Folgen des Putschversuchs für Deutsch-Türken

Der Putschversuch hat nicht nur das Leben von Menschen in der Türkei verändert. Auch hierzulande gibt es große Änderungen. Das spürt zumindest ein Gülen-Anhänger aus Köln. Ein Unternehmer aus Berlin hingegen glaubt, dass die angespannte Situation sich wieder gelegt hat. Ein Beitrag aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln.. 

Tansel Dursun lebt in Köln. Er hat jahrelang für einen Nachhilfeverein gearbeitet. Als Sozialarbeiter, der in Deutschland aufgewachsen ist, konnte sich Dursun mit den deutsch-türkischen Jugendlichen immer gut verständigen. „Die Arbeit dort hat mir auch immer spaß gemacht“, sagt er. Einige Wochen nach dem Putschversuch in der Türkei aber ist Schluss. Nach dem Putschversuch meldeten sich viele Schüler ab, die finanzielle Situation des Vereins ging bergab. Es folgten Sparmaßnahmen. Auch Tansel Dursun musste gehen. Finanziell erleidet er erst einmal einen schweren Rückschlag. Er hat vier Kinder. „Da ich Sozialarbeiter bin und in diesem Bereich derzeit wirklich händeringend nach Hilfskräften gesucht wird, habe ich schnell einen neuen Arbeitgeber gefunden. Aber es geht nicht allen so.“

Mehr gesellschaftliche Probleme als finanzielle

Der finanzielle Rückschlag sei aber nicht sein eigentliches Problem, so der 38-jährige. Vielmehr leide er an den gesellschaftlichen Folgen des Putschversuchs. „Es gab auch schon einige verbale Angriffe. Wir werden seit dem Putschversuch als Terroristen und Vaterlandsverräter angesehen.“ Das könne er nicht verstehen. Mit den Putschisten könne er nichts zu tun haben: „Wir arbeiten hier in Deutschland im Ehrenamt und wollen den Deutsch-Türken bei der Integration helfen. Das macht uns doch nicht zu Terroristen.“ Er selbst habe den Putschversuch sofort verurteilt. Politik sei selbstverständlich immer im Leben der Deutsch-Türken existent gewesen. „Der Putschversuch hat das alles aber noch giftiger gemacht.“, so Dursun. Deshalb traue er sich auch nicht mehr in eine türkische Moschee. 

„Manche Gülen-Leute sind von Eltern angeschwärzt worden“

Der Putschversuch habe das Leben der Deutsch-Türken stark verändert, meint Dursun. Es gäbe Leute, die nicht einmal ihre Eltern anrufen könnten. Manche Gülen-Anhänger seien sogar von ihren eigenen Eltern bei den türkischen Behörden als „Terroristen“ gemeldet worden. Der Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan hatte dazu aufgerufen. Tansel Dursun traut sich nicht mehr in die Türkei. Er habe Angst, dort verhaftet zu werden, obwohl er nichts getan habe, was gegen Recht verstößt. 
 

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„Das Leben geht ganz normal weiter“

Ali Birsen ist da entspannter. Er macht seinen Urlaub, wie auch sonst, wieder in der Türkei. Er habe sich nicht vorstellen können, dass es heutzutage noch zu einem Putsch kommen könne. Aussagen von Dursun kann er aber nicht bestätigen. Er spüre nicht mehr viel vom Putschversuch.  Während das Leben von Tansel Dursun sich nur sehr langsam normalisiert, spürt der 35-jährige Kiosk-Betreiber aus Berlin mittlerweile wenig von einer angespannten politischen Lage. Zwar habe er in der Anfangsphase einige Diskussionen. Aber das sei liege jetzt in der Vergangenheit. Er mache seinen Urlaub weiterhin sehr gerne und ohne Probleme Urlaub in der Türkei. 
 

Schüler verlassen Schule

Osman Esen gehört zu denjenigen, die am meisten von dem Putschversuch  gespürt haben. Als damaliger Geschäftsführer einer Gülen-nahen Schule in der Bundesrepublik musste er zwei Tage nach dem Putschversuch mit mehreren dutzend Eltern reden. „Viele Eltern sind zur Schule gekommen oder haben E-Mails geschrieben. Sie wollten ihre Kinder abmelden.“ Seine Schule wurde mit vielen Preisen gekrönt. Sie lehrt nach den Richtlinien des Landes NRW. „Das wissen auch die Eltern zu schätzen“, so der 38-jährige Rheinländer, aber: „Viele Eltern hatten Angst, dass ihnen und ihren Kindern etwas zustößt, wenn sie bei uns bleiben. Andere haben auf einmal die Denunzierung der türkischen Regierung übernommen und  uns plötzlich als Vaterlandsverräter bezeichnet.“
 
Ob sich das Leben der Deutsch-Türken bald wieder normalisiert, bleibt abzuwarten. Klar ist jedoch, dass dies keine gute Sache ist.