Einmal Fremder, immer Fremder

„Ich habe nichts gegen Türken, aber…“

Die „Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt“ ist ein brennendes Thema, dem jedoch wenig Beachtung geschenkt wird.

Falls Sie in Deutschland leben und auch einen Migrationshintergrund haben, kommen Ihnen die folgenden Sätze gewiss bekannt vor:

„Fühlst Du Dich eher deutsch oder türkisch?“

„Du sprichst aber gut Deutsch.“

„Aber du bist ja anders als die Anderen…“

Auch wird eine Vielzahl von deutsch-türkischen Mitbürgern immer wieder von ihrem Freundeskreis als „Türkei-Experte“ nach ihrer Meinung gefragt, wenn es um das Thema Türkei geht.

Irgendwann hat man keine Lust mehr, zum hundertsten Mal zu erklären, warum Sie akzentfrei Deutsch sprechen; keine Lust mehr, zu erklären, ob Sie sich richtig deutsch oder vollkommen integriert fühlen.
Ein persischer Dichter sagte einmal:

„Du bist dann zu Hause, wenn Du nach Deinem Namen gefragt, ihn nicht buchstabieren und wiederholen musst“.

Kompliment oder Diskriminierung?

Stellen Sie sich einmal vor, Sie kamen im Alter von fünf Jahren hierher, haben das Abitur erfolgreich abgeschlossen, Politik studiert und sind heute Doktorand. Dennoch spüren Sie in Deutschland eine subtile Botschaft, die lautet: Du gehörst nicht dazu! Wenn ich erzähle, dass ich im Alter von fünf Jahren nach Deutschland kam, fühlen sich deutsche Mitbürger oft zu der anerkennenden Aussage hingerissen: „Dafür sprichst du aber gut Deutsch!“ Ist das ein Kompliment oder eine unbewusste Diskriminierung? Ich weiß es nicht.

Ich möchte heute meinen Lesern einen Aspekt, nämlich „die Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt“ mit einer kurzen Anekdote vor Augen führen.
Es geht um einen Wissenschaftler, der hier an einer Universität promoviert. Neulich hat er mir sein Herz ausgeschüttet und erzählt, was er auf der Arbeit alles erlebt hat. Er ist einer von vielen Akademikern, die derartige Erfahrungen machen. Lassen Sie uns ihn in diesem Beitrag  „Ali“ nennen.

Ali hat an einer der besten Universitäten in der Türkei BWL studiert und kam 2005 nach Deutschland, um hier sein Wissen zu vertiefen. Unterdessen entschied er sich, hier sein Diplom abzuschließen. Im Rahmen seines Studiums hat er gleichzeitig seine politischen, wirtschaftlichen und sprachlichen Kenntnisse geschult und spricht nun perfekt Deutsch. Seiner Ansicht nach ist die Sprache der Schlüssel für eine erfolgreiche Integration.

Während seiner Studienzeit hat er viele Erkenntnisse über die Normen und Werte Deutschlands gewonnen und arbeitet nebenbei ehrenamtlich. Er interessiert sich sehr für die Politik, ist Mitglied der SPD und nennt sich ein „gelungenes Beispiel“ für eine gute Integration. Das Studium hat ihm gut gefallen und er entschied sich für eine Promotion und für ein dauerhaftes Leben in Deutschland. Aber alles läuft nicht so reibungslos, wie er es sich gewünscht hätte.

Um seine Promotion zu finanzieren, hat er einen Job an der Universität fortgeführt, wo er bereits drei Jahre lang als studentischer Mitarbeiter während seines Studiums gearbeitet hatte und deshalb nach seiner Diplomarbeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter übernommen wurde. Nach einer über 5-jährigen Beschäftigung an der Universität wurde er von seinem Arbeitgeber grundlos, zumindest ohne plausible schriftliche Erklärung, gekündigt. Obwohl er juristisch betrachtet ein Recht auf ein „wohlwollendes“ Arbeitszeugnis hatte, wurde ihm dieses verweigert bzw. sollte er nach der Aussage seines Arbeitgebers ein schlechtes Zeugnis erhalten, MIT DEM ER SICH NUR IN DER TÜRKEI BEWERBEN kann.

„Null Toleranz für Rassismus und Diskriminierung“, aber nicht an einer Uni…

Ich frage mich, wie so etwas an der Universität passieren kann – wo Wissen, Weltoffenheit, Toleranz und Interkulturalität herrschen sollten. Passt das daraus resultierende Bild zu Deutschland im 21. Jahrhundert? Wo ist hier das Versprechen von „null Toleranz für Rassismus und Diskriminierung“ in Deutschland wiederzufinden?

