Mit Victor Hugo zu Besuch im „Lichthaus“

An der Türschwelle empfing mich Ahmet. Er studiert Wirtschaftswissenschaften an der Universität Paderborn. In einem Jahr soll er seinen Bachelor machen. Wir kannten uns schon seit zwei Jahren. Er schätzte meine Persönlichkeit sehr und lud mich zu einem türkischen Tee ein. Ich wohnte zweihundert Meter von dieser Wohnung entfernt und traf mich gelegentlich mit Ahmet um mich mit ihm auszutauschen.

Ich zog meine Schuhe aus und betrat den Flur. Unmittelbar hinter ihm reihten sich drei weitere Bewohner dieser Studentenwohnung auf, um mich willkommen zu heißen. Auch sie besuchten die Hochschule von Ahmet und fuhren täglich gemeinsam dahin. Ahmet stellte sie mir vor. Die Jungen waren einige Jahre jünger als er und hießen Onur, Ali und Mustafa. Aus Respekt nannten sie Ahmet „Abi“, was soviel wie großer Bruder bedeutet. Er wiederum entgegnete diesem Respekt mit einer ähnlichen Anrede und hing hinter die Namen der Jungs noch ein „Hodscha“, also so viel wie Gelehrter.

Sie baten mich ins Wohnzimmer. Es war spärlich eingerichtet, obwohl der Raum circa vier Meter im Quadrat maß. An drei Wänden waren jeweils eine klappbare Couch in blau-roten Tönen mit Karomuster angebracht. In der Mitte vervollständigte ein quadratischer Holztisch die Sitzgruppe, auf dem eine Zeitschrift lag.

An der gegenüberliegenden Wand stand ein Bücherregal mit Publikationen aus den unterschiedlichsten Genres. Sachbücher, Romane, Erzählungen und Gedichtbände gaben ein reichhaltiges Bild ab. Abgesehen davon las noch jeder in seinen eigenen Büchern in den Zimmern, die sie einzel bezogen hatten.

Nachdem ich die Bekanntschaft mit den drei Studenten gemacht hatte, unterhielten wir uns über diverse Themen. Von ihren Familien bis hin zu dem Leben in dieser Wohngemeinschaft und wie sie für den gesamten Haushalt nachkommen mussten, sowie von den aktuellen Ereignissen in der Türkei und in der Welt bewegten wir uns in einem breiten Spektrum.

Unterdessen konnte ich meine Augen nicht von den Büchern abwenden und bat um Erlaubnis, sie mir aus der Nähe anzuschauen. Ahmet stand mit mir auf und begleitete mich bis zu den Werken. Mustafa fragte ihn, ob er schon ein Glas Tee servieren sollte, was sein „Abi“ bejahte.

Einige der Bücher waren von dem seit Jahren in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen geschrieben. Ich hatte bereits einige von ihnen gelesen und besann mich auf das Wort „Lichthäuser“ in einem seiner Bücher. Den historischen Ursprung fand das Wort in den Zeiten des Propheten Mohammed. Als er die ersten Offenbarungen von Gott erhielt, fürchteten die wenigen Muslime, den Zorn der Götzendiener der Quraisch auf sich zu ziehen. Sie wurden der Häresie bezichtigt und mit dem Tod bedroht. So öffnete ein Weggefährte namens Erkam sein Haus und heimlich trafen sich die Muslime, um die neuen Offenbarungen zu rezitieren und zu verstehen.

Diese heimliche Anstrengung war nicht nur ein kultureller Kampf der Gläubigen gegen die Götzendiener. Auch war es eine Erhellung und Erleuchtung dieser durch die Verse der Heiligen Schrift. Die mächtigen Herren von Mekka waren nicht gebildet und folgten blind dem Glauben ihrer Großväter. Die jungen Muslime dagegen versuchten den Sinn des Lebens und des Glaubens zu verstehen. Sie vertieften sich in die Koranzeilen und stellten sich die Frage, warum es nur einen Schöpfer geben kann und nicht 360 Götzen, die damals um die Kaaba aufgestellt worden waren. Sie wollten im Lichte des Korans erleuchtet werden, der sie zum Denken verleitete. Denken und Nachforschen und nicht blind glauben war die Devise, der sie nachgingen. Denn Wissen erleuchtete den Weg eines Menschen und das Unwissen stand sinnbildlich für die Dunkelheit.

