„Nicht immer gleich nach dem Staat rufen, sondern einfach machen“

Frauen als Unternehmerinnen: „Männer haben bessere Netzwerke!“

Frauen seien zwar sehr sozial und könnten hervorragend netzwerken – dies aber leider nicht auf die geschäftliche Ebene projizieren. Daher trauen sich viele die Selbstständigkeit nicht zu. (Foto: buv)

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Ende Januar 2013 lud der Bundesverband der Unternehmervereinigungen (BUV) in die Landesvertretung Baden-Württemberg ein, um mit ca. 170 geladenen Gästen über „Frauen als Unternehmerinnen“ zu sprechen.

Osman Kımıl, Präsident des BUV, begrüßte die rund 150 unternehmerisch tätigen Frauen und 20 weitere Gäste mit der Aussage, dass Zahlen, ob nun schwarz oder rot, migrationsunabhängig seien. Unternehmerinnen und Unternehmer sollten nur aufgrund ihrer Erfolge anerkannt werden. Frauen würden außerdem zwar seltener Unternehmen gründen, seien dafür aber erfolgreicher als Männer. Die Vorsitzende des Ausschusses Familien-, Senioren-, Frauen- und Jugendpolitik, Sibylle Laurischk (FDP), führte daraufhin an, dass Frauen immer noch einen höheren Ausbildungsstand als Männer aufwiesen, sich diese Tatsache aber weder in den Führungsetagen der Großkonzerne noch in den Unternehmensgründungen von Frauen widerspiegele.

Dieses Argument bekräftigte sie im gleichen Atemzug mit der Forderung nach einer Frauenquote und fordert die Frauen auf, sich in das Wagnis „Unternehmensgründung“ zu stürzen. Mit der Erfahrung einer ehemals selbstständigen Anwältin „trotz“ Kindern beendete sie ihre Rede mit den Worten „Haben Sie Mut!“

Probleme beim Aufbau von Geschäftskontakten

Zu einem „Land der Existenzgründerinnen“ muss sich Deutschland laut Dr. Marc Evers, Referatsleiter Mittelstand, Existenzgründung, Unternehmensnachfolge beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK), entwickeln. Denn aufgrund mangelnder Rohstoffe sei Deutschland auf Innovationskraft angewiesen. Jedoch sei die Infrastruktur zur Kinderbetreuung stark ausbaufähig – eine Verbesserung würde sowohl dem Fachkräftemangel begegnen als auch den Existenzgründungen zugutekommen. Außerdem hätten Frauen Nachteile beim Aufbau von Geschäftskontakten und bei der Beschaffung von Startkapital. Zudem würden Know-How-Biographien durch Familienplanung unterbrochen, womit auch ein Aufbau von geschäftlichen Netzwerken erschwert wird. Dr. Evers präsentiert am Ende seines Vortrags sechs Schlüsselfaktoren, um Deutschland zum Land der Unternehmensgründerinnen zu machen. Seiner Meinung nach müsse man dafür folgende Punkte beachten:

1. Rahmenbedingungen verbessern (Elternzeit, Elterngeld etc.)
2. Kinderbetreuung verbessern (Betreuungsgeld sei die falsche Richtung)
3. Mehr Informationen zum Unternehmertum bereitstellen (in Schulen, Medien etc.)
4. Mehr Informationen über technische Berufe geben (Rollenverständnis aufbrechen)
5. Mentoring-Programme flächendeckend anbieten
6. Risiken poolen – Gründen im Team

„Ich bin keine Türkin und möchte nicht als ‚Unternehmerin mit Migrationshintergrund‘ angesehen werden, sondern nur als Unternehmerin, die ein erfolgreiches Unternehmen in Berlin führt“, sagt Şehnaz Temiz, die vier Niederlassungen leitet und 30 Mitarbeiter führt. Neue Bewerber, die sich für einen Job in ihrem Unternehmen „PerZukunft“, eine private Arbeitsvermittlung in Berlin, interessierten, fragten ihre Mitarbeiter, ob Frau Temiz denn wirklich am Monatsende auch das vereinbarte Gehalt zahle und das Unternehmen „deutsch“ operiere. Einer Frau und dazu noch einer neu-deutschen Frau werde zu wenig zugetraut und dies führt zum Verlust ihres Selbstvertrauens. Bei Behörden und Ämtern begegnen angehende Unternehmerinnen Menschen mit Vorurteilen, die auf sie „herabschauen“. Auch Frau Manuela Teinert, Unternehmensberaterin, forderte erleichterten Zugang und offenere Strukturen im Fördermittel-Dschungel.

Podiumsteilnehmerin Claudia Bögel (FDP) machte sich beim Publikum mit der Aussage unbeliebt, dass man „nicht immer gleich nach dem Staat rufen“, sondern „einfach mal machen“ solle. Ihr fehle bei den Frauen der Mut. Außerdem glaube sie nicht, dass Frauen schwerer an Kredite kämen.

„Wie weit die Politik von der Realität abweicht“, darüber wundert sich Suzan Kızılaslan, die im Frauenressort des BUV tätig ist. Frauen würden weder die richtigen Anreize gesetzt, noch werde ihnen Selbstvertrauen gegeben. Ferner wisse sie aus Erfahrung, dass es für eine Unternehmerin „nur mit der Hilfe ihrer Familie funktioniert“.

Ein bestehendes soziales Netz ist der Schlüssel, da die Politik in Sachen Infrastruktur noch weit hinterherhinkt

Trotz aller vorangegangener Streitpunkte waren sich alle Podiumsteilnehmer plötzlich in einem Teilaspekt überraschend einig: Frauen fehlen professionelle Netzwerke! Männer könnten durch die richtigen Beziehungen viel mehr erreichen und erhielten auch dadurch immer wieder einflussreiche Positionen. Frauen seien zwar sehr sozial und könnten hervorragend netzwerken – dies aber leider nicht auf die geschäftliche Ebene projizieren.

Dies führe dazu, dass Frauen ihre Unternehmen nicht langfristig und nachhaltig aufrecht erhalten könnten. Alle Podiumsteilnehmer konnten sich schließlich auf die zwei Kernaspekte Netzwerke und Selbstvertrauen in der Debatte einigen.

Dr. René Leicht vom Institut für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim, weist darauf hin, dass die geringe Anzahl von Unternehmerinnen vor allem eine bildungs- und integrationspolitische Frage sei. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass sich jemand selbständig macht, wächst den Ergebnissen seiner Untersuchung zufolge mit dem Grad der Bildung. Ein gutes Beispiel hierfür ist Ummahan Arslancık, eine der geladenen Unternehmerinnen, die davon überzeugt ist, dass Netzwerke eine grundlegende Hilfe sind und daher kontinuierlich gepflegt werden müssten.

Mit 38 Jahren entschied sie sich für ein Studium der Information und Kommunikation und schloss dieses erfolgreich ab. Heute leitet sie eine Kommunikations- und Werbetechnikagentur in Berlin-Mitte (bluezone-werbetechnik), die insbesondere sehr umweltfreundliche und kostensparende LED-Leuchttafeln herstellt. Die Selbstständigkeit hat sie viele Nerven gekostet und dennoch glänzen ihre Augen bei dem Gedanken daran, dass sie „unabhängig und eigenständig“ ist. Denn Frau Arslancık ist überzeugt: „Man wird nur glücklich, wenn man das macht, was man auch gern macht!“