Goethes Beziehung zum Islam und den Propheten

Als Goethe Lavater des Propheten Muhammad wegen „entfreundete“

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In meinen bisherigen Beiträgen zur Goethe-Reihe, siehe Teil I, Teil II und Teil III, ging es mir speziell um die Beziehung Goethes zum Koran und zur Prädestinationslehre im Islam. In diesem Beitrag möchte ich zeigen, welche Beziehung Goethe zum Propheten Muhammad pflegte.

Als ich das erste Mal erfuhr, dass der Satz „Oberhaupt der Geschöpfe – Muhammed“ von Goethe stammte, war ich sehr überrascht. Es war ein Anreiz für mich, viel mehr für die Verständigung zwischen Orient und Okzident zu tun. Je mehr ich über Goethe recherchierte, desto selbstbewusster und zuversichtlicher wurde ich in dieser Hinsicht. Die Aussagen, die Goethe über den Propheten gemacht hat, könnten bzw. sollten in jedem Fall als Grundlage für den interreligiösen Dialog dienen.

Wie bisher dargestellt, hat Goethe seine recht positive Beziehung zum Propheten dem Koran zu verdanken. Hierin hat er sich Verse notiert, die mit seinen Gedanken in Bezug auf die Aufgabe des Propheten im Diesseits übereinstimmten. Nämlich, dass Goethe im Propheten einen Menschen wie alle anderen sah, der jedoch mit etwas Speziellem ausgestattet war, nämlich mit der Gesandtschaft.

Schauen wir uns erst einmal an, welche Verse sich Goethe in Bezug auf den Propheten Muhammad notiert hat:

– „So ist auch Mahomed unter euch nichts als ein Gesandter, und sich auch schon viele Gesandte vor ihm gestorben. Wenn er nun auch sterben sollte: wolltet ihr deswegen auf euren Fersen zurücktreten?“ (3/138)

– „Gott ist auch nicht geneigt, daß er euch bekannt mache, was ein Geheimnis ist, sondern er erwählt einige von seinen Gesandten, welche er will: daß sie glauben an Gott und an seinen Gesandten.“ (3/174)

– „Weiter sagen einige Ungläubige von dir: Ist dann nicht ein Wunderzeichen von seinem Herrn über ihn herabgeschickt worden? Doch du bist nur ein Prediger und ist einem jeden Volk sein Lehrer zur Unterweisung gegeben worden.“ (13/8)

– „Zeichen stehen bei Gott, ich bin nur ein offenbarer Prediger“. (29/49)

Auch treffen wir in vielen persönlichen Briefen Goethes, wie zum Beispiel an Carlyle (im Jahre 1827) oder an Blumenthal (im Jahre 1819), auf vom Koran inspirierende Aussagen: „Es ist wahr, was Gott im Koran sagt: Wir haben keinem Volk einen Propheten geschickt, als in seiner Sprache“; „Wir haben keinem Volk einen Propheten geschickt, als in seiner Sprache!“ und „Gott hat jedem Volke einen Propheten gegeben in seiner eigenen Sprache“.

Für Goethe war der Prophet ein Vorbild an Weltgewandtheit

Katharina Mommsen zufolge hat sich Goethe diese Verse ausgesucht, weil Jesus Christus, der im Christentum als Gott verehrt wird, im Islam denselben Status hat wie der Prophet Muhammad: nämlich als Gesandter und vor allem als Mensch.

„Wahrlich, (die Erschaffung von) Jesus ist vor Gott gleich (der Erschaffung von) Adam. Er erschuf ihn aus Erde. Dann sprach Er zu ihm: ‚Sei!‘, und er ist.“ (3:59)

Er ließ von dieser Einstellung des Islam sehr inspirieren:

„Jesus fühlte rein und dachte
Nur den Einen Gott im Stillen;
Wer ihn selbst zum Gotte machte
Kränkte seinen heil’gen Willen.
Und so muß das Rechte scheinen
Was auch Mahomet gelungen;
Nur durch den Begriff des Einen
Hat er alle Welt bezwungen.“

Weiter interessierte sich Goethe auch für die Weltgewandtheit des Propheten, was für ihn unüblich erschien, aber dennoch seinen Gedanken entsprach. Insbesondere interessierte ihn, dass der Prophet wie seine Mitmenschen eine Familie hatte, sich beraten ließ und persönlich in Verträge involviert war. Der Prophet ist aber dennoch nicht als ein einfacher Mensch zu betrachten, sondern als ein Auserwählter, der besondere Fähigkeiten hat und mit Gottes Erlaubnis seine Wunder bewirkte.

