Gewalt in der islamischen Welt: Dichtung und Wahrheit

Von Didier Billion*

Nachdem ein Video mit dem Titel Die Unschuld der Muslime ins Internet gestellt worden war, haben sich in einigen muslimischen L辰ndern blutige Gewalttaten ereignet. Um eine vern端nftige Analyse des Gesamtgeschehens erstellen zu k旦nnen, muss man das Video, die hervorgerufenen Reaktionen und die dazu abgegebenen Kommentare voneinander trennen.

Der Produzent des Videos, Nakoula Bassili Nakoula, wurde in den USA wegen Bank- und Finanzbetrugs zu Haftstrafen verurteilt. Er hat enge Beziehungen zur National American Coptic Assembly, die von Morris Sadek geleitet wird, der seinerseits ein Vertrauter des extrem rechten amerikanischen Evangelikalen Steven Klein sowie des Pastors Terry Jones ist. Terry Jones ist der ffentlichkeit noch durch seine Aktion im Mai 2011 in Erinnerung, bei der er wegen der darin angeblich angesprochenen Verbrechen an den Menschen vor einem Publikum einen Band des Koran verbrannte. Der Sinn der Erinnerung an diese Zusammenh辰nge liegt darin, deutlich zu machen, dass es sich bei der Produktion dieses Videos um etwas anderes als nur um einen schlechten Scherz handelt. Bei diesem Video handelt es sich sogar um ein bewusstes Propagandamittel jener politischen Str旦mung, welche in den USA und in einigen westlichen L辰ndern die Muslime zu Feinden erkl辰rt, gegen die man k辰mpfen und die man vernichten m端sse, und die sich bem端ht, jedes Mittel zu nutzen, um die Ideologie vom Kampf der Kulturen zu f旦rdern.

Terroristen hijacken eine friedliche Demo
Es hat Sinn, an dieser Stelle einige Fakten klarzustellen, auf die man sonst kaum eingeht. W辰hrend einer anf辰nglich friedlichen Demonstration vor dem Konsulat im libyschen Bengazi er旦ffneten unvermittelt einige schwer bewaffnete M辰nner das Feuer auf das Konsulat. Auch wenn bisher noch nicht alle Aspekte der Kette von Ereignissen des damaligen Tages gekl辰rt werden konnten, k旦nnen wir die Verbindung nicht ignorieren, die sich zu der Erkl辰rung des Al-Qaida-F端hrers Aiman al-Zawahiri bez端glich des Anschlags in Pakistan am 10. September auf zwei M辰nner der Organisation auftut, unter anderem auf den Libyer Yehia al-Libi, durchgef端hrt mit einem unbemannten Flugzeug. Auf Grund dessen kann die Ermordung des US-Botschafters nicht einfach auf das islamfeindliche Video zur端ckgef端hrt werden, es muss auch in Verbindung zu Aktionen einer Gruppe bedacht werden, die Rache f端r die T旦tung von Anf端hrern von Al-Qaida nehmen will. Leider ermutigen anarchische Umst辰nde, die in Libyen vorherrschen, sowie Defizite des Staates bei der Gew辰hrleistung der 旦ffentlichen Sicherheit, dar端ber hinaus auch die teilweise bermacht der Milizion辰re bestimmte Gruppen, die entschlossen sind, solche Anschl辰ge zu ver端ben. Dieser Umstand relativiert nicht die sich in vielen islamischen L辰ndern rasch verbreitende Wellen der Gewalt, aber er legt nahe, diesen teilweise eine andere Bedeutung zumessen zu m端ssen.

Die g辰ngigen Kommentare in westlichen Medien legen mit ihren oft beharrlichen Verallgemeinerungen eine angeblich unersch端tterliche Verbindung zwischen der islamischen Religion und der Nutzung von Gewalt fest. Diese Haltung ist ein v旦llig inakzeptables Amalgam, welches versucht, zwischen unterschiedlichen Kulturen und Religionen eine Saat des Hasses zu streuen.

Auch eine gut organisierte Minderheit ist eine Minderheit

Es m端ssen zwei Feststellungen getroffen werden: Zuerst muss man sehen, dass die Demonstrationen in den meisten der betreffenden L辰nder nur sehr kleine Gruppen in Bewegung gesetzt haben.

