Grausame Wahrheiten aus Arakan

Ahmed Samir, Augenzeuge aus dem Gebiet, erz├Ąhlt: ÔÇ×Sie wollen uns sowohl aus der Geschichte als auch aus der Landkarte herausstreichen. Der Aufschrei der Welt├Âffentlichkeit bleibt aus. Wei├č ├╝berhaupt jemand, was in Burma geschieht? Die Menschen, die hier leben, m├╝ssen dringend ernst genommen und etwas muss unternommen werden. Wir sind wie Waisenkinder, keiner sorgt sich um uns, keiner will dem Leiden ein Ende bereiten.ÔÇť

W├Ąhrend das Schicksal der muslimischen Rohingya-Minderheit der breiten Bev├Âlkerungsmehrheit in unseren Breiten v├Âllig unbekannt zu sein scheint, hat sich die t├╝rkische Regierung eingeschaltet und setzt alle diplomatischen Hebel in Bewegung, um der Sache der verfolgten Muslime in Myanmar auf internationaler Ebene Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Auch Ahmed Samir hat davon Notiz genommen. Seine Worte sind deutlich: ÔÇ×Der T├╝rkei haben wir zu danken. Sie h├Âren unsere Bitten, sie helfen uns. Wenn Muslime Leiden ausgesetzt sind, so steht die T├╝rkei den Opfern gleich zur Seite. Was in der Vergangenheit bereits f├╝r Pal├Ąstina, Libanon gemacht wurde, diese Hilfe wird auch hier gebracht.ÔÇť

Tr├Ąnenreicher Besuch in Arakan

Der t├╝rkische Au├čenminister Ahmet Davuto─člu, Emine Erdo─čan, die Frau des t├╝rkischen Premierministers Recep Tayyip Erdo─čan und deren gemeinsame Tochter waren vor kurzem in Myanmar, um sich selbst von den Grausamkeiten gegen├╝ber den Muslimen in Arakan ein Bild zu machen.┬á

Die Delegation, der t├╝rkische Rote Halbmond und verschiedene Hilfsorganisationen besuchten das Banduba Lager, wo 8.500 Menschen unter schwierigsten Bedingungen leben, und h├Ąndigten Hilfsg├╝ter aus. Auch wenn diese vielen Arakan-Muslimen einen Augenblick lang ein kleines L├Ącheln bescherten, zeigte sich die t├╝rkische Delegation zu Tr├Ąnen ger├╝hrt.

Muhammed ├çingi, einer der Rohingya-Muslime, kam zu der t├╝rkischen Delegation mit der eindringlichen Bitte: ÔÇ×Ich denke, wir als Menschen haben mehr Rechte, bitte helfen Sie uns!ÔÇť Daraufhin sagte Au├čenminister Davuto─člu den Muslimen im Lager Unterst├╝tzung zu: ÔÇ×Wir sind hier, um Ihnen zu helfen, und wir als die Republik T├╝rkei sind immer bei Euch. Wir werden weitere Hilfsaktionen veranlassen.ÔÇť

Myanmar, auch bekannt als Burma, ist ein Staat in S├╝dostasien, welcher an Bangladesch, China, Indien, Laos und Thailand grenzt und ├╝ber K├╝sten am Golf von Bengalen und an der Andamanensee verf├╝gt. Vor den Augen der ganzen Welt wird in Arakan ein Massaker ver├╝bt. Die 1,5 Millionen Muslime der Region stehen vor einem Genozid. Viele sehen sich gezwungen, zu fl├╝chten.

Fotos und Videos, die das Ausma├č der Greueltaten zeigen, verbreiten sich dank moderner Technologie mittlerweile auf der ganzen Welt. Jedoch sind diese Greueltaten nichts Neues. Das Leid der Rohingya, der muslimischen Bev├Âlkerung in Myanmar, begann bereits mit der britischen Besetzung des Landes im Jahre 1826.

