Globalisierung vs. Populismus: Wo bleiben unsere Identitäten?

Der Schock über die Wahlergebnisse in den USA und den Sieg Donald Trumps weicht nun der Suche nach Antworten. Wie konnte Trump gewinnen? Wer hat ihn aus welchen Gründen gewählt? Gibt es Ähnlichkeiten zu rechtspopulistischen Parteien wie AfD und Front National? Haben wir einen weiteren Präsidenten à la Putin und Erdoğan auf der politischen Bühne?

Das sind allesamt Fragen, die den aktuellen Diskurs beherrschen. Ich für meinen Teil möchte ganz andere Aspekte in Augenschein nehmen:

Werfen wir einen Blick auf aktuelle Regenten und Aufsteiger der Politik, sehen wir einen globalen Trend hin zum Populismus, der mehr und mehr zum Schlüsselbegriff des Erfolges wird.

Gründe hierfür, meinen einige, seien das Versagen des Establishments, die Furcht vor gewaltbereiten Extremisten oder die Entfremdung der Völker durch Migration und Zuflucht.

Globalisierung als Ursache

Ich glaube die Gründe, warum der Populismus an Boden gewinnt, liegen tiefer. Und zwar in der Globalisierung.

Die Globalisierung selbst stellt kein Problem dar, jedoch der Umgang mit ihr und die Neuorientierung in der Gesellschaft.

Die Globalisierung birgt allerlei Potenziale, einige Risiken, aber umso mehr Chancen. Als Risiken sind sicherlich wirtschaftliche Aspekte zu nennen, jedoch besteht die Globalisierung aus mehr als der wirtschaftlichen Vernetzung. Klaus Müller beschreibt sie als „die raum-zeitliche Ausdehnung sozialer Praktiken über staatliche Grenzen, die Entstehung transnationaler Institutionen und Diffusion kultureller Muster.“ (Klaus Müller, Globalisierung, 2002)

Der Prozess der Globalisierung ist vielfältig und vor allem unumgänglich. Wir haben heute im postmodernen Informationszeitalter keine Entscheidungsmöglichkeit mehr gegen die Globalisierung. Abschottung und Ignoranz kann keine Option mehr sein, denn nur wer auf den Zug der Globalisierung springt, wird noch die Zukunft gestalten können.

Die Globalisierung, wie wir sie heute erleben, ist zwar in dieser Form neu, jedoch gab es in den letzten Jahrtausenden immer wieder Beispiele für Zivilisationen, die durch Vernetzung und Informationsaustausch zwischen Kulturen hervorgegangen sind.

Hierfür möchte ich exemplarisch zwei Zivilisationen anführen:

Der Orient des Mittelalters und der Okzident der Neuzeit

Im Zuge der Islamisierung Arabiens, Nordafrikas und von Teilen Zentralasiens (7. Jahrhundert bis 10. Jahrhundert) haben sich die Muslime durch religiösen aber auch wirtschaftlichen Ansporn in unter anderem römisch-griechische Territorien und in weite Teile Asiens begeben. Frei von nationalistischem Gedankengut waren sie offen für neues Wissen, wie bspw. aus der Philosophie, der Medizin und der Naturwissenschaften.

Neben dem Warenhandel entwickelte sich ein Informationsaustausch in enormen Dimensionen. Die Muslime öffneten sich der Kultur und den wissenschaftlichen Errungenschaften Chinas, Griechenlands und des Römischen Reichs.

Als Resultat entstand binnen kürzester Zeit eine Zivilisation, die viele Meilensteine der Philosophie, der Medizin, der Astronomie und der Naturwissenschaften hervorbrachte. Beispiele hierfür sind unter anderem Ibn Sina, al-Farabi, Ibn Chaldun, al-Ghazali und al-Chwarizmi (von seinem Namen wurde die Bezeichnung „Algorithmus“ abgeleitet). Die Zeit des europäischen Mittelalters war im Orient die Blütezeit der islamischen Kultur. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte wiederholte sich das, diesmal an einer anderen Schnittstelle.

Europas Bekanntschaft mit dem islamischen Orient begann kriegerisch. Auf die Eroberungszüge, die die muslimischen Heere im achten Jahrhundert bis nach Spanien und Sizilien trugen, folgten die Kreuzzüge in den Nahen Osten im 11.-14. Jahrhundert und die darauffolgende Reconquista Andalusiens im 15. Jahrhundert. All das machte den Austausch zwischen Orient und Okzident sehr schwierig. Trotzdem kam es während und nach diesen Auseinandersetzungen zu einer Informations- und Wissensflut, die vom islamischen Orient und Andalusien nach Europa schwappte und den wissenschaftlichen Aufschwung des Kontinents rasant beschleunigte. Dadurch wurde auch das Ende des Mittelalters besiegelt und die wissenschaftliche Blütezeit des Okzidents begann. Wer sich näher damit beschäftigen möchte, der möge sich in die Geschichte Andalusiens und Cordobas einlesen.

Projizieren wir nun die Geschichte in die Gegenwart und betrachten die Globalisierung aus diesem Blickwinkel:

Heute erleben wir einen weltweiten Informationsfluss und einen Wissensaustausch wie es ihn noch nie gab.

Bildung, Wissenschaft, Mode, Handel, Technologie, Politik und viele weitere Bereiche sind geprägt von Internationalität und Transparenz. Multilingualität ist mittlerweile eine Selbstverständlichkeit. Menschen arbeiten, reisen, handeln und bilden sich nun mehr transnational und transkontinental.

Märkte in Asien beeinflussen unseren täglich Einkauf. Wissenschaftliche Entdeckungen in Amerika werden in Europa weiterentwickelt. Technologien sind nicht mehr territorial begrenzt, sie stehen allen Völkern offen. Die Welt ist in allen denkbaren Lebenszweigen vernetzt. Das Internet ist zu einer allumfassenden Informationsplattform für jedermann geworden. Nachrichten und Berichte erreichen innerhalb weniger Sekunden mehrere Milliarden Menschen. Selbst Werte und ethische Grundprinzipien entwickeln sich nun glaubens- und religionsübergreifend.

Was also tun im Zeitalter der Globalisierung?

Das letzte was man tun sollte, ist, diese Tatsachen zu leugnen oder ihnen feindselig gegenüberzustehen. Wer das aber tut, sind Menschen, die glauben, die absolute Wahrheit zu kennen. Diese zeichnen sich durch die Neigung zum Schwarz-Weiß-Denken aus, durch den Glauben, im Besitz der alleinigen, absoluten und unanfechtbar richtigen Werte zu sein.

Die Überzeugung, alles außer dem traditionell Bewährten habe nicht einmal in der Theorie ein Existenzrecht.

Zu dieser Denkweise gehören Islamisten, Rechtsradikale aber eben auch manche mittels Antiglobalisierungspropaganda eingeschüchterte Bevölkerungsgruppen.

Die Lösung liegt meiner Meinung nach in der Bildung. Weltoffenheit und Diversität müssen erst gelehrt werden, um gelebt werden zu können.

Kommenden Generationen sollte, so denke ich, gelehrt werden, dass Multikulturalität und ein vielschichtiges Miteinander nicht den Verlust der Identität bedeuten. Nein, im Gegenteil: In einer pluralistischen Gesellschaft kann sich Identität erst richtig entfalten.

Mit den Worten des ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau:

„Die Globalisierung ist eine Chance, wenn wir uns am Leitbild der Freiheit und Gleichheit aller Menschen orientieren. Die Globalisierung ist eine Chance, wenn Menschen unterschiedlicher Kulturen einander achten.“