der anderen? Die Mütter, die teilweise auf unseren Straßen erniedrigenden Blicken ausgeliefert sind. Die das Leben hinter der Bühne meistern. Die großen Künstler hinter der Bühne. Hinter den Kulissen haben sie ihre Kinder motiviert. Ihre Kinder auf dieses große Geschehen, das Leben, vorbereitet. Sie haben die Kinder, die ja unbestritten die Zukunft des Landes darstellen, mit Hoffnung und Liebe gefüllt. Sie haben damit indirekt auf unser aller Zukunft eingewirkt. Auf unsere gemeinsame Zukunft. Wir selbst aber interessieren uns eher für die, die sich öffentlich präsentieren und in Szene setzen. Popularität ist die Lenkerin unserer Interessen. Wir sehen populäre Themen als unsere Hauptaufgabengebiete.

Und deshalb bleiben die wirklich wichtigen Personen im Hintergrund. Das spricht aber lediglich umso mehr für die Einzigartigkeit und die Wichtigkeit dieser Menschen.

Die Mutter Analphabetin, die Kinder Akademiker

Am Ende stehen die erfolgreichen Schüler auf der Bühne, doch die Mitwirkenden, in erster Linie deren Eltern, sitzen in den hinteren Reihen. Es sei denn, die Tochter oder der Sohn kommt auf die Idee, diese beim Namen zu nennen.

Einige Beispiele möchte ich hier nennen und auflisten, um zu zeigen, dass es sie wirklich gibt. Die, die wir gerne übersehen:

Hakan, ein Rechtsanwalt. Seine Mutter hat es in der Türkei bis zur Mittelschule geschafft. Zülal, eine Rechtsanwältin. Ihre Mutter hat es im Osten der Türkei bis zur Grundschule geschafft. Nezahat hat Germanistik und Sozialwissenschaften für das Lehramt in der Sekundarstufe II studiert. Ihre Mutter ist Analphabetin. Nebahat ist Bankkauffrau. Ihre Mutter ist ebenfalls Analphabetin. Kezban ist Gynäkologin. Sie überlässt die Behandlung ihrer Mutter ihren Kolleginnen in der Türkei. Auch ihre Mutter ist eine Analphabetin. Von der Frucht ihrer Arbeit hat sie selbst nicht profitieren können. Emine ist Architektin. Ihre Mutter lebt in ihrer 64 Quadratmeter großen Wohnung und hat sich immer noch kein Haus anschaffen können, da sie all ihre Kraft und ihr Hab und Gut in die Bildung ihrer Kinder – außer Emine noch dreier weiterer Kinder, die Rechtsanwältin, Ärztin und Ingenieur wurden – investierte.

Das sind Freunde, mit denen ich teilweise dieselbe Schulbank drückte und deren Mütter ich auf den Straßen begrüßen durfte; es sind die mir bekannten Gesichter und Geschichten. Es sind die, die zu Elternsprechtagen erschienen sind und sich nicht entschuldigen ließen, dass sie eh nichts verstünden.

Sie sind diejenigen, die die Erfolgsgeschichten ihrer eigenen Kinder einleiteten.

Sie sind die Mütter, die ihren Kindern zeigten, dass sie Teil der Veränderung sein können.

Sie sind die Mütter, die die Zukunft unseres Landes mitgestalten.

Auch heute und morgen werden sie das tun. Solange der Baum, den sie hier im fremden Lande pflanzten, Früchte trägt, solange ihre Kinder existieren, solange werden auch sie existieren. Auch wenn ihre Namen den anderen unbekannt sind und bleiben.

Wo Lehrer noch zu den meistgeachteten Berufsgruppen zählen

Das Gespräch mit meiner ehemaligen Deutschlehrerin, die heute Schulleiterin einer Gesamtschule ist, veranlasste mich, diesen Text zu verfassen. Sie war einst meine Lehrerin und ist heute meine Mutmacherin dahingehend, dass ich mich endlich auf mein Buch konzentrieren und die Geschichte des „Sprachlosen Kindes“ beenden solle. Sie, die mich lehrte, Lessing und seine Ringparabel zu lesen und die Kernaussagen der Ringparabel zu verinnerlichen. Vielleicht ist sie die Quelle der Liebe zur Literatur.

