FSA droht Ausweitung der Kämpfe nach Beirut an

Ein Sprecher der Freien Syrischen Armee (FSA) gab am Mittwoch die Gefangennahme von 13 Mitgliedern der Hisbollah bekannt und drohte damit, die Hochburg der Miliz in Süd-Beirut anzugreifen, sollte diese ihre Unterstützung für das syrische Regime nicht umgehend einstellen. Der FSA-Sprecher Fahd al-Masri sagte, die 13 Mitglieder der Hisbollah wären in der Umgebung von Homs gefangen genommen worden, was zeige, dass die Organisation tief in den Konflikt in Syrien verwickelt wäre. Er deutete außerdem an, dass die jeweiligen Feldkommandeure zu entscheiden hätten, ob die Gefangenen Hisbollah-Mitglieder inhaftiert oder exekutiert werden würden.

„Wir werden die Schlacht um Syrien in das Herz der südlichen Beiruter Vororte tragen, falls die Hisbollah nicht ihre Unterstützung für das mörderische Assad-Regime einstellt“, sagte der FSA-Sprecher.

Kamel Rifai, Abgeordneter der Hisbollah im Libanesischen Parlament, widersprach der Behauptung, Kämpfer seiner Partei wären in Syrien im Einsatz, da die Hisbollah einzig den Kampf gegen Israel gestatte.

Die Hisbollah hat zwar der so genannten „Baabda-Erklärung“, die vorsieht, den Libanon aus dem Konflikt in Syrien herauszuhalten, zugestimmt, jedoch wurden in den letzten Monaten immer wieder Anschuldigungen gegen die Organisation erhoben, Kämpfer auf Seiten der syrischen Regierung in das Nachbarland zu schicken.

Immer mehr Trauerzüge für getötete schiitische Kämpfer

Sollte die Hisbollah wirklich Operationen in Syrien durchführen, wäre das bislang unter strikter Geheimhaltung geschehen. Was sich jedoch nicht geheim halten lässt, sind die Beerdigungen ihrer getöteten Kämpfer. Die in letzter Zeit immer häufiger stattfindenden, meist riesigen Trauerzüge für „Märtyrer“ der Organisation durch schiitische Ortschaften werden von vielen Beobachtern jedenfalls als Indikator für eine wachsende Beteiligung der Hisbollah im Syrienkonflikt gewertet. So nahmen am Sonntag etwa 2000 Menschen an der Trauerfeier für einen gefallenen Hisbollah-Milizionär teil, nachdem letzte Woche unter anderem bereits ein Offizier der Miliz beerdigt worden war. Die Hisbollah hat bislang keine genauen Angaben zum Tod dieser Kämpfer gemacht und lediglich verlauten lassen, sie hätten „bei Ausübung ihrer dschihadistischen Pflicht“ ihr Leben als „Märtyrer“ gelassen.

Der Nachrichtensender „Al Arabiya“ berichtete, es seien etwa „1500 Agenten der Hisbollah“ in Syrien im Einsatz. Der syrische Präsident, der mit ansehen musste, wie im Laufe der Revolution in Syrien viele Soldaten der syrischen Armee desertierten und sich der Opposition anschlossen, verlasse sich im Falle der schiitischen Kämpfer auf deren Loyalität.

Die syrische Führung hofft anscheinend auch, mit der großen Erfahrung der Hisbollah in asymmetrischer Kriegsführung eine effektive Waffe gegen die Aufständischen gefunden zu haben. Die Hisbollah dementiert die Medienberichte vehement und bezichtigt ihre Kritiker, der Organisation durch gezielte Desinformation schaden zu wollen.

Der syrische Bürgerkrieg bricht alte Wunden im Libanon auf

Der ehemalige Ministerpräsident Saad Hariri, der dem libanesischen Oppositionsblock „Future Movement“ angehört, forderte eine detaillierte Untersuchung der Vorwürfe gegen die Hisbollah. Nach Meinung des „Future Movements“ würde das libanesische Volk durch die Unterstützung einiger Organisationen für das syrische Regime in einen Konflikt hineingezogen, dessen Konsequenzen nicht abzusehen seien.

Der syrische Bürgerkrieg drohte schon einige Male, sich auf den Libanon auszudehnen. Das kleine Land, in dem von 1975 bis 1990 ein eigener Bürgerkrieg tobte und das bis 2005 durch Syrien besetzt war, ist tief gespalten und die politische Haltung der Menschen wird oft nur durch die konfessionelle Zugehörigkeit bestimmt. So kommt es in der nordlibanesischen Stadt Tripoli regelmäßig zu erbitterten Kämpfen zwischen sunnitischen Libanesen, die die meist von Sunniten getragene syrische Opposition unterstützen, und libanesischen Alawiten, die die alawitische Führung in Syrien unterstützen.

Im Zuge der Kämpfe auf der syrischen Seite der Grenze flohen viele Syrer in den Libanon. Eine schiitische Großfamilie mit eigenem militärischem Flügel begann im Sommer damit, dutzende Syrer zu entführen, nachdem ein Familienmitglied in Syrien von der FSA gefangen genommen worden war. Die FSA hatte schon damals die Beschuldigung erhoben, es handele sich bei dem Gefangenen um einen Kämpfer der Hisbollah.

Geht der Konflikt weiter, könnte die gesamte Region auseinander brechen

Die Entwicklungen verdeutlichen die Gefahr, die der syrische Bürgerkrieg für die gesamte Region in sich birgt. Je länger sich der Konflikt in die Länge zieht, desto stärker können extremistische Tendenzen auch in den Reihen der Opposition zur Geltung kommen, da das Leid und damit auch das Verlangen nach Vergeltung in der Bevölkerung zunehmen und Terrorgruppen die chaotischen Verhältnisse vor Ort als Rückzugsraum nutzen könnten. Der Libanon zeigt, wie stark sich eine Gesellschaft in langanhaltenden Zeiten der politischen Unsicherheit in ihre konfessionellen Gruppen spalten kann. Auch das syrische Regime, dem ohnehin vorgeworfen wird, die vielen Volksgruppen in Syrien, aber auch im Libanon gegeneinander aufzuhetzen, wird sich noch stärker als bisher auf die eigene alawitische Bevölkerung und Verbündete schiitische Gruppen wie die Hisbollah stützen müssen, wenn sich der Konflikt weiter hinzieht. Vermeintlich beruhigte Regionen wie etwa der Irak, in dem nach der amerikanischen Invasion 2003 ein blutiger Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten ausgebrochen war, könnten erneut ins Chaos abgleiten.

Zwar schwindet die Macht des Regimes in Damaskus zusehends, jedoch bleibt ihm momentan noch genug Zeit, um sich an die neuen Umstände anzupassen. Je schwächer das syrische Regime und der von ihm kontrollierte Staatsapparat werden, desto intensiver wird Assad jedoch versuchen, seine Machtbasis entlang konfessioneller Trennlinien zu festigen. Indem die verschiedenen Konfessionen der Region gezielt gegeneinander ausgespielt und die Gesellschaften der benachbarten Länder weiter gespalten werden, hofft Assad, bei zukünftigen Verhandlungen ein effektives Druckmittel zu besitzen oder im schlimmsten Fall die Macht wenigstens in einem Teil Syriens behalten zu können.
Caspar Schliephack