Die Türkei, deutsche Medien und Heimat

Seit ein paar Tagen wache ich morgens auf, wenn meine Frau auf dem Iphone die Nachrichten abruft. Sie hat mir in den letzten Wochen wiederholt Schreckensmeldungen zugeraunt, die mich, den Morgenmuffel, von einem Augenblick zum anderen hellwach machen.  Vor allem in der Türkei kommt es nun Tag für Tag zu Ereignissen, die man 24 Stunden zuvor nicht für möglich gehalten hat.

Die deutsche Presse versucht, so gut es geht und mehr schlecht als recht, sich ein Bild von den Ereignissen zu machen, die der gescheiterte Militärputsch ausgelöst hat, oder besser, die Präsident Erdoğan zum Anlass genommen hat, ein Land mit vielen Hoffnungen, mit einer lang anhaltenden Erfolgsgeschichte, die schon vor zwei, drei Jahren endete, in einen Zustand zu versetzen, der dem Deutschlands zu Beginn des Jahres 1933 auf eine furchterregende Art und Weise nahekommt. Natürlich soll man sich vor Vergleichen hüten, aber es ist schon atemberaubend, die Abläufe zu verfolgen und zu beobachten, die der bedeutende Bonner Politologe Karl-Dietrich Bracher, ein Lehrmeister der jungen Bundesrepublik, in seinem Werk über die Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur beschrieben hat. Vieles wiederholt sich nun.

Eingeklemmt in einem Zwischenraum

Über Nacht hat sich das Leben für meine Freunde verändert. Ich weiß, dass die Familien dem Ferienbeginn entgegenfiebern, weil es dann zu den Großeltern und Verwandten geht. Einige unterliegen Reisebeschränkungen, können schon seit letztem Jahr nicht mehr nach Istanbul fliegen, und nun diese neue Situation, die nicht nur Urlaubspläne, sondern ganze Lebensplanungen über den Haufen wirft. Viele Deutsch-Türken sind durch die Ereignisse der letzten Tage wie in einem Zwischenraum, der sich infolge eines Erdbebens plötzlich aufgetan hat, zwischen der Küche im Erdgeschoss und dem Wohnzimmer im ersten Stock eingeklemmt. Ich kann zusammen mit meiner Familie nicht mehr tun, als ihnen meine Solidarität zu versichern, den einen oder anderen persönlich aufzusuchen, mit ihm zu sprechen, weil Nähe zu den Menschen, zu bedrängten Menschen, in diesen Tagen das Entscheidende ist.

Meine mehrheitsdeutschen Mitbürger unterschätzen, wie stark der Druck auf alle Mitglieder einer Familie ist, die der Hizmet-Bewegung gedanklich oder institutionell nahesteht. Die türkische innenpolitische Konfliktlage hat sich in die deutsche Gesellschaft eingeschlichen, ich selbst musste zur Kenntnis nehmen, dass einige meiner Freunde Angst haben, um sich selbst, aber auch um ihre Familien. Noch ist es nicht zu spät, die deutsche Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen, aber es ist direkt im Anschluss an die Meldung von der zum Glück erfolgreichen Niederschlagung des Putsches Einiges hierzulande passiert, das nicht hätte geschehen dürfen.

Neue Zürcher Zeitung und New York Times glänzen mit mehr Wissen über die Türkei

Die Deutschen, meine Eltern und Großeltern,  haben das 1933 erlebt. Ein Film über ein seinerzeit weltberühmtes Berliner Gesangsensemble, die “Comedian Harmonists“, beschreibt exakt, wie eine Aussonderung von Minderheiten, von Teilen der Gesellschaft, in Gang kommt und was danach passiert. Es gibt Menschen in Deutschland, die seit ein paar Tagen die braune Uniform der SA-Schlägertrupps übergestreift haben, ohne es zu merken. Den deutschen Medien kommt unter solchen Umständen eine besondere Verantwortung zu. Aber das Wissen über die Türkei, über die Gülen-Bewegung, ist bestürzend gering. Die Neue Zürcher Zeitung, die New York Times berichten ganz anders, sie sind vor allem fair, während hierzulande alte Behauptungen, längst widerlegte Tatbestände, aus dem Internet hervorgezaubert und mit gezielten Desinformationen in online-Kommentarspalten verstärkt werden.

Bei aller Verunsicherung, angesichts von Ängsten, die man noch nie hatte, liegt meine Zuversicht und mein Glaube darin, dass Ihr in Deutschland zu Hause seid, dass Ihr eine Heimat habt. Es ist mir klar, dass es eine zweite Heimat der Sehnsucht und Erinnerung gibt, die binnen weniger Tage auf unendliche Distanz gerückt ist, mit der ihr Schwierigkeiten habt, sie zu verstehen. Aber sie bleibt, zumindest als Projektionsort von Hoffnungen, dass das, was in diesen Tagen in der Türkei passiert, nicht das letzte Wort der Geschichte sein kann.

Die europäische Politik, auch die deutsche, ist nun gefragt, aus mehreren Gründen. Sie muss zum einen ein Zeichen gegenüber der  türkischen Regierung setzen, auch auf die Gefahr hin, dass dann ein unmoralisches Abkommen endgültig zu Grabe getragen wird. Sie muss zum anderen den drei Generationen von Einwanderern, ihren Kindern und Enkeln, endlich ein Gefühl der Sicherheit vermitteln, sie darf den Bürgerkrieg der Gedanken, der am Ende ein heißer Konflikt werden kann, nicht zulassen. Und sie muss am Ende Empathie zeigen, sie muss sagen können, dass Ihr zu Hause (sicher) seid, dass Ihr eine Heimat habt.