Eine Frage, die sie stellte, hat mich motiviert, diesen Text zu verfassen: „Wie geht es Deiner Mutter?“

Nach meiner Mutter, die Frau, die mir zeigte: „Es gibt Wege und Menschen, die auf Dich warten.“

Diese zwei Frauen, die ich hier erwähne, haben mich geprägt.

Sie sind miteinander verbunden. Denn meine Mutter hat mir immer geraten, meine Lehrer zu schätzen und ihnen dankbar zu sein. Ihre Worte waren: „Wenn ich damals im Dorf die Möglichkeit gehabt hätte, eine Schule zu besuchen, würde ich meinem Lehrer oder meiner Lehrerin täglich das Wasser aus dem Brunnen holen und ihr dienen. Die Arbeit, die Lehrer übernehmen, ist die wichtigste, die Menschen seit jeher übernommen haben. Sei achtsam, wenn Du mit ihnen sprichst.“

Sie hat mir die Achtung gegenüber anderen Menschen beigebracht und meine Lehrerin in der Schule mit Respekt zu behandeln.

Sie hat mich jeden Morgen verabschiedet und meine Lehrerin hat mich in der Schule empfangen. Sie hat mir den Weg gezeigt, meine Lehrerin hingegen brachte mir bei, wie die Wege zu gehen sind.

„Das Lernen ist ein ewiger Prozess. Wenn Du das Wissen beherrschst und nicht zulässt, dass das Wissen Dich beherrscht, wirst Du ein guter Mensch sein. Wenn Du anfängst, mit Deinem Wissen anzugeben, wird Dich Dein Wissen verlassen.“

Das ist der Schlüssel des Erfolges dieser schweigsamen Frauen, unserer Mütter. Sie haben mit wenig Material aus ihrer „Unwissenheit“ und ihren unwissenden Kindern heraus Wissenschaftler geschmiedet und dieser Gesellschaft geschenkt. Das wenige Wissen, das sie sich aneignen konnten, haben sie in die Praxis umgesetzt. Ohne zu erleben, dass die Arbeit ihre Früchte trägt, haben sie das Land oft mittlerweile wieder verlassen.

Sie sind, nachdem ihre Männer das Rentenalter erreicht hatten, in die alte Heimat zurückgegangen. Sie sind in der Hoffnung dort, etwas von ihrer Kindheit wiederzufinden. Sie suchen nach etwas von der Freude, die sie damals hinterließen.

Wir sollen ihre Geschichten erzählen

Die Beziehung zu dem Land, das sie einmal zur Heimat gemacht, haben, können und wollen sie nicht aufgeben. Denn uns, ihre Kinder, haben sie hier gelassen. Wenn wir sie auf unseren Straßen, meistens in der Winterzeit sehen, dann sollten wir wissen, dass sie endgültig nur Gäste bei uns sind. Sie überbrücken hier den Winter und werden kurz vor Beginn des Frühjahrs wieder gehen.

Endgültig sind sie auch zu Gästen in ihrer Heimat geworden.

Haben wir das Recht, uns über ihre unangepassten Äußerlichkeiten zu ärgern und ihnen Blicke von oben herab zu schicken? Haben sie nicht an der Gegenwart und an der Zukunft unseres Landes mitgewirkt? Können wir das abstreiten und meinen, sie hätten nichts getan?

Schon Goethe, der im deutschen Lande seinen Ursprung hat und nun der ganzen Welt gehört, sagte: „Aber wenn man sich ganz fühlt und still ist und die reinen Freuden der Liebe und Freundschaft genießt, dann ist durch eine besondere Sympathie jede unterbrochene Freundschaft, jede halb verschiedene Zärtlichkeit wieder auf einmal lebendig.“

Wie eine unterbrochene Freundschaft; ja so betrachten diese Frauen dieses Land, an dessen Zukunft ihre Kinder tüchtig arbeiten. Und wir? Wir sollten daran arbeiten, die Geschichten dieser Frauen zu verstehen. Dieser Frauen, die stets ohne Wort und Schrift ihre Geschichten verfassten.

Alime Sekmen mit Dankbarkeit an diese Mütter und an die eigene, noch bevor es zu spät ist.


Alime Sekmen ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Sie hat Kulturwissenschaften mit dem Fachschwerpunkt Philosphie und Literatur studiert und schrieb zuletzt für Die Integrationsblogger.