„IFLC 2017 – Jetzt erst recht!“

Das Internationale Sprach- und Kulturfestival (IFLC) ist die größte internationale Veranstaltung der Hizmet, besser bekannt als die Gülen-Bewegung. Seit 2014 dürfen die „Kinder der Welt“ nicht mehr in der Türkei auftreten. Die AKP-Regierung sieht in ihnen eine politische Bedrohung, weil das Festival von der weltweit aktiven Hizmet-Bewegung getragen wird. Staatspräsident Erdogan beschuldigt die Bewegung rund um den muslimischen Gelehrten damit hinter dem Putsch zu stecken. So findet die Veranstaltung dieses Jahr bereits zum vierten Mal in Deutschland statt. Heute Abend findet das Finale in Badem-Württemberg statt und am Donnerstag mit einer Abschlussveranstaltung in Bochum, in NRW.

In den vergangenen Jahren hat sich Deutschland zu einem beliebten Austragungsort entwickelt: Vergangenes Jahr führten die jungen Talente ihre künstlerischen Fähigkeiten vor etwa 10 000 Gästen aus ganz Europa vor. Zudem war die Eurovision Siegerin Jamala als Überraschungsgast auf der Bühne und trug ihr ESC Winner-Lied „1944“ vor. Das Deutsch-Türkische Journal sprach mit Genc Osman Esen, Vorsitzender des nordrhein-westfälischen Hizmet Dachverbandes „Verband Engagierte Zivilgesellschaft in NRW“ (kurz: VEZ NRW), dem NRW Partner des internationalen Sprach- und Kulturfestivals, über die heutige Veranstaltung in Stuttgart und die Veranstaltung in Bochum am kommenden Donnerstag und darüber, wie sich das Verbot der türkischen Regierung auf das Festival ausgewirkt hat.

DTJ: Herr Esen, wie groß ist die Vorfreude und wie hoch der Zuspruch, den Sie erfahren?

Genc Osman Esen: Die Vorfreude ist riesig. Die Tickets für das Internationale Sprach- und Kulturfestival (IFLC) sind ja schon seit Wochen ausverkauft. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind vorbereitet. Wir freuen uns sehr und sind gespannt. Es ist jedes Jahr eine große Herausforderung.

Was erwartet die Besucher denn im Vergleich zu vorherigen Jahren?  

Dieses Jahr ist die größte Entwicklung, dass die Veranstaltung überhaupt stattfindet. Wir haben lange überlegt, ob wir die Veranstaltung trotz der schwierigen politischen Lage und dem Druck, der auf alle Beteiligten in unterschiedlicher Form lastet, überhaupt durchführen können. Aber alle, die diese Veranstaltung lieben und gerne daran teilnehmen haben uns mit zahlreichen Nachrichten überflutet. Es handelt sich hierbei um ein Festival, bei der Kinder aus aller Welt zusammen kommen, singen, tanzen und sich gemeinsam freuen. Es ist etwas jenseits aller politischen Diskussionen. Deshalb dachten wir uns in diesem Jahr das Motto aus: „Vielfalt leben – Jetzt erst recht“. Wir haben alles ehrenamtliche gebündelt und diese Veranstaltung auf die Beine gestellt. Vor allem für die Kinder. Auch in diesem Jahr gibt es ein volles Programm. Aber wir haben natürlich abgespeckt. Dieses Jahr treten 70 Kinder aus 20 Ländern auf. Im vergangenen Jahr waren es deutlich mehr. Aber 20 Länder werden durch die Hoffnungsträger für eine friedliche Zukunft, den Kindern präsentiert und repräsentiert. Viele Choreografien wurden einstudiert.

Seit die Veranstaltung aus der Türkei verbannt wurde, ist sie nun zum vierten Mal in Nordrhein Westfalen. Spielen bei der Wahl des Standortes die vielen Türken in NRW eine entscheidende Rolle?

