Ethnischer Konflikt unter den Gegnern Assads?

Im Norden Syriens zeichnet sich eine weitere Verschärfung des Konfliktes ab. Nachdem syrische Regierungstruppen vergangene Woche aus dem der Grenzort Ras al-Ain vertrieben worden waren, kam es am Montag erneut zu Kämpfen in der eigentlich „befreiten“ Stadt. Die als islamistisch eingestufte Al-Nusra-Front und die kurdische, der PKK nahestehende PYD („Partei der Demokratischen Union“) lieferten sich heftige Kämpfe um die Kontrolle der Grenzstadt. Nach Angaben der Nachrichtenagentur DPA kamen dabei 36 Kämpfer beider Seiten ums Leben.

In kurdischen Vierteln der Stadt kam es zu Protesten gegen die Aktionen der Al-Nusra-Front. Bei den Kämpfen wurde nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte der lokale Anführer der PYD von einem Scharfschützen erschossen. Außerdem seien Angehörige der FSA ebenfalls auf bewaffneten Widerstand gestoßen, als sie versuchten, ins „kurdische Kernland“ der Provinz al-Hasaka vorzudringen.

In dieser Region liegen auch die auf 2,5 Milliarden Barrel geschätzten Erdölvorkommen Syriens – eine begehrte Geldquelle sowohl für die syrischen Kurden, die sich – dem Beispiel Nordiraks folgend – auf diesem Wege ihre Unabhängigkeit ermöglichen wollen, als auch für die FSA, die mit dem Geld den Kampf gegen die besser ausgerüsteten Regierungstruppen finanzieren könnte.

Die syrische Opposition will ein freies Syrien – viele Kurden wollen frei von Syrien sein

Die syrischen Kurden waren jahrzehntelangen, besonders schweren Repressalien durch die syrische Regierung ausgesetzt. Schon vor dem Ausbruch der Revolution 2011 hatte es mehrmals brutale Aktionen der meist arabischen Sicherheitskräfte Assads gegen die kurdische Bevölkerung gegeben. In der übrigen syrischen Bevölkerung lösten die Repressalien gegen die Kurden keinen nennenswerten Protest aus. Das so entstandene Misstrauen gegenüber der arabischen Mehrheit des Landes verhinderte wahrscheinlich auch, dass sich die kurdische Bevölkerung der jetzigen Revolution anschloss.

Die syrischen Kurden stehen im innersyrischen Konflikt weder klar auf der Seite der Opposition noch auf der Seite der Regierung unter al-Assad. Vielmehr versuchen einige kurdische Gruppen, die Kontrolle über den kurdischen Teil Syriens selbst zu erlangen. So verweigerten sie in der Vergangenheit oftmals der Freien Syrischen Armee die Unterstützung und verbaten ihren Kämpfern, sich deren Wohnvierteln zu nähern. Dieser mittlerweile mit Waffengewalt ausgetragene Konflikt zwischen arabischen Oppositionskämpfern und kurdischen Milizionären droht Teile der syrischen Opposition in einen ethnischen Konflikt zu stürzen.

Der einzige Akteur, der von einer solchen Entwicklung profitieren würde, wäre Bashar al-Assad. Die syrische Opposition ist politisch zwar zerstritten, verfügt mittlerweile aber über eine nicht zu unterschätzende militärische Kampfkraft und hat große Teile der Provinzen Idlib und Aleppo unter Kontrolle. Ein Konflikt mit den syrischen Kurden würde nicht nur einen Teil ihrer Kampfkraft binden, sondern vor allen Dingen das Image der Opposition als „die Guten“ auf internationaler Ebene vollends zerstören.

Caspar Schliephack