Entweder folgen wir Sarrazin oder wir werden Einwanderungsland

KOMMENTAR Es ist passiert, was passieren musste. Der Damm ist gebrochen. Innerhalb von wenigen Wochen haben Hundertausende Fl端chtlinge aus Syrien und Afrika Europa erreicht. Der f端r die Fl端chtlinge zust辰ndigeBundesinnenminister Thomas de Maizi竪re rechnet gar mit 800.000 Fl端chtlinge noch in diesem Jahr.

Seit dem Arabischen Fr端hling sind die Despoten Nordafrikas weg, die bis dahin die Fl端chtlingsstr旦me aufgehalten haben. Die Not und der Druck ist so gro, dass weder das Mittelmeer die Fl端chtlinge aufhalten kannnoch die messerscharfen Drahtz辰unean den s端dlichen Grenzen Europas. Die Menschen str旦men nach Europa, am Liebsten nach Deutschland, Skandinavien oder Grobritannien.

Diese V旦lkerwanderung, wie der stellvertretende Chefredakteur von DieWelt Ulf Poschardt die Fl端chtlingsstr旦me aus gutem Grund genannt hat, treffen die deutsche Gesellschaft mehrfach. Das Land wirkt dabei, als ob es sich im Delirium befindet. Medizinische Anzeichen f端r Delirium sind St旦rungen des Bewusstseins und nderungen der Wahrnehmung. Falls sich Deutschland nicht imim Delirium befindet, dann bin ich es.

Hatten wirdenn 2010 nicht die Sarrazin-Debatte!? Hat Thilo Sarrazin in seinem vielbeachteten Buch nicht genau vor diesen Migrationsstr旦men gewarnt?! Daf端r hat er doch Beifall durch eine breite ffentlichkeit erhalten. Mehr noch. Viele Politiker sind ihm zur Seite gesprungen und haben um Verst辰ndnis geworben. Darunter auch Bundespr辰sident Joachim Gauck oder der SPD-Chef Sigmar Gabriel.

Fl端chtlingseuphorie, Hell- oderDunkeldeutschland?

Gemessen an der Debatte von damals m端sste man eigentlich davon ausgehen, dass diese V旦lkerwanderung auf groen Widerstand stoen m端sste. Sowohl die Eliten als auch die Sarrazin-Versteher von damals m端ssten sich gegen die T端r stemmen, durch die die Fl端chtlinge nach Deutschland kommen wollen. Das tun sie aber nicht. Im Gegenteil – sie begr端en sie mit offenen Armen. Der Spiegel-Kolumnist Jan Fleischhauer bezeichnet es sogar als Fl端chtlingseuphorie. Irgendwie zutreffend, finde ich.

Es sind zwei Sachen eingetreten: Eine Hilfsbereitschaft durch die Menschen, die man schwer mit Worten w端rdigen kann. Und p旦belnde Neonazis, die alles abfackeln wollen, was Fl端chtlingen Unterkunft bieten soll. Es findet gerade ein Kampf 端ber das Ansehen Deutschlands in der Welt statt. Bundespr辰sident Gauck sprach in diesem Zusammenhang vonHell- und Dunkeldeutschland.

Das habe ich verstanden. Mit der Geschichte im R端cken ist es f端r viele Deutsche sehr wichtig, gegen端ber der Welt ihre Bereitschaft zu demonstrieren, jederzeit Verantwortung zu 端bernehmen. Und doch darf man sich Sorgen machen. Vor allem als T端rke in diesem Land.

Was ist, wenn die Bundesregierung, die Polizei, die Staatsanwaltschaft und der Verfassungsschutz das aktuelle Nazi-Problem einged辰mmt und 端berwunden haben? Was passiert dann? Was bleibt 端brig von der Erkenntnis der V旦lkerwanderung und der Fl端chtlingseuphorie?

Aus Fremdenfeindlichkeit lernt man anscheinend nicht

Unter dem Motto Das Boot ist voll. brannten Anfang der 1990er Asylantenheime. Trotzdem brannten Mitte der 1990er Jahre H辰user von t端rkischen Familien in M旦lln und Solingen. Ende der 1990er Jahre nutzte ein gerissener konservativer Politiker trotzdem das Ressentiment in der Bev旦lkerung gegen die doppelte Staatsb端rgerschaft, um eine Wahl zu gewinnen.