Die Auswahl des Standortes hat weniger mit der türkischen Community zu tun, als vielmehr mit den geeigneten Standorten. Im letzten Jahr war es das ISS Dome in Düsseldorf. Davor waren wir in der Westfalenhalle in Dortmund. Wir möchten da auch ganz klar unsere Linie beibehalten und sagen: Wir sprechen nicht nur die türkische Community an. Es ist für uns wichtig, dass sich bei diesem Programm alle Nationen, alle Länder weltweit zuhause fühlen, eben gerade diesen interkulturellen Austausch miterleben können und vielleicht sogar ihre eigene Kultur auf der Bühne wiederentdecken. Deswegen ist es uns wichtig, dass sich alle eingeladen fühlen.

Sie durften zwei Jahre in Folge auf die politische Unterstützung der Landesregierung in NRW zählen. Vor zwei Jahren war Hochschulministerin Svenja Schulze (SPD) die Schirmherrin der Veranstaltung und im vergangenen Jahr war es Rainer Schmeltzer (SPD), der Minister für Arbeit, Integration und Soziales in NRW. Nun wurde und wird ihnen vorgeworfen, sich zu sehr an die Politik anzulehnen, in der Türkei haben Sie damit ja schlechte Erfahrungen gemacht. Der türkische Präsident Erdoğan hatte die Veranstaltung, damals noch als Ministerpräsident, ebenfalls unterstützt, sie dann aber aus dem Land verbannt, nachdem es zu einem politischen Konflikt kam. Sollte man da nicht lieber vorsichtig sein, die Politik mit ins Boot zu holen? 

Wieso? Auch auf diesem Wege möchte ich mich nochmals für diese Unterstützung, die wir seit Jahren von der Politik, von Vereinen, von den Menschen bekommen, bedanken. Das ist auch ein Zuspruch für die Veranstaltung. Die Frage, ob wir da Bedenken haben, dass sich das irgendwann drehen könnte, kann ich eigentlich getrost verneinen, weil wir die Unterstützung bekommen, weil wir einen wichtigen Beitrag für den Weltfrieden leisten. Wir machen uns in Deutschland ja alle miteinander Gedanken darüber, ob wir im Umgang mit kultureller und religiöser Vielfalt alles richtig machen.

„Die Kinder und Jugendlichen kommen mit der Botschaft, dass eine andere Welt möglich ist.“

Der aktuelle Anlass dafür ist die Flüchtlingspolitik. Wie die gemeinsame Zukunft von Menschen aus verschiedenen Ländern gestaltet werden kann, ist eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit. Insofern haben wir da eigentlich keine Bedenken, dass uns irgendjemand hier in Deutschland in den Rücken fällt, wie es in der Türkei leider Gottes passiert ist. Wir sind weiterhin von dem überzeugt, was wir machen, und dass wir dadurch einen großen Beitrag für das friedliche Zusammenleben leisten. Daher bekommen wir ja auch nicht nur Zuspruch in Deutschland, wo wir für die Kinder der Welt ein neues Gastland gefunden haben, sondern weltweit. Letztes Jahr haben wir öffentlich die Unterstützung von ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama genossen, der eine ganz tolle Grußbotschaft an unsere Veranstaltung in Washington D.C. gesendet hatte. Wir hatten in Deutschland Grußbotschaften von Kanzlerkandidat Martin Schulz von der SPD und eine Grußbotschaft von Bundesinnenminister Thomas De Maizière von der CDU. Wir sind insgesamt sehr zuversichtlich, dass sich das Friedensprojekt auch in der Zukunft gut weiterentwickeln und der Zuspruch zunehmen wird. Die Türkei ist da ein Sonderfall und steht mit dieser Haltung weltweit ziemlich alleine da.

Wie wird ihr weltweiter Erfolg in der Türkei wahrgenommen?

