Energiepolitik

Die Türkei und das Wettrennen um Turkmenistan

Turkmenistans Zahlungsmoral lässt zu wünschen übrig und die Regierung obstruiert die Zusammenarbeit mit Nachbarn im Energie-bereich. Ankara und Baku sehen dennoch überzeugende Gründe, sich weiter um positive Beziehungen zu bemühen. (Foto: cihan)

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Die Türkei und das zentralasiatische Turkmenistan sehen einander als Bruderländer, bewohnt von Brudervölkern, an. Vor einem Jahr präsentierte sich der turkmenische Präsident Gurbanguly Berdymuhamedov zusammen mit seinem türkischen Amtskollegen Abdullah Gül vor einem Pferd der turkmenischen Rasse Achal-Tekkiner, das den bezeichnenden Namen „Arkadaş“ (Freund) trug. Doch haben sich die türkisch-turkmenischen Beziehungen wirklich auf das Niveau so großer Gesten hochentwickelt?

Die Türkei ist einer der Haupthandelspartner Aschgabats. Derzeit arbeiten und handeln über 600 türkische Unternehmen in dem sich vom Ausland sonst eher isolierenden, zentralasiatischen Staat. Operiert wird in allen Sektoren des Häuserbaus wie dem Industrie-, Wohnungs- und Sozialbau, dem Energie-, Transport- und Logistiksektor, aber auch in der Produktion und Kommunikation.  Seit der Unabhängigkeit Turkmenistans konnten türkische Konzerne und Unternehmen einen Umsatz von 34 Milliarden Dollar erwirtschaften. In den letzten 3 Jahren stieg das gemeinsame Handelsvolumen um 50 Prozent an und erreichte einen Spitzenwert von jährlich 3.5 Milliarden Dollar- mit starker Wachstumstendenz.

Die türkische Republik exportiert Stahl, Haushaltsgeräte, Elektronik, Nahrungsmittel, Textilprodukte, Baumaterialien, Fahrzeuge und Medikamente nach Turkmenistan. Im Gegenzug erhalten die Türken Baumwolle, Chemikalien und andere landwirtschaftliche Produkte.

Türkische Auftragnehmer sind in Turkmenistan an zahlreichen Großprojekten beteiligt. Ähnlich sieht das türkische Engagement in den übrigen Staaten Zentralasiens aus. Großprojekte belaufen sich auf 12 Prozent der Gesamtoperationen der anatolischen Auftragnehmer und stellen damit eines der bedeutendsten Einnahmequellen türkischer Geschäftstätigkeit in Zentralasien dar. Innerhalb der nächsten Dekade sollen aktuellen Prognosen zufolge türkische Direktinvestitionen ein Volumen von 30 Milliarden Dollar erreichen. Dabei interessiert man sich vor allem für die Konstruktion und den Ausbau ganzer Hotelketten, Wohn- und Gewerbeimmobilien, Geschäftszentren, Kraftwerke, Stromleitungen, Pipelines, Straßen und Eisenbahnlinien. Infrastrukturprojekte jeglicher Art lohnen sich für türkische Exporteure und Dienstleister.

Türkisch-turkmenische Beziehungen auf die Probe gestellt

Nun werden reger Handel und fröhliche Zusammenarbeit zwar gerne zelebriert und den Gesellschaften beider Nationen als Idealtypus vorgestellt, doch seit Jahren stört die ausgeprägte Neigung zur Säumigkeit im Schuldendienst seitens des turkmenischen Schuldners das idyllische Miteinander. Turkmenistan lässt seine türkischen Handelspartner gerne mal im Regen stehen und veranlasste Berichten türkischer Medien zufolge 2011 deshalb sogar den Präsidenten Abdullah Gül zur Intervention. Gül schaltete sich in den zunehmend brodelnden Konflikt zwischen Unternehmern vom Bosporus und der Regierung in Aschgabat ein, um ein Verfahren am Internationalen Zentrum zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten (englisch: International Centre for Settlement of Investment Disputes – ICSID), das der Weltbankgruppe angehört, in allerletzter Minute noch zu vermeiden, allerdings ohne Erfolg. Die Tageszeitung Hürriyet berichtete, dass die turkmenische Regierung die Zahlung von Schulden in Höhe von 1 Milliarde Dollar an türkische Bauunternehmen verweigerte. Hinzu kommt, dass eine ganze Menge türkischer Unternehmer, die sich für ihr Recht als Gläubiger einsetzten, in Turkmenistan inhaftiert wurden.

Es ist durchaus erwähnenswert, dass die zentralasiatische Republik seinen Bauboom hauptsächlich mit Einnahmen aus dem Gasverkauf finanziert und die Bezahlung türkischer Schulden problemlos bewältigt werden könnte. Der größte Teil infrastruktureller Expansion findet in der turkmenischen Hauptstadt und der neuerrichteten Tourismusregion „Avaz“ am Kaspischen Meer statt, dessen Konzept auch auf türkische Unternehmen zurückgeht.

