„Ich verlor beide Beine, aber die Kälte rettete mir das Leben“

„Ein Gedanke! Resistent, hochansteckend! Wenn ein Gedanke einen Verstand erstmal infiziert hat, ist es fast unmöglich ihn zu entfernen. Ein Gedanke, der voll ausgeformt, vollkommen verstanden ist, der bleibt haften. Irgendwo da oben drin. Er kann dich aufbauen oder zerstören!“ – Leonardo DiCaprio

Yusuf, möchtest Du Dich mal vorstellen?

Ich bin , bin 23 Jahre alt und komme aus der Nähe von Frankfurt und hatte vor ein paar Jahren ein Zugunfall.

Was ist passiert?

Ich kann mich nicht mehr ganz genau daran erinnern. Die Polizei geht von unterschiedlichen Szenarien aus wie es passiert sein könnte. Eines davon ist, dass meine Hand sich in der Tür eingeklemmt hat und der Zug mich 500 Meter mitgeschliffen hat, deswegen auch diese Narben an der Hand und am Gesicht. Nach diesen 500 Metern hat mich der Zug dann erwischt und ich verlor beide Beine. Einmal oberhalb des Knies und einmal unterhalb.

Das hört sich sehr brutal an. Wann genau hat sich das Geschilderte zugetragen?

Der passierte 2010. Ich war 17. Es war im Winter, sehr früh am Morgen. Nach dem dauerte es über zwei Stunden, bis ich neben den Schienen aufgefunden wurde.

Du bist nicht verblutet?

Nein, der Winter und damit die Kälte stoppte die Verblutung und rettete mir das Leben.

Und dann warst Du erst einmal im Krankenhaus.

Ich wurde erst nach Aschaffenburg in die Klinik verlegt und dann später nach Frankfurt. Sie wollten mich in eine andere Klinik verlegen, aber da ich in großer Lebensgefahr schwebte, haben sie mich in die nächstgelegene Klinik gebracht. Dort lag ich erst einmal zwei Wochen im Koma. Insgesamt verbrachte ich sechs Monate im Krankenhaus. Ich war zu achtzig Prozent schon tot, die Ärzte hatten wenig Hoffnung. Die Ärzte sagten auch, wenn ich überleben sollte, dann mit Gehirnschaden oder totaler Lähmung. Allein das war eine schreckliche Erfahrung für meine Eltern und meine Familie.

Yusuf, trotzdem bist Du sehr lebensfroh und hinterlässt bei mir den Eindruck, dass Du persönlich gut mit der Situation zurechtkommst. Wie war der Moment, als Du nach dem Koma die Augen wieder öffnen konntest, was war das Erste, woran Du Dich erinnern konntest?

Als ich das erste Mal nach zwei Wochen Koma aufwachte und meine verstümmelten Beine sah, konnte ich mich an diesen Moment neben den Schienen erinnern, diesem einen Moment zwischen Leben und Tod. Dieser Moment hatte mir große Angst gemacht, ihm habe ich aber auch viel zu verdanken. Ich hatte nicht Angst um meine Beine oder dass ich jetzt sterbe, sondern, dass ich nicht mehr meine Familie sehen werde, und nicht die Menschen, die ich liebe. Das machte mir Angst. Sie war schrecklich. Meine Mutter ist alles für mich. Sie ist meine beste Freundin. Die Vorstellung, dass ich sie nicht mehr sehen werde, war unfassbar verstörend für mich. Und dann merkte ich, dass ich müde werde und einschlafe. Ich hatte Angst davor, nie wieder aufzuwachen und habe dann, bevor ich wieder einschlief, ein letztes Mal zu Gott gebetet.

Aber Du bist wieder aufgewacht!

Ja, als ich dann wieder endgültig aus dem Koma aufwachte, wusste ich erst nicht, wo ich war. Ich starrte die Decke an, es war dunkel. Nur das Piepen der Maschine durchbrach die Stille. Dann spürte ich das erste Mal so richtig, dass da unten etwas fehlte, es fühlte sich viel leichter an. Dann habe ich so geschaut und realisierte es: Die Beine waren nicht mehr da.

Für viele Menschen wäre das wohl ein Schock, von dem sie sich schwer erholt hätten. Viele Menschen hätten bei solch einem Unfall auch mit psychologischen Folgen zu kämpfen. Du hattest aber keinen Schock. Da war dieser Moment zwischen Leben und Tod.

