Eine notwendige Diskussion – aber mit den falschen Diskutanten

Von Ismail Kul

Im Zeitalter des Internets ist der Informationsfluss keine Einbahnstraße mehr. Nicht nur Journalisten, auch die Leser teilen sich in ihren Leserkommentaren unter den Meldungen auf Internetportalen mit. Mehr noch: Manchmal sind die Leserkommentare sogar aufschlussreicher als die Berichte der professionellen Journalisten.

Ein Beispiel: Vor kurzem war auf der Internetseite einer großen konservativen deutschen Zeitung eine Meldung über die griechische Schuldenkrise zu lesen. Sie handelte von einem griechischen Journalisten, der die Politik seiner Regierung kritisiert hatte. Unter der Meldung hatten sich zahlreiche Leser zu Wort gemeldet. Einer äußerte sich über die miserable griechische Steuerzahler-Moral, der andere über die Last der Griechen für die Europäer und der dritte über die Gefährdung des europäischen Projektes durch die Griechen.

Der vierte dagegen äußerte sich anlässlich der griechischen Schulden-Tragödie über die angeblich gescheiterte Integration der Muslime in Deutschland. Es ist ein Rätsel, wie man überhaupt von dem einen Thema auf das andere kommt. Wahrscheinlich trieb ihn das eine Thema mehr um als das andere.

Zum Vergleich: Eine andere Meldung des gleichen Portals handelte von einer steigenden Zahlen von Vergewaltigungen in Indien. Der Hintergrund dieses sozialen Phänomens war folgender: Obwohl normalerweise mehr weibliche Babys als männliche geboren werden – auf 50 Jungen kommen etwa 53 Mädchen – gibt es in Indien viele Millionen Männer mehr als Frauen. Aufgrund dieses Ungleichgewichts fanden die Männer keine Frauen und in weiterer Folge würde die Zahl der Vergewaltigungen zunehmen. Der Grund war einfach: Heutzutage ist es ein Leichtes, das Geschlecht eines ungeborenen Babys festzustellen. Da aber in Indien der Wunsch nach männlichen Nachkommen sehr ausgeprägt ist, werden viele weibliche Föten einfach abgetrieben, da sie unerwünscht sind. Aufgrund Tausender und Hunderttausender solcher Einzelentscheidungen ist in der Gesellschaft ein großes Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern entstanden.

Nun die entscheidende Frage: Wie haben die Leser des besagten Portals diese Meldung aufgenommen? Die Antwort: Gar nicht. Es gab fast keine Kommentare. Es stellt sich natürlich die Frage nach dem Warum. Könnte es vielleicht damit zu tun haben, dass die Meldung keinen direkten Bezug zu einem mehrheitlich muslimischen Land hatte? Dass die Leser keinen Ansatzpunkt fanden, ihre gehässigen und ausfälligen Kommentare loszuwerden? Würde es auch so aussehen, wenn die Meldung sich auf ein muslimisches Land bezogen hätte?

Die Türken als das „Andere” deutscher Identität?

Dieser Eindruck drängt sich auf. Die neueste Studie des Allensbach Meinungsforschungsinstitutes, deren Ergebnisse am vorigen Mittwoch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) veröffentlicht worden waren, bestätigt diesen Eindruck. Demzufolge teilen lediglich 22 Prozent der Deutschen die Aussage des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, die lautete: „Der Islam gehört zu Deutschland.” 64 Prozent sind dagegen. Die etwas abgeschwächte Variante, „Die Muslime, die in Deutschland leben, gehörten zu Deutschland”, geäußert vom derzeitigen Bundespräsidenten Joachim Gauck, teilen 29 Prozent. 47 Prozent sind auch gegen diese Aussage. 43 Prozent glauben an den Kampf der Kulturen, 44 Prozent rechnen damit, dass es zu Konflikten zwischen der westlichen und der arabisch-muslimischen Kultur kommen werde.

Die FAZ resümiert diese Ergebnisse so: „’Die Türken’ und mit ihnen die gesamte islamische Welt, das waren stets die ‘anderen’. Diese Einstellung wirkt bis heute nach.” Und weiter: „Persönliche Kontakte sind, wie sich immer wieder gezeigt hat, das sicherste Mittel zur Überwindung von Vorurteilen. Man darf allerdings nicht erwarten, dass sie eine über Jahrhunderte gewachsene kulturelle Identifikation außer Kraft setzen.” (FAZ, 21.11.2012, S. 10).

Was folgt daraus? Die Integration des Islam oder der Muslime – nenne man es, wie man will – stellt innerhalb der Integrationspolitik eine der großen Herausforderungen dar, vor der man steht. Podiumsdiskussionen wie die der Bundesbeauftragen für die Integration, Maria Böhmer, mit dem Thema „Heimat und Identität”, veranstaltet am vorigen Dienstagabend in Berlin, mögen erkenntnis- und hilfreich sein. Ohne die Einbeziehung dieses Themas werden sie aber an der echten Herausforderung vorbeigehen. Insofern stellen solche Diskussionen zwar eine Notwendigkeit dar, werden aber mit den falschen Diskutanten geführt.