Dar端ber hinaus muss man anerkennen, dass nur eine kleine Gruppe aus den Reihen der Demonstranten zu gewaltt辰tigen Aktivit辰ten gegriffen hat, die zu verurteilen sind, aber in jenen L辰ndern einen anderen Stellenwert haben.

Weil hier nicht die Situationen in all diesen L辰ndern einzeln aufgez辰hlt werden k旦nnen, wollen wir uns mit der Deutung der Ereignisse in drei L辰ndern zufrieden geben, die uns zeigen, dass es hier um etwas v旦llig anderes geht. Die Demonstrationen in Tunesien sind beispielsweise ein Ausdruck f端r die Probleme und die Ungeduld der Bev旦lkerung angesichts der sich zunehmend verschlechternden sozio旦konomischen Situation, welche die Regierung anscheinend nicht imstande ist, zu bereinigen. Und die Salafisten, die am Demokratie-Spiel nicht teilnehmen, nutzen dies aus.

In gypten hingegen sind diese Demonstrationen ein Produkt der wachsenden politischen und wahlkampfbezogenen Konkurrenz zwischen den Salafisten und den regierenden Muslimbr端dern. Aus Sorge, dass die Ereignisse ausarten k旦nnten, riefen die Muslimbr端der die Bev旦lkerung auch nicht zu Demonstrationen auf. Auerdem sei hier erw辰hnt, dass es unter den Demonstranten in Kairo auch 辰uerst m辰chtige und organisierte Gruppen von Fuballfans gab und gibt, die schon seit Jahren zusammen mit den Salafisten keine Gelegenheit auslassen, um sich mit der Polizei zu pr端geln. Im Libanon hingegen gibt es im Gegensatz dazu Demonstrationen einer Gruppe, die von der Hisbollah organisiert wurde und die 辰uerst diszipliniert und eindrucksvoll ohne jeglichen gewaltt辰tigen Vorfall das Auslangen fand.

Diese pars pro toto aufgef端hrten Beispiele reichen aus, um den groen Unterschied zwischen den Tatsachen und den Schlagzeilen in den Medien, sowie den Verlautbarungen der Verantwortlichen in Europa und den USA zu illustrieren. Erneut stellen die Kommentatoren die Welt des Islam dabei als ein einheitliches Kollektiv dar, welches zudem beweise, dass dieser nicht in die Moderne eintreten k旦nne, solange er nicht dieselben Reaktionen und Gegenreaktionen aufweise sowie eine religi旦se Reform verwirkliche.

Kampf der Kulturen? Ohne uns!
Man sollte weder solche Erkl辰rungen akzeptieren noch die wirren Gedanken, welche zwischen der politischen Ebene und der religi旦sen Ebene eine Verbindung herstellen wollen. Der Begriff der L辰sterung geh旦rt nicht allein zum Islam, die Gl辰ubigen jeder Religion erachten es als einen Angriff auf sich selbst, wenn ihre berzeugungen diffamiert werden. Und diese Gewalt ist keine spezielle Eigenschaft der islamischen Religion. In Bezug auf dieses aktuelle Beispiel ist sie vielmehr mit den politischen Ersch端tterungen, enormen gesellschaftlichen Problemen und den bergangsproblemen verbunden, die seit Monaten die arabische Welt erfasst haben.

All diese Punkte zeigen, dass die arabischen Gesellschaften nicht in derselben ideologischen Linie gedacht werden d端rfen und auerdem so komplex und verschieden sind wie die V旦lker der n旦rdlichen Hemisph辰re. Es sollten Manahmen ergriffen werden, damit diese Vorf辰lle nicht das Risiko eines tats辰chlichen Kampfes der Kulturen n辰hren. Denn eine solche Entwicklung w端rde eher den Extremisten unter den n旦rdlichen und s端dlichen V旦lkern dienen. Wahrscheinlich steckt hinter Videofilmen dieser Art genau eine solche Absicht. Aus diesem Grunde ist es n旦tiger denn je, den Respekt vor dem Glauben jedweder Seite herauszustellen und sich jeder Form von Hetze entgegenzustellen.

*Didier Billion ist Direktor des Instituts f端r internationale Beziehungen und strategische Fragen in Paris