Vorbereitung auf das Leben im „Lichthaus“

Auch die Wohnung, die ich an diesem Tag besuchte, war inspiriert durch die Predigten von Fethullah Gülen. Er stellte sich diese Wohnungen vor, wie damals das Haus von Erkam. Hier sollen sich die Studenten nicht nur auf ihr Studium, sondern auf das Leben vorbereiten. Sie sollen sich mit dem notwendigen Wissen ausstatten. Damit meinte er das religiöse und das weltliche Wissen zugleich. Naturwissenschaften seien genauso wichtig wie die Exegese des Korans. Denn die Zeitschrift auf dem Tisch mit dem Titel „Sızıntı“ beinhaltete Beiträge von Wissenschaftlern aus verschiedensten Wissensgebieten wie Physik oder Astronomie.

Doch neben den Büchern Gülens lasen die Studenten auch die gesammelten Werke von Said Nursi, Klassiker von Victor Hugo, Dostojewski oder Kafka, Romane von Paulo Coelho, Sebastian Fitzek oder Noah Gordon sowie Gedichtbände von Goethe bis hin zu Mevlana und Mehmet Akif. Nicht zuletzt wurden diese durch ein Nachschlagewerk komplettiert, obwohl heutzutage ja alles gegoogelt werden kann. Diese Jungs rüsteten sich tatsächlich sehr breitgefächert auf und studierten Werke aus den unterschiedlichsten Gebieten. Dabei vernachlässigten sie auch nicht ihr Studium und bereiteten sich auf die Klausuren vor.

Nachdem ich „Die Elenden“ von Victor Hugo aus dem Regal holte, nahmen wir wieder unsere Plätze auf der Couch ein. Onur, Ali und Mustafa setzten sich ebenfalls hin und hörten gespannt zu. Als ich mich mit ihnen unterhielt, kam zum Vorschein, wie belesen sie waren. Auf einigen Gebieten waren sie bewanderter als ich. Von dieser Dominanz fühlte ich mich bedrängt und wusste nicht, wovon ich erzählen sollte. Denn Ahmet bat mich zwei Tage zuvor, dass ich ihm einen Besuch in der Studentenwohnung abstatten und den Jungs einen Vortrag halten sollte. Er schätzte mein Wissen in Religionswissenschaften und Geschichte. Ich musste ein Thema anschneiden, über das die Studenten nicht viel wussten und der Roman von Hugo eignete sich sehr gut dafür.

Lies uns was von Victor Hugo vor

„Willst du uns etwas aus dem Roman von Hugo vorlesen, Abi?“, stellte mir Onur eine Frage. „Nicht den gesamten Roman, Onur Hodscha, soviel Zeit habe ich nicht mitgebracht“, entgegnete ich mit einem kleinen Scherz. Wir lachten in der Runde.
„In diesem Roman“, setzte ich fort, „gibt es eine Stelle, in der der Autor wider den Gepflogenheiten des Genres die Prämisse des Romans beschreibt. Also den Grund, was ihn dazu bewogen hat, einen solchen Roman zu schreiben.“

„Sowas habe ich noch nie gehört“, staunte Ali. „Kann man so etwas schreiben. Ich meine, einfach die Prämisse im Roman erklären?“ fragte Onur verwirrt. „Wenn es nur das wäre. Ein Autor erwähnt sogar seinen eigenen Namen im Roman. So wie Cervantes in Don Quijote“, verblüffte ich die Anwesenden mit dieser Erklärung. Ich ergriff das Wort und las die Textstelle vor. Hugo schrieb, dass er in diesem Buch eigentlich über das „Ewige Wesen“ schreibt und die Figuren nur nebensächlich sind. Also der Schöpfer als Protagonist soll hier mit all seinen Attributen erklärt werden.