Genau, ich war in dem Moment einfach nur noch dankbar dafür, dass ich überlebt hatte und meine Familie wieder sehen würde. Ich war einfach überglücklich darüber, dass ich die Menschen, die mich lieben und die ich liebe, wieder sehen würde. Ich empfand eine große Dankbarkeit. Nachdem ich aus der Intensivstation entlassen wurde, hatte ich die Möglichkeit, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich lehnte jedoch ab und wollte versuchen, selber damit klar zu kommen.

Du hast mal gesagt, dass Du an jenem Tag ein zweites Mal geboren wurdest.

In den ersten Tagen war es sehr schwer und ich konnte kaum atmen, nicht reden. Ich konnte mich schwer bewegen, so gut wie gar nicht. Die Ärzte kamen mir immer zu Hilfe. Aber da war dieser Moment, direkt, nachdem ich vom Koma erwachte. Dieser Moment zwischen mir und Gott. Es war ein Test von ihm, den ich zu bestehen hatte. Werde ich Dankbarkeit gegenüber ihm zeigen oder mich wegen meiner Situation aufgeben und in Depressionen und Wut stürzen…? Ich habe mich für ersteres entschieden. Ich habe zwar beide Beine verloren, aber nicht mein Leben… das ist wichtig.

Wie war die Zeit im Krankenhaus?

Es war ein Kraftakt. Mein Körper und die Bewegungen wurden im Laufe der Zeit wieder normal. Jedoch standen noch weitere vier Operationen vor mir. Die Wunden mussten geöffnet und wieder zugenäht werden, weil die Gefahr einer Infektion bestand. Es waren sechs Monate ohne Reha. Ich wollte so schnell wie möglich zu ‚meinem Leben‘ zurück und mit dem Alltag beginnen. Ich wusste, je länger ich im Krankenhaus bleibe, desto schlechter ist es für mich. Man ist abgeschnitten von der Außenwelt und ist mit fremden Menschen in einem Zimmer. Ich fühlte mich einsam und mir fehlte die Familie. Ich versuchte mich mit positiver Energie durchzukämpfen.

Yusuf, wie war es, als Du das erste Mal selbstständig vor dem Spiegel standest und Dich ohne Beine gesehen hast?

Beim ersten Mal habe ich mich aus meinem Rollstuhl aufgerichtet und habe mich einfach angesehen im Spiegel. Ich wollte mich daran gewöhnen. Ich wollte es realisieren, um zu wissen, wie das Leben weitergehen würde. Es ging eigentlich ganz gut. Ich konnte auch schon nach zwei Monaten Aufenthalt das erste Mal wieder für ein Wochenende das Krankenhaus verlassen, an dem Wochenende besuchte ich gar eine Hochzeit. Viele Menschen kamen zu mir und drückten mir gegenüber ihre Freude aus. Es war eine sehr herzliche Begrüßung und eine Atmosphäre, die mich sehr motivierte. Ich machte dann auch schon im gleichen Jahr dann mit der weiter und den Führerschein.

Du hast also mit Deinem ganz normalen Alltag weitergemacht und hast Dir keine Grenzen aufzeigen lassen. Welche Tipps hast Du für Menschen, die körperlich auch benachteiligt sind?

Ich muss sagen ich überrasche mich manchmal selbst. Bevor mir diese Sache passiert ist, hätte ich auch nicht erwartet, dass ich das so gut in den Griff kriege. Ich glaube die Menschen setzen sich selbst Grenzen auf, weil es ungewohnt ist. Alles im Leben ist relativ. Man darf sich nicht von bestimmten Situationen, Gegebenheiten, Größen oder Eigenschaften einschränken lassen. Kennst Du diese Kurzgeschichte mit dem Elefanten im Zoo?

Ja, aber erzähl mir die Geschichte. Ich höre sie immer wieder gerne.

Da ist ein Elefant im Zoo. Der ausgewachsene Elefant ist im Zoo angekettet. Dann kommt eine Familie und ein kleines Kind fragt den Vater, warum der Elefant sich nicht von der Kette befreit. Der Vater sagt ihm, dass er es schon in jungen Jahren versucht hat, sich zu befreien, aber damals noch zu jung war. Das kleine Kind will wissen, warum er es heute nicht mehr versucht. Er sei doch schließlich groß und stark, heute müsste das doch kein Problem für ihn sein. Der Vater sagt, dass er sich so sehr an die Fesseln gewöhnt hat, dass er nicht mehr daran glaubt, sich von den Fesseln zu befreien… Und genau so dürfen die Menschen nicht sein meiner Meinung nach. Nur weil du etwas nicht kennst oder irgendetwas in der Vergangenheit nicht konntest, heißt das nicht, dass du es auch heute nicht mehr kannst.

