EM-Halbfinale: Warum ich mich freue, dass Deutschland gestern verloren hat

KOMMENTAR Die meisten deutschen Fuballfans und Fanmeilenpatrioten hatten gestern einen schweren Abend. Besser gespielt, aber durch zweifaches Pech gegen die auf Augenh旦he agierenden Franzosen verloren; das war wohl der g辰ngigste Eindruck des EM-Halbfinales. Umso bitterer schmerzt vielen, dass die deutsche Mannschaft nicht mehr umsetzen wird, wovon viele insgeheim wahrscheinlich schon ausgegangen sind, n辰mlich auch diesen Titel noch zu holen. Dabei hat Deutschland gestern mehr gewonnen als verloren.

Sportlich kann man sich nat端rlich streiten. Ja, die deutsche Mannschaft hat das Spiel auf weiten Strecken dominiert. Aber der Elfmeter und das Tor, das durch Joshua Kimmichs Fehler zustande kam, waren nun mal keine h旦here Gewalt, sondern menschliche Fehler, die die Franzosen f端r sich auszunutzen verstanden. Auch das ist Fuball. Aber darum geht es eigentlich auch gar nicht.

Als allererstes sollte man eines erhobenen Hauptes tun: Den Franzosen den Sieg g旦nnen und f端r Sonntag die Daumen dr端cken. Das Land hat anderthalb furchtbar schwere Jahre hinter sich. Nicht nur der Terror, der es heimgesucht hat, sondern auch die sozialen Probleme, das politische Chaos, die gewaltvollen Demonstrationen der letzten Wochen und Monate. Damit hatten wir hier nicht zu k辰mpfen. Umso mehr haben es sich die Franzosen verdient, endlich mal wieder einen kollektiven Freudentaumel zu erleben, der diese Probleme freilich nicht l旦sen wird, aber vielen Menschen mal eine wohlverdiente Auszeit verschafft. G旦nnen wir es ihnen.

Aber auchmit Blick auf Deutschland bin ich 端ber den Ausgang des Spiels froh. Einerseits erhoffe ich mir ein Nachlassen des bierseligen, schmandigen Schland-Geseiers, das seit Wochen in nervt旦tender Regelm辰igkeit die Straen verstopft. Soll sich, wer will, gerne mit Deutschlandfahnen beh辰ngen, bemalen, beschmieren und sich auf den Fanmeilen der kollektiven Efferveszenz hingeben. Sehr gern, go for it! Meine Sache ist es nicht, aber auch dasg旦nne ichnat端rlich allen, die ihren Spa daran haben. Wenn da doch nicht immer wieder der h辰ssliche Deutsche durchstechen w端rde, immer mal wieder ein Hitlergru zu sehen und die erste Strophe des Deutschlandliedes zu h旦ren w辰re. Man braucht erst gar nicht auf die berechtigten Debatten dar端ber, ob der vermeintlich unpolitische Fuballpatriotismus nun gewissen dunkle, nationalistische Befindlichkeiten der „deutschen Seele“ zutage f旦rdert oder sogar deren Entstehung bef旦rdert, eingehen. Selbst ohne diese Fragen und die echten Nazis auf den Fanmeilen muss man einfach sagen, dass diese ganze schmierige Deutscht端melei, das allzu h辰ufige Umschlagen des vermeintlich unpolitischen Partypatriotismus in h辰sslichen, echten Nationalismus, uns angesichts der Entwicklungen der letzten Jahre (AfD und brennende Fl端chtlingsheime, um nur zwei Stichworte zu nennen) einfach nicht steht.

Und dann ist da noch viel wichtiger als Deutschland! Europa. Fuball ist eine Herzenssache, es geht um das gemeinsame Erlebnis, um die emotionale Bindung und entsprechend um die gemeinsam erlebte Freude, Ekstase, Trauer, manchmal Wut und Frustration. Und da kommen Deutschland und die Gef端hle der Europ辰er ins Spiel. Seien wir ehrlich: F端r viele europ辰ische Fuballfans d端rfte es mindestens eine insgeheim empfundene Befriedigung sein, dass Deutschland nicht Europameister wird. Und das g旦nne ich ihnen. Ich empfinde es sogar genauso. Nicht nur ist die deutsche Mannschaftbereits Weltmeister, was wir nicht vergessen sollten. Deutschland ist auch abseits des Rasens die dominierende Macht in Europa und das in ungesundemMae.

Die politische Katastrophe des Brexit hat bei vielen Europ辰ern erneut die Sorge wach werden lassen, dass sich Deutschlands zu dominante Position in Europa jetzt noch weiter verfestigen wird, da das britische Korrektiv fehlt. Nat端rlich hat die Fuball-EM nichts unmittelbar mit diesen politischen Fragen zu tun, selbstverst辰ndlich wird die Europameisterschaft keine Auswirkungen auf die groen politischen Entwicklungen in der EUhaben. Aber was Fuball und Europa gemeinsam haben, ist, dass beide emotionale Kapazit辰ten mobilisieren. Deutschland wird nicht umsonst, vor allem in S端deuropa, als der arrogante, kalte, rechthaberischeLehrmeister empfunden, der anderen L辰ndern aufzwingt, was er f端r richtig h辰lt.

Europa muss aber auch immer durch eine emotionale Bindung zusammengehalten werden. Was passieren kann, wenn diese fehlt, haben wir ja gerade erst durch den Brexit sehenm端ssen. Dann k旦nnen die feigen und verachtenswertenRattenf辰nger ebendiese negativen Gef端hleausnutzen, um die Errungenschaften Europas f端r ein Land und im schlimmsten Falle irgendwann f端r den ganzen Kontinent zu zerst旦ren. Es ist gut, dass Deutschland nun wenigstens im Fuball, der doch so viele Millionen Menschen auf diesem St端ck Erdeemotional umtreibt, den K端rzeren gezogen hatund sich hoffentlich als guter Verlierer pr辰sentiert. Verdammt nochmal, was glaubenwir denn eigentlich, wer wir sind? Wir sollten uns endlich mal in Demut 端ben!

Wie gesagt: Das wird nat端rlich nicht dazu f端hren, dass die Bundesregierung beginnt, auch die Ideen und Befindlichkeiten anderer, vor allem s端deurop辰ischer EU-L辰nder endlich mehr zu ber端cksichtigen und einzubeziehen. Aberallzu vieleder Millionen vonfuballbegeisterten Menschen in Europa unterscheiden bei ihrem Gef端hl, das sie haben, wenn sie an Deutschland denken,ebennicht fein s辰uberlichzwischen Weltpolitik und 22 Jungs in zu kurzen Hosen. Und wenn diese Menschenetwas weniger das Gef端hl haben, dass Hans mit dem Stahlhelm 端ber Europa herrscht, dann ist schon viel gewonnen. Und zwar etwas viel wichtigeres als so ein schrottigerBlechpott.