Trotzdem f端hrten wir endlose und oft hohle Debatten 端ber Zwangsehen, Ehrenmorde, Beschneidungsverbote, Jugendkriminalit辰t, Integrationsverweigerer, Bildungsversager und vieles mehr. Trotzdem folgten 2010 Thilo Sarrazin und sein Buch, die Aufdeckung der NSU-Morde und schlielich die Moscheebr辰nde.

Die Ereignisse nicht nur in Freital, Heidenau und Nauen k旦nnen sich der Aufz辰hlung oben nahtlos einreihen, wenn es bei dieser bloen Fl端chtlingseuphorie bleibt. Dabei ist die Euphorie der Bev旦lkerung authentisch, die zu w端rdigen gilt. Aber sie ist halt nur eine Emotion, die schnell wieder verfliegen kann.

brig bleibt dann eine Erinnerung. Es wird dann heien: Trotz 25 Jahre Fremdenfeindlichkeit haben wieder Fl端chtlingsunterk端nfte gebrannt. Wir k旦nnen dann auf die n辰chste fremdenfeindlich motivierte Brandstiftung oder die n辰chste hohle wie chauvinistische Debatte 端ber Einwanderer warten, um auch diese dann in die Ereigniskette einzureihen.

Wie lange soll das noch so weitergehen?

Und zwar solange bis die politische F端hrungeinsieht, dass Deutschland ein Einwanderungsregime braucht. Das Fehlen eines solches Regimes ist doch der offensichtliche Grund f端r die katastrophalen Zust辰nde, denen die Fl端chtlinge ausgesetzt sind. Entgegen der Behauptung einiger Politiker in diesem Land gibt es zurzeit keine Regelung daf端r.

Die jetzige Wirklichkeit des Grundgesetzes ist ein Gesetz zur Vermeidung von Einwanderung. Alles andere wie z.B. Zuwanderung sind PR-geschw辰ngerte Wortspielereien, um von dieser Wirklichkeit abzulenken.

Seitdem ich schreibe, fordere ich immer wieder ein Einwanderungsgesetz. Ich habe manchmal unfairen Widerstand dabei erfahren und dadurch verstanden, dass die Vermeidung von Einwanderung zum deutschen Staatsr辰songeh旦rt.

Damit ist eine politische Haltung gemeint, die als fundamental f端r die Aufrechterhaltung der Staatlichkeit angesehen wird. (In der T端rkei geh旦rt die Republik, der Laizismus und Kemalismus zum Staatsr辰son, auf das auch der Staatspr辰sident Erdogan sein Eid gesprochen hat.) Vielleicht nimmt die deutsche Staatsf端hrung an, dass Einwanderung eine Gefahr f端r die staatliche Integrit辰t, Handlungsf辰higkeit und Zukunftsfestigkeit darstellt – ich wei es nicht.

Was ich aber als Einwanderer dieses Landes, als in Deutschland ausgebildeter Soziologe und als in Deutschland t辰tiger Analyst wei, ist, dass der Migrationsdruck in den n辰chsten Jahren immer weiter zunehmen wird. Alle verf端gbaren Daten sagen genau das! Es w端rde mich irritieren, solltendie Stabsstellen der Bundesregierung Gegenteiliges behaupten.

In Anbetracht dessen gibt es f端r Deutschland zwei Optionen: Entweder folgen wir der Empfehlung Sarrazins aus 2010 und bauen Mauern um Deutschland. Oder wir werden endlich ein wirkliches und aufrichtiges Einwanderungsland.

Eine Zwischending-L旦sung, wie sie wieder gegenw辰rtig gesucht wird, wird nur noch mehr Tote und Trag旦dienim Mittelmeer und an den Auengrenzen der EU sowie zu noch mehr fremdenfeindlichen Ressentiments im Inland f端hren. Man kann erwarten, dass es nicht dabei bleiben wird. Denn die Einwanderer und ihre Nachfahren, die sich hier niedergelassen und etabliert haben, werden ihre Interessen ebenfalls anmelden.

Egal, wie es kommt, eins steht aber jetzt schon fest: Deutschland ist nicht mehr dasselbe Land wie in den 1990er Jahren.