Begegnest Du auch Vorurteilen?

Also wenn ich mal zum Beispiel schlechte Laune habe, dann denken die Leute immer, dass es an meiner Beeinträchtigung liegt. Dabei ist es nicht so. Jeder Mensch hat mal einen schlechten Tag oder einfach keine Lust auf gar nichts. Das hat nichts mit meiner Beeinträchtigung zu tun. Das sind Vorurteile, das geht gar nicht. Es bringt mir nichts, weißt du.

Sabah abla, Du bist Yusufs Mutter. Es heißt, Mutterliebe sei die höchste Form der Liebe, die existiert. Ich weiß, dass es für jede Mutter der Welt ein unerträglicher Schmerz ist, sein Kind im Krankenhaus liegen und ums Leben zu kämpfen zu sehen. Wie hast Du den Unfalltag damals erlebt?

Ja, das stimmt, für keine Mutter der Welt ist das einfach. An dem Tag wollte ich mit meinem Mann zum Konsulat. An dem Tag war irgendwas in mir, was mich den ganzen Tag bedrückte. Dieses mit Worten nicht zu erklärende dumpfe Pochen. Mütter kennen dieses Gefühl sehr gut. Alle Mütter der Welt haben das. Irgendwas in mir sagte, dass etwas Schlimmes passieren würde. Irgendein Instinkt.

Mutterinstinkt.

Ja, an dem Tag hatte ich auch meinen Vater in meinem Traum gesehen. Der Tag, an dem der Unfall passiert ist, war auch der Todestag meines Vaters bzw. des Großvaters von Yusuf. Ich war den ganzen Tag sehr nervös und hatte weiche Knie. Ich hatte Yusuf öfters angerufen und er ging nicht ans Telefon. Yusuf ging eigentlich immer ans Telefon. Dann rufte sein Freund mich an und zwar mehrmals hintereinander. Er hielt sich sehr zurück und machte nur Andeutungen, was passiert ist. Man sagte mir, Yusuf sei im Krankenhaus in Aschaffenburg. Als ich erfuhr, was passiert war, vergoss ich keine Träne. Ich stand unter Schock. Ich konnte es irgendwie nicht . Ich war wie gelähmt und war geistig nicht mehr anwesend. Mein Mann redete mit den Ärzten und stand auch unter Schock. Die Ärzte sagten, die ersten drei Tage würden darüber entscheiden, ob mein Sohn überlebt oder nicht. Mein Mann konnte mir aus Angst keine Details sagen.

Mein Sohn hat beide Beine verloren. Ich kann damit leben, es ist nicht leicht für mich, aber ich kann damit leben. Aber nicht mit dem Tod meines Kindes. In dem Moment war mir nur noch einfach alles egal in meinem Leben. Ich wollte nur noch, dass mein Kind überlebt. Ich wollte einfach nur noch mein Kind in meinen Armen haben. Ich danke Gott dafür, dass er mir dieses Gefühl wieder ermöglicht hat.

Yusuf, ihr habt gegen die Bahn geklagt.

Wie gesagt, ich erinnere mich an fast gar nichts mehr. Meine Freunden sagen heute, dass ich an dem Tag kränkelte und oft auf die Toilette musste. Ich wollte im Zug auf die Toilette. Und bei uns in der Gegend war es so, dass in den Zügen die Toiletten immer abgeschlossen waren. Auch an jenem Tag war es so. Die haben sie immer abgeschlossen, damit sich keine Schwarzfahrer darin verschanzen oder sonst etwas. Und der Zug ist laut meinen Freunden eine halbe Minute vor der planmäßigen Abfahrt losgefahren. So steht es auch in den Protokollen. Und an der nächsten Station hätte der Zug zwei Minuten warten sollen. Auch das hat er nicht getan. Mit dem Wissen muss ich auch ausgestiegen sein, um auf die Toilette zu gehen. Meine Freunde sind dann davon ausgegangen, dass ich den Zug verpasst habe. Der Schaffner hat auch nicht geguckt, ob da jemand ist oder nicht. So ist der Zug einfach weitergefahren, als wäre nichts gewesen.

Und einer der Zugführer hat Dich beim Vorbeifahren dann aufgefunden?

Ja.

Dann lag das also an der Inkompetenz der Mitarbeiter der Deutschen Bahn?