„Hugo wagte, diesen Satz in einer Zeitepoche zu schreiben, in der das Abendland die ersten Schritte vom Mittelalter in die Neuzeit gemacht hat. Nach der Aufklärung blühte in den Menschen der Gedanke auf, alles Kirchliche abzulegen und eine freie Gesellschaft mit frei denkenden und handelnden Menschen aufzubauen. Säkularismus und Liberalismus sollten statt Mutter Kirche das Zentrum ihres Handelns sein. In jener Zeit war es nicht einfach, sich immer noch an Gott festzuklammern und den Glauben an ihn nicht zu verlieren. ‚Gegen einen Strom schwimmen‘ sage ich immer zu dem, was Hugo gemacht hat. Er hat von seinen Zeitgenossen viel Kritik einstecken müssen und ließ trotzdem nicht ab von diesem Gedanken.“

Es erfreute mich, zu sehen, wie gespannt die Jungs mir zuhörten. Also griff ich ein Thema auf, das sie tatsächlich zum gespannten Zuhören verleitete. Sodann ergänzte ich meine Erklärung mit den folgenden Sätzen: „In einer modernen Gesellschaft hält uns nichts davon ab, uns an die Regeln dieser Community anzupassen und zugleich unseren Glauben auszuleben. Gott ist und bleibt der Schöpfer aller Wesen, dessen Obrigkeit wir uns zu unterstellen haben. Das weltliche Wissen hindert uns daran nicht. Im Gegenteil, es fördert uns noch mehr, den Inhalt unseres Glaubens besser zu verstehen. Mit dem Glauben im Herzen und dem Wissen im Gehirn werden wir erst zu einem vollkommenen Geschöpf. Glaube ohne Wissen ist lahm, Wissen ohne Glaube ist blind heißt es in einer alten Weisheit. Auch Said Nursi, dessen Werke ihr studiert, pflegte zu sagen, dass die Vollkommenheit in der Einheit des Geistes mit dem Gehirn liegt.“

Nach diesem abschließenden Satz bedankte sich die Gruppe bei mir und Mustafa setzte wieder an, die Teegläser zu füllen. Zu türkischem Schwarztee und Lokum unterhielten wir uns wieder über das private Leben der Studenten. Dann war Zeit zum Beten. Die Abenddämmerung trat ein und wir stellten uns akkurat in einer Reihe gen Mekka auf. Die rituelle Gebetswaschung hatte jeder bereits erledigt, so dass wir unmittelbar nach dem Tee beten konnten.

Nach dem Gebet wurden zusammen noch Bittgebete ausgesprochen. Danach stand ich zum Gehen auf. Sie alle umkreisten mich und bedankten sich für den heutigen Besuch. Auch ich war sehr beeindruckt von den Jungs. Nicht nur von der Gastfreundschaft, die sie mir gegenüber an den Tag gelegt haben. Ich umarmte sie alle nacheinander und zog meine Schuhe wieder an. An der Türschwelle streckte ich meinen rechten Arm noch hoch und verabschiedete mich von ihnen.

Als ich zu Hause ankam, dachte ich wieder an den Besuch in diesem Lichthaus. Es leuchtete tatsächlich von Wissen. Ich hörte einige einheimische Nachbarn, wie sie sich skeptisch gegenüber solchen Häusern zeigten. Beim nächsten Mal wollte ich einige dieser Nachbarn mitnehmen. Auch sie sollten sehen, dass in diesen Lichthäusern nicht nur Studenten wohnten. Eine Begegnung mit Victor Hugo, Goethe oder Sebastian Fitzek würde auch ihnen nicht schaden. Denn sie alle warteten, zusammen mit den Studenten, bereits auf die nächsten Besucher.