Ein Wissenschaftler, der erfolgreich ist und von seinen KollegInnen geschätzt wird, wurde von seinem Arbeitgeber so behandelt, wie man es sich nicht vorstellen kann. Und wir fragen uns noch, weshalb die hochqualifizierten jungen Menschen, die Deutsch, Türkisch und Englisch sprechen, das Land, in dem sie geboren, aufgewachsen und dessen Bildung sie genossen haben, bereit sind zu verlassen?

Wir haben es auf der einen Seite in Deutschland mit dem Problem des Fachkräftemangels zu tun und auf der anderen Seite drängen wir hochqualifizierte Arbeitskräfte, die gut integriert sind, dazu, ins Ausland abzuwandern. Ist das nicht paradox? Es geht dabei nicht nur um Chancengleichheit, sondern auch um Effizienz – um die gesellschaftliche Notwendigkeit, Leistungspotentiale optimal zu entwickeln und zu nutzen. Insofern fragt man sich in Deutschland: Was macht das Land falsch?

Einer Studie zur „Abwanderung von hochqualifizierten deutschen StaatsbürgerInnen türkischer Herkunft“ von Yaşar Aydın ist zu entnehmen, dass eine Vielzahl der türkeistämmigen Hochqualifizierten Deutschland aufgrund von „Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt“ verlassen und in die Türkei abwandern.

Eine weitere Untersuchung des Forschungsbereichs des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration kommt zu dem Ergebnis: Menschen mit einem türkischen Namen werden bereits in der ersten Bewerbungsphase diskriminiert. Demzufolge müsse ein Kandidat mit einem deutschen Namen durchschnittlich fünf Bewerbungen schreiben, um eine Einladung zum Vorstellungsgespräch zu erhalten, ein Mitbewerber mit einem türkischen Namen hingegen sieben. Die gleichen Noten, ähnliche Stärken – aber verschiedene Namen.

Wer „Thomas“ heißt, ist klar im Vorteil

Genauer gesagt, wer etwa „Ahmet“ heißt anstatt „Thomas“ wird seltener zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. Aber problematisch ist es dabei besonders, dass strukturell gut integrierte Migranten Deutschland verlassen,  während  der Fachkräftemangel sich hier stetig verstärkt.

Warum soll soziale Herkunft eine entscheidende Rolle für die Arbeit spielen, obwohl man die gleichen Qualifikationen aber keine gleichen Chancen hat? Hätte man Ali so behandelt, wenn er stattdessen Thomas heißen würde?

Ist das nicht gegen das Grundgesetz, das besagt, dass „niemand wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, […] benachteiligt oder bevorzugt“ werden darf? Ist das nicht ein Verstoß gegen das Arbeitsgesetz, wenn jemandem das Arbeitszeugnis verweigert wird, nur weil er einen Migrationshintergrund hat? Warum wird ein Wissenschaftler, weil er kein Deutscher ist, wegen seiner Herkunft mit einem Zeugnis bedroht, mit dem er sich nur in der Türkei bewerben solle? Diese Geschehnisse nenne ich die soziale Benachteiligung bzw. die dunklen Wolken über dem Arbeitsmarkt in Deutschland.

Ohne Zweifel müssen Migranten ebenfalls die Spielregeln der Aufnahmegesellschaft kennen und sich daran halten. Aber reicht das?

Man kann sich zwei Kinder beim Spielen vorstellen: Susanne spielt ein Spiel, Sibel kommt hinzu und möchte mitspielen. Susanne erklärt ihr die Spielregeln, aber das Zusammenspiel funktioniert nur, wenn Susanne bereit ist, Sibel auch mitspielen zu lassen. Zusammen zu spielen macht Spaß, es müssen nur beide Seiten dazu bereit sein.
Aufgrund demographischer Entwicklungen und des Fachkräftemangels ist Deutschland ein multikulturelles Land und wird meines Erachtens zukünftig auch so bleiben.

Aber wenn in einem Land, in dem nicht auf das Grundgesetz geachtet wird, keine Willkommenskultur herrscht und die Würde von Vielfalt und Zusammenhalt nicht geachtet wird, wie sich die Bundeskanzlerin bei der Flüchtlingsdebatte konkret ausdrückte: „[…] dann ist das nicht mein Land“. (Foto: Cemal Sarı)