Kalifat, Kommunismus und Kontinuitäten: Das zweifelhafte Genie Atatürk

Wenn es einen einzigen Türken gibt, über den eigentlich kaum noch etwas Neues gesagt werden kann, dann ist das wohl Atatürk. Werke über beinahe jedes Detail seines Lebens gibt es zuhauf, weswegen man vollkommen zurecht kritisch sein sollte, wenn schon wieder eine Biografie über ihn erscheint. Wozu also noch ein Buch über Atatürk?

Mehmet Şükrü Hanioğlu hat es aber tatsächlich geschafft, ein Buch über den – wortwörtlich – sagenumwobenen Gründungsvater der Türkei zu schreiben, das man so noch nicht gelesen hat.

Anders als der pathetische deutsche Titel „Atatürk – Visionär einer modernen Türkei“ vermuten lässt, hat der in Princeton lehrende Professor für spätosmanische Geschichte weder ein weiteres Verehrungswerk, noch ein Hasspamphlet gegen den Republikgründer geschrieben. Der englische Titel „Atatürk – An Intellectual Biography“ trifft den Inhalt ohnehin deutlich besser: Hanioğlu nähert sich dem Leben Atatürks nicht über eine Darstellung seines Schaffens als Offizier und Politiker, sondern beschreibt und seziert die geistige Entwicklung Mustafa Kemals, sein Weltbild, seine politischen, religiösen und philosophischen Ansichten.

Die „wortmächtige Herrschaft der sinnentleerten Phrasen“

So beginnt das Buch auch mit einer Bestandsaufnahme des „Kemalismus in einer postkemalistischen Türkei“, in der Hanioğlu mit der konstitutiven Ideologie des türkischen Staates hart ins Gericht geht. Dass es der Kemalismus als „einzige der großen Nachkriegsideologien“ geschafft hat, sich ins 21. Jahrhundert zu retten und den „immer neuen Wellen der politischen Umwälzungen“ standzuhalten, liegt ihm zufolge weniger in einer etwaigen Genauigkeit seiner Annahmen begründet, als vielmehr im Gegenteil, nämlich seiner „pragmatischen Natur und der daraus resultierenden Affinität zur umfassenden Revision.“

Was er damit meint? Durch die vielen Aspekte kemalistischer Ideologie und die vielen, teils widersprüchlichen Standpunkte, die Mustafa Kemal im Lauf seines ereignisreichen Lebens vertreten hat, bieten sich für beinahe jede ideologische Ausgangslage Anknüpfungspunkte. Deshalb spricht Hanioğlu nicht von dem Kemalismus, sondern davon, dass Mustafa Kemals politische Karriere „mit ihrem großen Pragmatismus“ genügend Stoff geboten habe „zur Konstruktion unterschiedlicher Kemalismen, in denen der ‚Vater der Republik‘ wahlweise als Sozialist, Islamist, Nationalist oder Aufklärer, als Bewahrer oder Zerstörer des Kalifats auftreten darf.“

Was dabei zwangsläufig auf der Strecke bleiben muss, ist die Konsistenz der Ideologie. Stattdessen bescheinigt er dem kemalistischen Diskurs der Vor-AKP-Ära, eine „reine Logokratie“ zu sein, eine „wortmächtige Herrschaft der sinnentleerten Phrasen“. So widersprüchlich das im ersten Moment klingen mag, hat Hanioğlu zufolge gerade das dazu geführt, dass sich die vermeintliche Staatsideologie quer durch alle Gesellschaftsschichten halten konnte. Zu ihren eigenen Gunsten war sie „ohne Substanz, aber mit einer überwältigenden Akzeptanz in der Bevölkerung, die eine vage – und dadurch umso konsensfähigere – Bindung“ an sie verspürte. Allein diese Bestandsaufnahme – hier nur grob skizziert, im Buch natürlich detaillierter und gut begründet – dürfte nicht wenigen stolzen Kemalisten schon sauer aufstoßen. Schließlich ist Atatürk auch heute noch in weiten Teilen der türkischen Gesellschaft ein mythisch verklärter Übervater, dessen Erbe als unantastbar gilt.

