Die Uiguren, der Terrorismus und chinesische Interessen

HINTERGRUND Wer an China denkt, der hat meist Bilder von Peking, Shanghai oder der chinesischen Mauer im Kopf. Die Küstenregion ist in China die dominante Region – sowohl politisch und wirtschaftlich als auch im Bezug auf die Bevölkerungsverteilung. Chinas westlichste Region Xinjiang hingegen macht mit 1,66 Millionen Quadratkilometern zwar etwa ein Sechstel der Fläche der Volksrepublik aus. Doch in dem Gebiet leben mit nur 22 Millionen Einwohnern weniger als zwei Prozent der 1,3 Milliarden Menschen in China.

Die Bevölkerung in dieser Region Chinas setzt sich aus unterschiedlichen Gruppen zusammen. Wegen Spannungen zwischen dem muslimischen Volk der Uiguren und Han-Chinesen gilt Xinjiang schon lange als Konfliktherd.

Von Ostturkestan zur autonomen Region der Volksrepublik China

Nach der Machtübernahme 1949 in Peking hatten sich die Kommunisten das frühere Ostturkestan einverleibt und später als Xinjiang zur autonomen Region der Volksrepublik gemacht. Die chinesische Regierung versucht seit den 1990er Jahren mit einer „Go West“-Strategie, die ärmeren und rückständigen Gebiete im Westen zu entwickeln.

Mit dem Geld aus den reichen Küstenstädten im Osten ziehen immer mehr Han-Chinesen nach Xinjiang und verändern so die Zusammensetzung der örtlichen Bevölkerung. Laut Regierungsangaben leben mittlerweile etwa 10 Millionen Uiguren und 8,4 Millionen Han-Chinesen in der Autonomen Region Xinjiang.

 Peking will den Konflikt offiziell mit Wirtschaftshilfe entschärfen, entsendet gleichzeitig aber immer mehr Sicherheitskräfte in die Region. Als Grund für die Entsendung nennt die chinesische Regierung die Präsenz separatistischer und terroristischer Gruppen, sowie die Gefahr vor Anschlägen. (rtr)

Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping möchte in dem Gebiet eine „neue Seidenstraße“ entstehen lassen und Xinjiang zu einem Verkehrskreuz für den Handel mit Zentralasien ausbauen. Die Region grenzt an Indien, Pakistan, Afghanistan, Tadschikistan, Kirgistan, Kasachstan, Russland und die Mongolei. Peking wirbt darüberhinaus auch bei ausländischen Investoren für den Westen des Landes, dessen geostrategische Lage von wachsender Bedeutung für China ist. VW kam im Jahre 2013 dem Wunsch der chinesischen Regierung, sich stärker im Westen zu engagieren, entgegen, indem der deutsche Konzern ein neues Werk in Ürümqi in der Region Xinjiang baut.

Konflikt zwischen Peking und Uiguren allgegenwärtig

Ein großes Hindernis für die Pläne der chinesischen Regierung ist jedoch der ungelöste Konflikt mit den Uiguren. Immer wieder kommt es zu blutigen Zwischenfällen zwischen Uiguren und Han-Chinesen bzw. der chinesischen Staatsmacht. Ressentiments und Vorurteile sitzen auf beiden Seiten tief. Peking will den Konflikt offiziell mit Wirtschaftshilfe entschärfen, entsendet gleichzeitig aber immer mehr Sicherheitskräfte in die Region. Als Grund für die Entsendung nennt die chinesische Regierung die Präsenz separatistischer und terroristischer Gruppen, sowie die Gefahr vor Anschlägen. Die Spannungen sind überall in den Straßen von Ürümqi zu spüren.

Bei Zusammenstößen wurden 2009 in Ürümqi rund 200 Menschen getötet. Im April 2013 kamen bei erneuten Auseinandersetzungen mehr als zwanzig Menschen ums Leben. Das muslimische Turkvolk fühlt sich wirtschaftlich, politisch und kulturell von den herrschenden Han-Chinesen unterdrückt. Außerdem birgt der permanente und von Peking geförderte Zuzug zehntausender Han-Chinesen aus West-China für zusätzliche Spannungen.

Die jüngste Ankündigung Pekings, als Reaktion auf den Anschlag in Ürümqi den „Anti-Terror-Einsatz“ in der Region auszuweiten, kann also auch als weiterer Schritt der chinesischen Regierung zur langfristigen Sicherung der eigenen wirtschaftlichen Interessen in Zentralasien gewertet werden. (dtj/dpa)

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