Nach dem R├╝ckzug der britischen Kolonialmacht aus Myanmar wurden 1942 in einem Dorf nahe der Stadt Minbya alle Dorfbewohner seitens der buddhistischen Arakanesen grausam get├Âtet, ihr Dorf wurde zerst├Ârt.
80% der 51 Millionen Einwohner Myanmars bekennen sich zum Buddhismus. Die Zahl der Muslime liegt bei 1,5 Millionen. Da aber die Regierung Myanmars den muslimischen Bev├Âlkerungsanteil von ihrer Landkarte streichen will, wurden im Norden von Arakan zahlreiche buddhistische Tempel errichtet.

Massaker trotz Auswanderungswelle

Auf internationaler Ebene ist man auf die arakanischen Muslime erstmals 1990 durch deren hunderttausendfache Auswanderung in das Nachbarland Bangladesch aufmerksam geworden. Seit diesem Jahr haben die ├ťbergriffe auf sie nicht mehr aufgeh├Ârt. ├ťberall dort, wo man die muslimische Bev├Âlkerung nicht mehr haben wollte, wurden diese Menschen zur Auswanderung gezwungen, indem man ihnen erz├Ąhlte, dass ihr Wohngebiet in ein Beispielwohngebiet umgebaut werden solle. Mit der blo├čen Vertreibung begn├╝gte man sich allerdings nicht. Es kam parallel dazu wiederholt und anhaltend zu Massakern, vor allem an Frauen und Kindern.

Ahmed Samir ist der Sohn einer aus Arakan nach Bangladesch ausgewanderten Familie. Ich hatte ihn vor ein paar Jahren durch einen Freund kennengelernt. Von dem Tage an entwickelte sich eine Freundschaft, die so dauerhaft ist wie jene zwischen der T├╝rkei und Arakan. Nach den schrecklichen Ereignissen der letzten Zeit habe ich ihn gebeten, mich regelm├Ą├čig Nachrichten ├╝ber die neuesten Entwicklungen in der Region zukommen zu lassen. Er spricht perfekt T├╝rkisch. Und so hat er uns in t├╝rkischer Sprache ein ersch├╝tterndes Dokument ├╝ber die Vertreibung und den schleichenden V├Âlkermord an den Rohingya zukommen lassen.

F├╝hrungslos

Ich bin Ahmed Samir aus Arakan. Hier bei uns leben rund 1,5 Millionen Muslime, sie haben weder einen F├╝hrer noch verf├╝gen sie ├╝ber irgendeine Staatsb├╝rgerschaft. Dass die Muslime keinen F├╝hrer haben, sahen die Buddhisten als eine Chance und begingen Massaker an Muslimen in Myanmar. Ihre einzige Begr├╝ndung war ÔÇ×Wir wollen Euch hier nichtÔÇť. Wenige der Nichtbetroffenen bekamen ├╝berhaupt etwas mit, ich war selbst etwa drei Jahre lang am bewaffneten Kampf in den Bergen beteiligt.

Sie sahen uns noch nicht mal als B├╝rger. In der Tat hatte es Massaker schon in vielen Jahren zuvor gegeben, doch das Ausma├č der ├ťbergriffe in j├╝ngster Zeit war unvorstellbar. Sie wollen uns aus den Geschichtsb├╝chern und Landkarten l├Âschen. Gibt es ein Ort namens Burma? Niemand wei├č es.
Wir wollen nur als ÔÇ×MenschenÔÇť angesehen werden und hoffen, dass vonseiten jener anderer Menschen, die guten Willens und dazu in der Lage sind, m├Âglichst schnell etwas getan wird. Es gibt nichts Schlimmeres, als den Eindruck zu vermitteln, alleine dazustehen und auf diese Weise behandelt zu werden. Aber der T├╝rkei sind wir dankbar, denn dort h├Ârt man unseren Hilferuf. Die T├╝rken sind diejenigen, die sich um uns sorgen. Sie mobilisieren t├╝rkische zivilgesellschaftliche Organisationen, um uns zu helfen.