Umso mehr trifft es zu, wenn Hanioğlu schreibt, dass „jeder ernsthafte Historiker, der sich mit dem historischen Atatürk auseinandersetzen möchte, sich zunächst erstmal als Mythenkritiker betätigen muss, um den Gegenstand seiner Forschung konsequent historisieren (…) und (…) kontextualisieren zu können.“ Und genau das tut er.

Der langsame Untergang des Reiches als Inspirationsquelle

Zu Anfang gibt der Geschichtsprofessor einen Einblick in die Lage des Osmanischen Reiches zum Ende des 19. Jahrhunderts und illustriert dies hervorragend am Sozialgefüge von Mustafa Kemals Geburtsstadt. So sehr Selânik, dem heutigen Thessaloniki, dabei als einziger europäischer Großstadt mit einer jüdischen Bevölkerungsmehrheit eine Sonderrolle zukommt, so sehr steht es symbolisch für die Misere des im Untergang befindlichen Imperiums. Nach und nach wird es vom – ursprünglich europäischen – Geist des Nationalismus und dem daraus erwachsenden ethnischen Separatismus zerfressen, der mit Unterstützung der Kolonialmächte noch zu deren Vorteil instrumentalisiert wird.

Die Machthaber in der Hohen Pforte versuchen währenddessen vergebens, ihr morsches Reich zu konsolidieren, indem sie es modernisieren, und greifen dabei nicht nur auf die tatkräftige Hilfe ihres westlichen Verbündeten in Berlin zurück, sondern auch auf westliche Ideen. Dabei räumt Hanioğlu fast nebenbei mit einer falschen Vorstellung auf, die sich heute sowohl in der Türkei als auch in Europa hält: Er sieht keinen inhärenten Widerspruch zwischen „dem Westen“ und dem Osmanischen Reich. Vielmehr betont er, dass „das Osmanische Reich (im Gegensatz zur heutigen Türkischen Republik) ein in gleichem Maße europäisches wie asiatisches Staatsgebilde war.“ Über Jahrhunderte lebten mehr osmanische Untertanen in Rumelien, als im Rest des Reiches. „Es ließe sich sogar plausiblerweise behaupten, dass zu allen Zeiten nicht Anatolien, sondern Rumelien das wahre Herzstück des Osmanischen Reiches gewesen war.“ Mehr noch: „In gewisser Hinsicht fungierten türkische Rumelier der Oberschicht in ihrer Eigenschaft als Herrschaftselite als ein Ersatz für die fehlende Aristokratie im Osmanischen Reich. Saloniki stellte – als die Metropole Rumeliens – den zentralen Bezugsort dieser Elite da.“

Und ebenda wurde 1881 der junge Mustafa geboren – den Beinamen Kemal erwarb er sich erst in Schulzeiten. Hanioğlu setzt dessen junge Lebensjahre in den Kontext der Ereignisse seiner Zeit und führt auf diese zwei der Grundkonstanten seines Weltbildes zurück: Einerseits die Idee des Nationalismus, deren Wirkungsmacht er in den Aufruhren und Unabhängigkeitskämpfen dieser Zeit sah. Andererseits seine lebenslange Ablehnung einer äußeren Einmischung in die Angelegenheiten des Landes, die im Zusammenspiel mit Ersterem entscheidend zum Zerfall der einstigen Weltmacht beigetragen hatte.

Kern dieser Modernisierung war die osmanisch-deutsche Militärallianz. Nicht nur brachte sie eine Reorganisation der Armee und der Verwaltung mit sich, sondern auch die Einrichtung neuer, elitärer Militärakademien, an denen die Führungsriege des Reiches ausgebildet wurde. An eine solche schaffte es der wahrlich nicht aus wohlhabenden Verhältnissen stammende Mustafa Kemal dank exzellenter schulischer Leistungen und kam dort in Kontakt mit dem damaligen modernen Zeitgeist.