Wie das in der Türkei aufgenommen wurde, weiß ich nicht. Wenn ein Land – und es ist ja nicht irgendein Land, sondern das Herkunftsland der Veranstaltung – solch ein wichtiges Projekt, das für Zusammenleben, Toleranz und Verständigung unter den Völkern wirbt, verbannt, ist das natürlich gleichzeitig traurig und höchst bedenklich. Wir hoffen und gehen auch davon aus, dass eben nicht die ganze Bevölkerung in der Türkei so denkt, sondern dass das momentan ein politischer Ausnahmezustand ist. Wir hoffen, dass sich das in Zukunft wieder legen wird.

Auch im europäischen und im nordrhein-westfälischen Parlament wurden in den vergangenen Jahren Kinder des IFLC empfangen und auch  bei vielen Bürgermeistern und Oberbürgermeistern von zahlreichen Städten. Welchen Eindruck hinterlassen die Kinder an diesen Orten?

Diese Kinder waren sehr oft Gäste bei Politikern, unterschiedlichen Vereinen, wo sie ihre Kulturen präsentieren konnten. Dort haben sie beispielsweise kurze Musikstücke oder Tanzeinlagen aufgeführt, um damit Dank zu zeigen, dass sie hier sein können und wir als IFLC Deutschland sie hier begrüßen können. Das ist, wie ich finde, eine ganz tolle Geste der Willkommenskultur. Wir sehen auch, dass sich das von Jahr zu Jahr steigert. Viele freuen sich auch darüber, dass die Veranstaltung wieder in Deutschland stattfinden kann und die Kinder zeigen können, welche Botschaften sie aus ihrer Heimat mitbringen. Diese Kinder stehen für eine andere Welt. Wir gehen ja durch eine Zeit, in der weltweit Terror und Krieg das Zusammenleben gefährden. Die Kinder und Jugendlichen kommen mit der Botschaft, dass eine andere Welt möglich ist. In diesem Sinne machen diese Kinder Werbung für den Weltfrieden und für ein friedliches Miteinander von Kulturen und Religionen.

Ist das nicht ein zu ambitioniertes Ziel?

Wieso? Ist es nicht die Aufgabe jedes Einzelnen von uns, sich Gedanken darüber zu machen, wie wir die Welt von Krieg und Terror befreien können? Ich denke, dass wir dazu einen großen Beitrag leisten, da Tausende von Kindern und Jugendlichen am Anfang ihres Lebens mit unterschiedlichen Kulturen, unterschiedlichen Lebensarten in Berührung kommen. Dadurch können sie andere andere Lebensweisen früh kennen und schätzen lernen. Wir wissen alle, wie wichtig das für das Gemeinwohl ist. Deswegen glaube ich, dass genau solche Veranstaltungen dem interkulturellen Austausch dienen. Kinder sehen, wie andere Menschen leben, denken und fühlen und sie sind während dieser Phase mittendrin statt nur dabei.

Das war in den letzten Jahren immer eine rührende Angelegenheit und wir werden sicherlich auch dieses Jahr wieder erleben, wie die Kinder sich am Ende des 29. Juni in die Arme fallen und weinen, weil sie sich von den neuen Freunden trennen müssen und wieder in die Heimatländer zurückkehren.

Es kommen ja auch Kinder zusammen, die aus rivalisierenden oder gar befeindeten Ländern kommen. Sind diese Beziehungen vorbelastet? 

Nein, überhaupt nicht. Das ist eine weitere Seite des IFLC, die es nochmal besonders zu unterstreichen gilt. Wir sind total begeistert, dass diese Kinder hierher kommen und das alles miteinander auf die Beine stellen. Das Format ist bei uns nicht, dass jedes Land einzeln ins Rennen geht, sondern dass alle Kinder zusammen etwas fantastisches auf die Beine stellen. Da gibt es überhaupt keine politischen Barrieren, sondern die Kinder sind glücklich, dass man sich anderen Kindern und Kulturen anvertraut. Dabei tauschen sie auch Meinungen aus, weswegen so viele Freundschaften entstehen.