Ja. Siehst du, wir befinden uns schon seit Jahren gerichtlich im Kampf mit der Deutschen Bahn. Sie wollen keine Schuld auf sich nehmen und holen sich natürlich die besten Anwälte des Landes. Ist ja klar, das Geld dafür haben sie ja. Sie sagen zum Beispiel, es sei nicht ihre Pflicht die Toiletten den Passagieren zur Verfügung zu stellen. Sie sagen sie wären dazu nicht verpflichtet. Oder die Unfähigkeit der Mitarbeiter an dem Tag, nichts von dem wollen sie wahrhaben. Die Verhältnisse in unseren Zügen sind absolut katastrophal seit ich denken kann. Es gibt Gutachten. Sie haben auch für die Gutachten eigene Gutachter mitgebracht, es waren also keine neutralen Gutachter. Es gibt Prozesse, die absichtlich hinausgezögert werden. Man versucht der Verantwortung zu entkommen. Ich schreibe Mails und man weicht mir aus und versucht mich hinzuhalten. Meine Mutter sagte mir auch immer, dass sie das mit Absicht machen. Sie wollen mir dir Hoffnung rauben. Aber ich kann ja schlecht aufgeben und bleibe am Ball. Ich glaube die nehmen mich auch nicht ernst. Glauben, dass sie nichts zu befürchten haben wegen meines Migrationshintergrunds. Es hat fünf Jahre gedauert bis zur ersten Gerichtsverhandlung! Da sind 116 Sitzplätze und 260 Schüler fahren jeden Morgen mit. Hast du diesen Fall in Berlin mit dem jungen Mädchen vor ein paar Wochen mitbekommen? Die, die auf die Gleise geschubst wurde?

Ja.

So etwas ist einfach nur schrecklich. Das hat jetzt nichts mit meinem Fall zu tun. Aber du weißt, worauf ich hinaus will.

Natürlich. Hast Du Dich mal mit anderen Medien in Kontakt gesetzt?

Ja, habe ich, aber die meisten haben sich zurückhalten. Ich vermute mal aus Angst. Sie sagten sie könnten die Sache nicht veröffentlichen aus rechtlichen Gründen und so weiter. Was ich überhaupt nicht verstehen kann. Ist es nicht die Aufgabe von Journalisten auf Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen? Aber ich möchte, dass anderen Menschen in Zukunft kein Leid angetan wird und sie ohne Gerechtigkeit da sitzen und einfach mit diesen Dingen leben müssen. Es ist unfassbar, welch kaltblütiges Verhalten die an den Tag legt.

Du bist gleichzeitig auch Model.

Ja, wer hätte das gedacht (lacht). Ich habe einen Vertrag mit einer Model-Werbeagentur in Berlin.

Yusuf, willst Du unseren Lesern noch gerne etwas sagen?

Was genau meinst du?

Sag einfach das, was Dir auf dem Herzen liegt.

Du meinst so wie in den Hollywoodfilmen? (lacht)

Ja, genau so wie in den Hollywoodfilmen.

Also, ich möchte nicht nur den behinderten Menschen beweisen, sondern allen anderen auch, dass der Geist das Leben bestimmt und man mit Disziplin und Ehrgeiz seine Ziele erreichen kann. Das Leben besteht nicht daraus, was dir zustößt, sondern wie man darauf reagiert. Ertrage geduldig, was dich auch treffen mag. Das ist wahrlich eine Stärke in allen Dingen und die besten Dinge geschehen eben nur, wenn man nie aufgibt. Nicht alles ist so absurd, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Klar mag es schwer sein, sich sofort auf solch eine Situation positiv einzustellen, aber solch eine Situation kann dich auch positiv verändern. So etwas wie hoffnungslose Situationen gibt es nicht. Jeder einzelne Umstand in unserem Leben kann sich wandeln. Ich bin der Beweis dafür, ich habe mein Unglück nicht als Unglück bezeichnet, sondern sah den Unfall als eine neue Chance. Man kann viel mehr aushalten und leisten als man sich das vorstellen kann. Es ist dein Verstand, den du überzeugen musst. Am Ende wirst du das erreichen, woran dein Verstand glaubt. Es beginnt im Kopf. Deine Einstellung ist dein Schicksal. Der wichtigste Punkt, um im Leben Erfolg zu haben: Geduld, denn nur Geduld macht erfolgreich, gesund und zufrieden, weil die stärksten Menschen auch die sind, die nicht aufgeben, wenn es mal schwierig wird.

Yusuf, das hast Du besser gemacht als ich erwartet habe.

(lacht). Kein Problem, immer wieder gerne.