72,5% der Einwanderer in den USA sind Latinos

Immer mehr Hispanics entdecken den Islam

In den USA war der Islam bis dato vor allem in der afroamerikanischen Community und unter Einwanderern aus arabischen oder südasiatischen Staaten bedeutsam. Mittlerweile konvertieren aber zunehmend auch ursprünglich katholische Latinos. (Foto: ap)

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„Viele Einwanderer sind alleine hier“, erklärt Nahela Morales den Besuchern in ihrem Büro des Islamic Center of North America in New Jersey, „Latinas fühlen sich vom Islam angezogen, weil sie sich schnell zugehörig fühlen. Wenn sie in die Moschee kommen und die lächelnden Gesichter sehen, fühlen sie sich willkommen“.

Die gebürtige Mexikanerin Nahela Morales ist hauptberufliche Angestellte für das Projekt WhyIslam, sie hat die Aufgabe, Menschen in spanischer Sprache Informationen über den Islam zu geben und Fragen zu beantworten.

Das Projekt WhyIslam berichtet in seinem Jahresbericht für 2012, dass bereits 19% all jener 3.000 Menschen, die im letzten Jahr zum Islam konvertiert sind, aus der hispanischen Community stammen. 55% von ihnen wären Frauen. Wie bereits die 2011 durchgeführte, US-weite Umfrage in 524 Moscheen des Landes ergab, hat die Zahl von Frauen, die Muslime geworden sind, seit 2000 um 8% zugenommen, 12% aller Konvertierten des Jahres 2011 waren Latinos.

Experten führen die Entwicklung auf ein Zusammenrücken der Einwanderercommunities zurück. In den urbanen Nachbarschaften von Bundesstaaten wie Kalifornien, Texas, Florida, New York oder Illinois leben Latinos und Muslime Tür an Tür. 72,5% der Einwanderer in den USA kommen aus der hispanischen Community. In diesen fünf Ländern ist aber auch der Islam am weitesten verbreitet, es befinden sich dort die meisten Moscheen und muslimischen Gemeinden der USA.

Wilfredo Ruiz, ein gebürtiger Puerto Ricaner, der 2003 den Islam angenommen hat, arbeitet als Anwalt und politischer Analyst mit Schwerpunkt auf der islamischen Welt. In seiner Freizeit arbeitet er mit mehreren gemeinnützigen Organisationen wie der American Muslim Association of North America (AMANA) und als Imam seiner lokalen Moschee im Süden Floridas. Er kann insbesondere die Aussage bestätigen, wonach mehr Frauen als Männer konvertieren.

Strikter Monotheismus und dezente Kleidung als Trümpfe

Eingewanderte Latinas, erklärt Ruiz, fühlen sich sowohl in Lateinamerika als auch in den USA oft ausgenutzt. Er hat den Eindruck, der höhere Stellenwert, der Frauen im Islam zukommt und die sittsame Art der Kleidung werden als einfühlsame Alternative wahrgenommen. „Ich habe von vielen Latina-Frauen gehört, dass sie Schutz suchen, und diesen Schutz und den Respekt, den sie sich wünschen, finden sie im Islam“, so Ruiz.

Der Geschäftsführer der Latino-Amerikanischen Dawa Vereinigung und Autor des Buches „Latino-Muslime: Unsere Wege zum Islam“, Juan Galvan, glaubt auch, dass es ein spezifisch religiöser Aspekt ist, der lateinamerikanische Einwanderer am Islam anspricht, nämlich das profunde Verständnis von Monotheismus.

„Die meisten zum Islam konvertierten Latinos hatten persönliche Erfahrungen gemacht mit Muslimen und sich so der Religion angenähert“, meint Galvan. „Diese Muslime waren Freunde, Bekannte, Klassenkameraden, Arbeitskollegen, Arbeitgeber, Ehepartner oder andere. Indem ein Nichtmuslim mit Muslimen interagiert, erfährt er erstmals etwas über das islamische Verständnis vom Monotheismus“.

Dadurch, dass der Islam die Einheit Gottes betont, übt er gerade auf Katholiken, die aus einer stark monotheistischen Überzeugung heraus Zweifel an den komplexen Lehren ihrer Kirche entwickeln, welche neben der Trinitätsvorstellung auch noch zahlreiche Heilige und Wundertäter als Mittler zwischen Gott und Mensch kennt, sogar noch größere Anziehung aus als der Protestantismus. „Während der Protestantismus immerhin weniger Mittler zwischen Gott und den Menschen als der Katholizismus kennen mag, kommen Latinos zum Islam, weil sie an ein Gotteskonzept glauben, das Gott als den Größten und Mächtigsten anerkennt, der deshalb so etwas nicht benötigt“, so Galvan, der als Amerikaner mit mexikanischer Herkunft Muslim geworden ist.

Der Islam hat in den USA eine lange Tradition

Unter den Hispanics, ihres Zeichens die am stärksten wachsende Bevölkerungsgruppe in den USA, war der Islam bislang kaum verbreitet. In den USA sind 0,8% der Bevölkerung Muslime. Die ersten Spuren des Islam in den Vereinigten Staaten lassen sich jedoch schon bis zu deren Anfängen zurückdatieren, als durch Sklaverei die ersten afrikanischen Muslime in die Südstaaten kamen.

Der Mitautor der US-Unabhängigkeitserklärung und spätere Präsident John Adams bezeichnete in seinem 1776 erschienenen Buch „den Propheten Mohammad gemeinsam mit Konfuzius, Zoroaster und Sokrates als „besonnenen Sucher der Wahrheit“.

Im Bürgerkrieg kämpfte Muhammad Ali ibn Said, auch bekannt als Nicholas Said, der 1860 als Sklave eines arabischen Herrn in die Staaten gekommen war, im 55. farbigen Regiment von Massachusetts in der US-Armee und stieg dort zum Sergeant auf.

1906 gründeten bosnische Muslime in Chicago, Illinois die „Gutwillige Gesellschaft“ als erste eingetragene muslimische Gemeinde der USA. Ein Jahr später riefen Lipka-Tataren aus Polen die „Amerikanische Mohammedanische Gesellschaft“ in New York City. 1915 erbauten albanische Einwanderer in Biddeford, Maine, die erste Moschee auf amerikanischem Boden. Bis heute existiert dort ein islamischer Friedhof. 1934 wurde eine Moschee in Cedar Rapids, Iowa, eingerichtet. 1945 beherbergte die Moschee von Dearborn, Michigan, die größte arabisch-amerikanische Gemeinde in den Staaten.

In den 60er-Jahren gewann die bereits 1930 gegründete „Nation of Islam” innerhalb der afroamerikanischen Community an Bedeutung. Allerdings war sie unter Mainstream-Muslimen wegen ihrer sehr unislamischen Betonung von Rassenfragen und wegen ihrer antichristlichen und antisemitischen Lehren wenig angesehen. Bekannte Exponenten wie der bekannte Schwarzenführer Malcolm X und der spätere Boxweltmeister Cassius Clay (Mohammad Ali) verließen die NOI und schlossen sich dem sunnitischen Islam an.

Derzeit sind in den USA noch 34% aller Muslime südasiatischen Ursprungs, meist aus Bangladesch, Pakistan oder Indien, 26% sind arabische Amerikaner, 25% Afroamerikaner. (PRI – Public Radio International/dtj)