Religiöse Intoleranz und Bekehrungseifer als Anlass für Bruch zwischen Goethe und Lavater

Goethe war so fest von diesem Gedanken überzeugt, dass er sich nicht scheute, mit anderen in der Öffentlichkeit darüber zu diskutieren, ja sogar aufgrund dessen auch Kontakte abzubrechen. Bekannt hierbei ist sein Gespräch mit dem Zürcher Theologen Lavater einige Jahre nach seinem Koranstudium 1771, wo er entgegen der Meinung Lavaters, dass nur Jesus als einziger Verkünder Gottes angesehen werden kann und niemand anderem dieses Amt zuzuerkennen sei, die Meinung vertritt, dass nicht nur Jesus diese Rolle zugesprochen werden kann, sondern auch anderen wie dem Propheten Muhammad. Denn Goethe war fest entschlossen, dass Gott jedem Volk einen Propheten in seiner Sprache gegeben hat, was auch den Koranversen, die von ihm notiert wurden, zu entnehmen ist. Goethe nahm 1786 am Ende auch allzu vehemente Bekehrungsversuche Altvaters zum Anlass, den Bruch mit diesem zu vollziehen.

Goethe verstand auch, dass diese Koranverse über den Propheten im Koran auf ein wichtiges islamisches Prinzip hinweisen: Die Einheit Gottes. Denn diese Verse dienen hauptsächlich dafür,  um die Einheit Gottes zu bestärken. Es heißt, dass die Propheten zwar Auserwählte Gottes sind, jedoch nicht in der Lage sind zu erschaffen oder Wunder zu bewirken. Das entsprach genau dem Prophetenbild Goethes. Gott kann nur als einzig Erschaffener angesehen werden, der keiner Hilfe bedarf und keinen Teilhaber hat. Der Prophet wiederum ist eine sehr wichtige Person, die die Ehre des Vermittlers hat und mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet ist.

Mommsen zufolge sind aus den Jahren der ersten Beschäftigung Goethes mit dem Koran zwei Fragmente erhalten geblieben, die Goethe in seinen jungen Jahren, umgehend nach seinem Koranstudium 1771, gedichtet hatte. Bezüglich dieser Fragmente ist zu sagen, „dass sie die bedeutsame Huldigung darstellen, die jemals ein Dichter in Deutschland dem Begründer des Islams dargebracht hat“, so Mommsen.

Symbolhafte Dichtung in „Mahomets Gesang“

Das erste Fragment beinhaltet ein Preislied  mit dem Titel „Mahomets Gesang“, in dem ersichtlich wird, dass Goethe inspiriert von seinem Zeitalter des Sturms und Drangs ist. In diesem Preislied zeichnet Goethe symbolisch einen Weg des Propheten Muhammad, der auf seinem Weg zum Ozean alle Quellen, Bäche und Flüsse mit sich nimmt. Mahomet, die zentrale Person im Preislied, nimmt alles in seiner Umgebung aufgrund seiner positiven Anziehung zum Ozean mit. Der Ozean wird gleichgesetzt mit Gott, das letzte zu erreichende Ziel, was tatsächlich symbolisch auch die Erlösung der Natur darstellt. Die Quellen, Bäche und Flüsse symbolisieren die beiden Ortschaften, Mekka und Medina, in denen der Prophet residierte; die Prophetengefährten, deren Zahl auf Hunderttausende geschätzt wird und vor allem seine kritischen Begleiter, die – obwohl sie nicht zum Islam konvertierten -, dem Propheten gegenüber respekt- und würdevoll waren.

Im zweiten Fragment versucht Goethe das Lebensgefühl des Propheten darzustellen, als Mahomet in der Natur verweilt und ein Selbstgespräch führt. Interessant hierbei ist, dass diese Hymne eine offensichtliche Kopie der 6. Sura darstellt, und nur die Protagonisten andere sind.

Weiteres dazu im nächsten Beitrag. ;)