Ex-Zaman-Journalist rechnet ab: „Wir waren viel zu nahe an Erdoğan“

Die Gülen-Bewegung unterhielt in der Türkei sehr viele Medien. Sie war bis zuletzt mit Agenturen, Zeitungen, Zeitschriften, Fernsehkanälen und Nachrichtenportalen stark vertreten.

Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Das Mediennetzwerk und auch die Bewegung, die sich selbst als Hizmet bezeichnet, sind zerschlagen. Der Druck der Regierung auf oppositionelle Stimmen hat drastische Ausmaße angenommen. Doch die Medien, die aus der Gülen-Bewegung hervorgegangen sind oder aktiv von ihr gegründet wurden, waren nicht immer regierungskritisch.

Nach mehrjähriger Tätigkeit für regierungsnahe Medien arbeitete Doğan Ertuğrul auch für „Zaman„. Die Tageszeitung galt als Sprachrohr und Flaggschiff der Bewegung und war eine Zeit lang die auflagenstärkste Zeitung der Türkei. Der erfahrene Journalist hat die Türkei 2014 verlassen und lebt inzwischen in Österreich, wo er Asyl beantragt hat. Rückblickend stellt er der Zaman, die im März 2016 auf Regierungslinie gebracht und im Sommer geschlossen wurde, ein enttäuschendes, wenn nicht gar vernichtendes Zeugnis aus.

„Alles, was jetzt passiert, ist darauf zurückzuführen“

„Zaman war viel zu nahe an Erdoğan. So nahe waren nicht einmal wir in der Pro-Erdoğan-Zeitung“, wird Ertuğrul in „Die Presse“ zitiert. „Alles, was jetzt passiert, ist darauf zurückzuführen.“ Mit „alles“ meint der Journalist den Vernichtungsfeldzug, den Erdoğan selbst als Hexenjagd bezeichnet und vor drei Jahren eingeleitet hat. Die Korruptionsermittlungen im Dezember 2013 interpretierte er als Putschversuch der Gülen-Bewegung. Es begann eine beispiellose Versetzungs- und Suspendierungswelle. Die der Bewegung nahestehenden Medien gerieten unter Druck.

Ertuğrul geht noch weiter: „Gülen-nahe Medien haben keinen Journalismus betrieben, sondern unkritisch die AKP-Linie übernommen. Über die Opposition wurde, wenn überhaupt, nur abfällig berichtet.“ In Österreich will er es künftig besser machen. Gemeinsam mit anderen Kollegen, die unter dem Druck der AKP das Land verlassen mussten, hat er die türkischsprachige Seite „kronos.news“ gegründet. Sie soll ein breites Spektrum an Themen und politischen Ausrichtungen abdecken.

Seine Worte klingen indes wie Reue, aber kommen nüchtern betrachtet zu spät. Die Medien der Bewegung haben viel an Kredit verspielt. Der gescheiterte Putschversuch im Juli gab ihnen den Rest.

Karakoyun will Beziehungen, Hierarchien und Finanzierungen offen legen

Selbst auf Deutschland hat die Entwicklung in der Türkei Auswirkungen. Auch die Deutschland-Ausgabe der Zaman musste inzwischen eingestellt werden, soll aber demnächst wieder die Arbeit aufnehmen. Wie und welcher Form, bleibt derzeit abzuwarten.

Dass die Bewegung gewillt ist, aus Fehlern und Versäumnissen der Vergangenheit zu lernen, macht auch Ercan Karakoyun deutlich. Der Vorstand der Berliner Stiftung Dialog und Bildung, die als Ansprechpartner für Medien und Politik in Fragen zur Gülen-Bewegung dient, will „den Öffnungsprozess für die Hizmet-nahen Schulen, Nachhilfeinstitute und Unternehmerverbände einleiten und unsere Beziehungen, Hierarchien und Finanzierungen offen legen“, so Karakoyun in einem Interview mit „Neues Deutschland“.

Auch er stellt rückblickend kritisch fest: „In der Türkei hatte sich die Bewegung überdehnt, sie war zu einem Karrieristennetzwerk geworden. Viele schwarze Schafe, die eher Machtpolitik im Sinn hatten als die Werkethik Fethullah Gülens, mischten dort mit. Jetzt wird die Bewegung als Ganzes verantwortlich gemacht. Wir haben unsere demokratischen Fähigkeiten dort wohl überschätzt.“