Dass die Welt angesichts unseres fortdauernden Schicksals angesichts unserer Leiden ruhig bleibt, macht einem Gedanken. Wird die W├╝rde des Menschen hier doch als teilbar betrachtet?

Die Situation in Burma sorgt f├╝r Fragezeichen, ob hier nicht Menschen in ihrer Wertigkeit unterschieden werden. W├╝rden die Buddhisten auch ungestraft bleiben, wenn sie das Gleiche mit Menschen veranstalten w├╝rden, die einer anderen Religion angeh├Âren? W├╝rden die Vereinigten Nationen und internationale Organisationen das Thema dann auch auf ihrer Tagesordnung so weit nach hinten rutschen lassen? Nein! Wenn das Ziel Muslime sind, egal ob in Bosnien und Herzegowina, in Myanmar, Arakan oder mitten in Europa, ist ihr Schicksal ├Ąhnlich.

Ahmed Samir erz├Ąhlt von schrecklichen Ereignissen, die er in Arakan erlebt h├Ątte. G├Ąbe es die T├╝rkei nicht, w├Ąre die Welt m├Âglicherweise nie auf die Lage aufmerksam gemacht worden. Zudem betont Samir, dass die Arbeit der t├╝rkischen zivilgesellschaftlichen Organisationen in den Regionen sehr wichtig sei.

ÔÇ×Die T├╝rkei ist das Land, das sich der Muslime annimmt und um sie k├╝mmert, wann immer sie irgendwo auf der Welt Schwierigkeiten bekommen. Genau wie die T├╝rkei sich f├╝r Pal├Ąstina und den Libanon einsetzt, so bem├╝ht sie sich auch um uns. Wir glauben, dass ein Land wie die T├╝rkei in der umgekehrten Situation, wenn Muslime ein Massaker gegen Buddhisten ver├╝ben w├╝rden, dieselbe Reaktion auch zu Gunsten der Buddhisten zeigen w├╝rde. Denn die T├╝rkei bewertet alle Entwicklungen nach dem Ma├čstab der Menschlichkeit. Wir bedanken uns bei der T├╝rkei f├╝r ihre Aktivit├Ąten und ihre wertvollen Beitr├Ąge.ÔÇť

Ahmed Samir, wurde 1974 in Arakan geboren. Sein Gro├čvater Haji Motiver Rahman und sein Gro├čonkel kamen 1962 im Zuge eines Gefechts mit der burmesischen Milit├Ąrjunta ums Leben. Sein Vater wurde im selben Kampf schwer verwundet.

Nachdem sein Vater verwundet worden war, waren Samir und seine Familie gezwungen, nach Bangladesh zu emigrieren. Zu diesem Zeitpunkt war Samir f├╝nf Jahre alt. Sp├Ąter schaffte er es, seine Hochschulreife zu erwerben und in Bangladesch die Universit├Ąt zu vollenden, was ihm die Chance er├Âffnete, erfolgreich Karriere zu machen.

Im Jahre 1995 wurde Samir Generalsekret├Ąr der Partei ÔÇ×Ittihad Tullab al-Muslimin ArakanÔÇť, die von einer Gruppe aus Studenten gegr├╝ndet wurde, die zeitgleich mit seiner Familie vor der Junta nach Bangladesch geflohen waren. 1997 wurde Samir von seiner Partei in die T├╝rkei geschickt, um die Initiative ÔÇ×T├╝rkisch-Arakan-Muslimische FreundschaftÔÇť ins Leben zu rufen. Nach zwei Jahren Sprachtraining in der T├╝rkei kam Samir wieder zur├╝ck nach Bangladesch.

Derzeit ist er bei der Verwaltung der Organisation ÔÇ×Rohingya Solidarit├ĄtÔÇť und der Al-Najda-Stiftung t├Ątig. Gleichzeitig dient er als Berater in einer arakanischen Hilfsorganisation f├╝r Verfolgte und Fl├╝chtlinge. Er ist ein engagierter freiwilliger Held, der sich f├╝r Unterdr├╝ckten einsetzt.

Merva Orhan