Am Ende ist auch Präsident Gül mit seiner Diplomatie-Offensive gescheitert. Ankara verlor zudem das Gerichtsverfahren am Internationalen Zentrum zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten. Doch die Türken machen erstaunlicherweise weiter und verlassen den turkmenischen Wirtschaftsstandort trotz mangelnder Rechtssicherheit nicht.

Eine nicht unbedeutende Rolle dürften dabei die ausgiebig vorhandenen fossilen Ressourcen in Turkmenistan sein, an denen allerdings nicht nur die Türkei interessiert ist.

Global Player schielen auf Erdgasfelder

Viele Global Player des internationalen Energiemarktes umwerben Turkmenistan, um exklusiven Zugang zu dessen noch unterirdisch schlummernden Erdgasfeldern zu erhalten. Sie wetteifern um die beste Pipeline-Route für den globalen Export und könnten damit die nächste internationale Krise auslösen. Die Turkmenen zeigten zuletzt ein verstärktes Interesse, den Export ihrer wertvollen Ressourcen am besten über die Türkei abzuwickeln, denn die bietet als NATO-Staat und als direkter Nachbar der Europäischen Union ideale Voraussetzungen. Weil die Türkei aber nicht direkter Nachbar Turkmenistans ist, stellt die Frage nach der Transitroute in Richtung Anatolien eine geopolitische Herausforderung für beide Staaten dar.

Es gibt nur zwei wirklich realistische Routen, die in den Westen führen könnten. Beide sind problematisch, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Erstens, Gas könnte mittels Pipelines durch das Territorium des Iran gepumpt werden. Das kann aber nur funktionieren, wenn der Westen seine politisch begründeten Wirtschaftssanktionen über Teheran aufhebt. Doch auch dann werden sich genügend Gegner auf der politischen Bühne finden, die Iran als Transitland ablehnen werden. Der potenzielle Machtzuwachs wäre einfach zu groß. Die zweite Option wäre der Konstruktionsabschluss der ins Stocken geratenen Transkaspischen Gaspipeline, die turkmenisches Öl über das Kaspische Meer, Aserbaidschan und Georgien, den so bezeichneten Southern Energy Corridor, in die Türkei transportieren würde. Doch es gibt auch bei diesem Projekt gefährliche Unwägbarkeiten, denn die einflussreichen Regionalmächte Russland undIran sind fest entschlossen, einen unabhängigen, alternativen Transportweg mit allen Mitteln zu blockieren.

Erschwerend wirken sich zudem die aserbaidschanisch-turkmenischen Beziehungen hinsichtlich der ungeregelten Frage der Kontrolle über die Erdgaslagerstätte „Kapaz“ (turkmenisch „Serdar“) im Kaspischen Meer aus. Von der Lösung des bilateralen Disputes  hängt auch das Vorankommen des Pipelineprojektes ab. Das Problem ist, dass das Gasfeld exakt an der Seegrenze zwischen den beiden Staaten liegt. Den seismischen Erhebungen zufolge liegen die geschätzten Reserven an Erdöl und Gaskondensat bei 150 Millionen Barrel. Der bereits länger andauernde Streit zwischen Baku und Aschgabat über die Aufteilung des Kaspischen Meeres wird wohl aber auch in absehbarer Zeit keine Lösung erfahren.

Widerborstige Reaktion auf aserbaidschanisches Kooperationsangebot

Obwohl der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev wiederholt der turkmenischen Seite die gemeinsame Exploration angeboten hat, lehnte Aschgabat bislang jegliche Verhandlungen über das „Serdar“-Feld rigoros ab und beabsichtigt, sich an den Internationalen Gerichtshof der Vereinten Nationen zu wenden, um den Konflikt für sich zu entscheiden. 

All diese Konflikte lassen die Türkei letztlich in einer sehr schwierigen Situation stehen. Sie versucht, trotz ungleicher Arbeitsbedingungen und unbezahlter Schulden den Status eines beliebten Geschäftspartners aufrechtzuerhalten, um sich das Exklusivitätsrecht auf turkmenische Energieressourcen, die allerdings keine direkte Exportroute (außer über russische Netze) in die Türkei haben, sichern zu können. Ankara ist sehr daran interessiert, dass der aserbaidschanisch-turkmenische Energiestreit beigelegt wird, damit die Konstruktion der Transkaspischen Pipeline in aller Kürze abgeschlossen werden kann. Dafür möchte man am Bosporus seinen diplomatischen Einfluss als Vermittler nutzen.

Hinzu kommt, dass Ankara die Rückendeckung der EU und USA genießt und damit vor allem auf russische Interessenssphären infolge der Krim-Krise weniger Rücksicht nehmen muss. Europa muss dringend seinen Energiewarenkorb diversifizieren, wenn es nicht von russischer und iranischer Energie abhängig sein will. Als ideale Lösung gilt daher, den nahöstlichen Stabilitätsanker in der Türkei und entlang der alten Seidenstraße zu suchen. Hier könnte eine echte Handlungsalternative für die europäische, aber auch die türkische Sicherheitspolitik entstehen.