Eine vergessene Tradition: Friedhofsbesuche an Bayram

Es gibt viele muslimische Traditionen an Ramadan-Festtagen. Dazu gehören: das morgendliche Gebet, das Zusammenkommen mit Familie und Freunden oder das großzügige Spenden. Eine vergessene Tradition ist der Friedhofsbesuch am Vortag des Festes. Was es damit auf sich hat.

Bayram in Düsseldorf. Während Muslime in Deutschland den frühen Bayram-Morgen nach dem Gebet in der Moschee mit ihren Familien beim Frühstück verbringen, zieht es Ali und Mihriban zum Düsseldorfer Südfriedhof. Sie wollen ihr Kind besuchen, das bereits vor der Geburt im Mutterleib verstorben war. „Wir kommen natürlich auch sonst regelmäßig hierher“, sagt der 40-jährige Vater. Am muslimischen Feiertag Bayram sei es ihnen aber eine besondere Herzensangelegenheit, ihr Kind zu besuchen: „Wir wünschen, unsere Tochter wäre bei uns“, sagt Mihriban mit feuchten Augen.

Vor vier Jahren haben sie ihre Tochter hier begraben müssen. „Es ist nicht leicht, das zu verkraften“, sagt die 38-jährige Mutter. Sie sind aber froh, dass sie ihre Tochter in ihrer Nähe begraben durften: „Viele Verwandte wollten uns davon überzeugen, unser Kind in der Türkei zu begraben“, erzählt der Vater. „Aber wir wollten das nicht. Wenn wir unser Kind begraben müssen, dann in Deutschland.“

Bestattung nach muslimischer Tradition in Deutschland

Der Familie war es allerdings überaus wichtig, die verstorbene Tochter nach muslimischer Tradition begraben zu können. Das heißt: ohne Sarg. Stattdessen wird ein weißes Leichentuch zum Schutz des Körpers verwendet. Das ist noch nicht lange in Deutschland möglich. In Nordrhein-Westfalen war diese Art der muslimischen Bestattung zwar zulässig, nicht aber das eigenständige Betreiben von islamischen Friedhöfen. Das ermöglichte erst 2013 eine Änderung im Bestattungsgesetz. Seitdem können Muslime Gräberfelder nach eigener Tradition und mit eigenen Riten betreiben.

Ein weiterer Vorteil dieser Friedhöfe: Bis zum Inkrafttreten des Gesetzs 2014 konnten Kommunen lediglich Plätze innerhalb eines bestehenden christlichen Friedhofs für muslimische Bestattungen „reservieren“, dies jedoch nur für eine begrenzte Dauer. Nach Ablauf dieses Zeitraumes bestand die Gefahr, dass diese Gräber eingeebnet und die Grabsteine entfernt werden. Diese Gefahr besteht auf den islamischen Friedhöfen nun nicht mehr.

Schnelle Bestattung

Ein weiterer Kritikpunkt am alten Bestattungsgesetz betraf die Frist für die frühstmögliche Bestattung. Muslime, die ihre Angehörigen so schnell wie möglich bestatten wollten, weil auch das zu ihrer Tradition gehört, mussten aufgrund der Landesgesetze lange auf die Bestattung warten. Mit dem neuen Gesetz wurde die Frist für die frühestmögliche Erdbestattung auf 24 Stunden heruntergestuft. Dies komme „allen Religionen entgegen, in denen schnell bestattet werden soll, darunter Muslimen, die die drittgrößte Religionsgemeinschaft in NRW bilden, und Menschen jüdischen Glaubens“, so Jutta Velte, integrationspolitische Sprecherin der Grünen Fraktion.

Muslime wollen in Deutschland begraben werden

Zu der Entwicklung passt: Immer mehr Muslime wollen in Deutschland begraben werden. „Die Zahl der muslimischen Bestattungen in Deutschland ist in den vergangenen Jahren merklich gestiegen“, sagt Samir Bouaissa vom Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD). Exakte Daten dazu werden nicht festgehalten. Rentner Ali Amca bestätigt: „Warum sollte ich in der Türkei begraben werden, wenn meine Kinder alle in Gelsenkirchen leben.“

Dennoch wollen viele andere nach ihrem Tod in ihrer zweiten Heimat, der Türkei, begraben werden. Doch Experten und Verbände beobachten: Zum einen gibt es mehr Muslime hierzulande, in deren Heimatland eine Rückführung nicht möglich ist – etwa bei vielen Flüchtlingen – oder die keinen Migrationshintergrund haben, also formell nicht in den Herkunftsländern ihrer Eltern beigesetzt werden können. Zum anderen nehme die Bindung zum Heimatland etwa bei türkisch- oder nordafrikanisch-stämmigen Deutschen in zweiter und dritter Generation ab, so Bouaissa.

Hierzulande entscheiden sich seiner Schätzung zufolge Menschen mit türkischen oder nordafrikanischen Wurzeln noch zu 80 bis 90 Prozent für eine Rückführung nach ihrem Tod. Dies werde sich allerdings in den kommenden Generationen stark verändern, meint er. Bosnier oder bosnisch-stämmige Deutsche etwa würden sich bereits zum Großteil für eine Bestattung in Deutschland entscheiden.

Friedhofsbesuche als Traditionselement

Der Friedhofsbesuch ist vor allem in muslimischen Ländern, wie der Türkei, eine wichtige Tradition. Muslime besuchen meist einen Tag vor den besonderen Feiertagen (Ramadan- und Opferfest) einen Friedhof. Dort wird Familienangehörigen oder Freunden gedacht und Bittgebete ausgeprochen. Häufig wird der Koran in Gemeinschaft oder individuell verlesen.

Durch die muslimischen Friedhöfe haben nun Ali und Mihriban einen ihren Traditionen entsprechenden Ort der Trauer gefunden. Sie kommen zwar nicht am Vortag hierher, aber am Bayram-Tag unbedingt, sagt Mihriban: „Wir wollen an diesem Morgen sehr gerne bei unserer Tochter sein.“