Entsteht in Libanon ein zweites Syrien?

Beirut – Nach einer gewalttätigen Nacht ist im Libanon wieder weitgehend Ruhe eingekehrt. Soldaten und Polizisten patrouillierten am Montag in den Städten Beirut und Tripoli. Innenminister Marwan Charbel erklärte: „Sie nehmen jeden fest, der Waffen trägt.“ Fast alle Straßen, die am Vortag von Demonstranten blockiert worden waren, waren wieder befahrbar. Nach Angaben der Polizei kamen in der Nacht bei Schießereien zwischen pro-syrischen und anti-syrischen Gruppen in Tripoli drei Menschen ums Leben. Unter den Toten war ein neun Jahre altes Mädchen. Bei den Kämpfen seien Artillerie und schwere Waffen eingesetzt worden.

Nach der Trauerfeier für Geheimdienstchef Wissam al-Hassan, der am Freitag bei einem Attentat ums Leben gekommenen war, war es am Sonntag in der Hauptstadt zu Ausschreitungen und Protesten gegen die Regierung gekommen. Am Rande der offiziellen Trauerfeier für die Todesopfer versammelten sich am Sonntag Tausende Demonstranten zum „Tag des Zorns“ am zentralen Märtyrer-Platz. Dabei kam es zu Krawallen. Mehrere Menschen wurden verletzt, als Oppositionsanhänger versuchten, den Sitz der pro-syrischen Regierung zu stürmen. Die Polizei fuhr Panzer auf und setzte Tränengas ein, um die Angreifer zu stoppen. Über die genaue Zahl der Verletzten gab es zunächst keine Angaben.

Der Konflikt in Syrien wird nun auch für den benachbarten Libanon zu einer echten Zerreißprobe. Die Anhänger der anti-syrischen Zukunftsbewegung wollen die Regierung zum Rückzug zwingen. Die pro-syrische Regierung wird von der schiitischen Hisbollah-Bewegung dominiert. Die Opposition, zu der auch die anti-syrische Zukunftsbewegung des sunnitischen Ex-Ministerpräsidenten Saad al-Hariri gehört, und Nahostexperten vermuten die Drahtzieher des Attentates, bei dem am Freitag der libanesische Geheimdienstchef Wissam al-Hassan starb, in Damaskus. Das Attentat gefährdet den brüchigen Frieden im Libanon, da das Land – was die Haltung zum Regime in Syrien angeht – zutiefst gespalten ist. (dpa)