Innenhof der gemeinsamen Nenner

Jedes Zeitalter hat eine Seele. Die Deutschen nennen es ‚Zeitgeist‘, das soziale Klima der Gegenwart. Der sich in der Erde, Luft und Wasser spiegelnde menschliche Kern. Die türkische Gesellschaft verlässt ihre alten Gewohnheiten und ist dabei, neue Wege zu gehen und verschiedene Zukunftsmodelle zu entwerfen.

Manche werden es erst sehr spät einsehen, aber in der Türkei hat definitiv ein neues Zeitalter begonnen. Das lässt sich ganz gut an der südtürkischen Provinz Antiochia verdeutlichen, wo Muslime, Christen und Juden, die in Antiochia friedlich zusammenleben, den „Chor der Zivilisationen“ ins Leben gerufen haben (Foto).

„Die sich in den gleichen Innenhof öffnenden Türen“ ist eine Metapher, die sich auch in der Architektur Antiochias wiederspiegelt. Ich war dort. In seinem Haus ist jeder sein eigener Herr; er glaubt an das, was er glauben will, liebt das, was er als liebenswert empfindet. Diese persönlichen Vorlieben münden beim Öffnen der Haustür dann aber in einen gemeinsamen Innenhof. Ab diesem Zeitpunkt stehen nun die Gemeinsamkeiten im Mittelpunkt. Freud und Leid werden miteinander geteilt und das Teilen vermehrt die Freude und lindert das Leid. Die Gesellschaft respektiert die Individualität und schafft somit Raum für Ausgewogenheit und sozialen Frieden.

Der faszinierende Reichtum der antiochischen Küche ist wohl das Ergebnis dieser Respektkultur. Die Türkei ist eine Brücke zwischen Asien und Europa. Antiochia hingegen ist eine schmale Brücke, der einen ganzen Kontinent in den Nahen Osten trägt – die einzige Brücke.

Wird es auf dieser Brücke, auf dem erbitterte Kämpfe stattfinden, jemals einen Sieger geben?

Wir kommen aus einer politischen Kultur, die, um alles gewinnen zu können, bereit ist, alles zu verlieren. Es ist eine Art der Politik, die meistens keine Grenzen kennt. Die Verlierer in diesem Kampf verlieren womöglich alles. Die Gewinner jedoch können niemals alles haben. Dieses Politikverständnis erlaubt es nur denjenigen zu überleben, die nach dem Grundsatz „Lieber klein, als dein“ handeln. Somit wird die Mehrheit zum großen Verlierer, und es gibt nur einige wenige Gewinner. Daher ist es umso wichtiger zu lernen, wie man partizipiert. Wenn man seine Türen öffnet, in den gleichen Innenhof eintritt und am gemeinsamen Leben teilhat, nimmt das Leben eine Form an, die der Köstlichkeit der antiochischen Küche in nichts nachsteht.

Die Türkei lässt eine dunkle Zeit der Gewalt, Intrigen, Ängste und Bedrohungen hinter sich. Es beginnt eine Zeit, in der Vernunft, gesunder Menschenverstand, gegenseitiges Vertrauen und ein friedliches und respektvolles Miteinander Einzug halten.

Antakya mit seiner pluralistischen urbanen Kultur hat sich in der Vergangenheit kein einziges Mal der Brutalität und Feindschaft ergeben. Nicht Wut und Hass waren die Motivationen des Handels, sondern die Vernunft. Deswegen ist es den Provokateuren nie gelungen, sich in dieser Region zu etablieren. Diese Menschen haben ihre Tür, die sich in den Innenhof öffnet, nicht geschlossen und dem Terror das Feld überlassen.

Wir benötigen einen Innenhof, zu denen alle Zugang haben. Das Leben spielt sich in diesem Innenhof der gemeinsamen Nenner ab. Die Ängste in den eigenen vier Wänden können nur durch diesen Innenhof der gemeinsamen Nenner zu Staub verkommen. Dialogbereitschaft ist der erste Schritt hierfür.

Der Zeitgeist ändert sich. Jede Veränderung und jeder Übergang hat auch seine Schwierigkeiten. Die alten Gewohnheiten abzulegen und sich an das Neue zu gewöhnen ist nicht einfach. Die Fäuste müssen sich lösen und die Hände in Freundschaft ausgestreckt werden.

Nur ohne Waffen wird es uns gelingen, dann können wir Wut, Gewalt und Hass auch hinter uns lassen. Bislang haben wir lediglich durch das winzige Schlüsselloch in den Innenhof geblickt und versucht, die Dinge einzuordnen. In diesem Innenhof der gemeinsamen Nenner ist für jeden Menschen und jeden Glauben genügend Platz vorhanden.

Mümtaz‘er Türköne, Politikwissenschaftler, ist Autor mehrerer Bücher (u.a. Islamismus als politische Ideologie, Türken- und Kurdentum, Modernisierung und Laizismus). Er gilt als guter Kenner und Kritiker der politischen Rolle des türkischen Militärs. Er ist Kolumnist bei Zaman.