Vor allem Gustav Le Bons Theorie der Massenpsychologie, in der dem Militär eine zentrale Rolle als Herrschaftselite zukam, ist Hanioğlu zufolge in ihrer Wirkung auf die Jungtürken, zu deren zweiter Generation Mustafa Kemal zählte, kaum zu überschätzen. Deren Einfluss sei im vom späteren Atatürk geschmiedeten „türkisch-republikanischen Elitismus“ unverkennbar. Ebenso prägten die Ideen des deutschen „Vulgärmaterialismus“ das Denken der Jungtürken und Atatürks gleichermaßen. Wie der Name schon andeutet, handelte es sich dabei um eine „vereinfachte, popularisierte Version des klassischen Materialismus, die sich im Wesentlichen aus populären Versatzstücken aus Materialismus, Wissenschaftsglauben und Darwinismus zusammensetzte.“ Resultat war „eine ziemlich schlichte Ideologie von der alles bestimmenden Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft“.

Dabei scheut Hanioğlu auch nicht davor zurück, geistige Irrwege des späteren Übervaters der Nation aufzuzeigen und klar zu benennen. So beispielsweise, wenn er, von populärwissenschaftlichen Werken wie Ludwig Büchners „Kraft und Stoff“ zutiefst beeindruckt, verschiedene wissenschaftstheoretische und philosophische Denkrichtungen undifferenziert in einen Topf wirft und sich dabei zu kruden pseudo-wissenschaftlichen Einlassungen hinreißen lässt. Ein Zitat wie das folgende hätte man ihm der gängigen Einschätzung seiner geistigen Fähigkeiten zumindest kaum zugetraut: „Da der Mensch, wie alle anderen Reptilien auch, aus dem Meer gestiegen ist, waren unsere Vorfahren Fische.“

Kalifat und Kommunismus

Und so fällt sein Urteil über Mustafa Kemal als zeitgenössischen wissenschaftlichen Denker auch wenig schmeichelhaft aus. Ein eigenständiger wissenschaftstheoretischer Denker sei dieser trotz umfassender Lektüre nie geworden. Hingegen war die eine, „doch recht simple Schlussfolgerung, die er aus seiner Lektüre gezogen zu haben scheint, (…) dass Wissenschaft den Fortschritt beschleunigt, während Religion ihn hemmt.“

Es ist dies auch eine der zentralen Eindrücke, die nach der Lektüre des Buches hängenbleiben: Atatürk war als militärischer Anführer und Staatsmann zweifelsohne eines der größten Genies des 20. Jahrhunderts – als Denker hingegen war er es nicht. Wenige seiner Ideen waren wirklich neu oder revolutionär – nur die Art und Radikalität, mit der er sie umgesetzt hat, waren es.

Denn es war vor allem das politische Handwerk mit all seinen notwendigen Windungen, das er verstand und beherrschte. Hanioğlu zeigt Mustafa Kemal nicht als den Standhaften, der allerorts für seine Überzeugungen einsteht, sondern als einen Taktierer, der je nach Adressat weiß, was er wie zu erzählen hat. So beispielsweise, wenn er Delegationen russischer Bolschewiki gegenüber bekundet, dass er in der Türkei einen „auf ihre Eigenheiten abgestimmten Kommunismus“ aufbauen wolle, um sich deren materielle Unterstützung im Unabhängigkeitskrieg zu sichern, während er parallel dazu der konservativen anatolischen Landbevölkerung gegenüber beteuert, für die Sache des Islam zu kämpfen und das Kalifat vor den Ungläubigen zu retten. Noch der „ausgeprägt religiöse Charakter“ der feierlichen Eröffnung der Großen Nationalversammlung samt der Rezitation des gesamten Koran, einer Nachbildung des Banners des Propheten, der Ausstellung einer Locke seines Bartes, dem gemeinsamen Freitagsgebet und der ständigen religiösen Bezugnahme in allen Reden „übertraf alles bislang in der osmanischen Tradition vergleichbarer Feierlichkeiten Dagewesene“. Mindestens jedoch vermittelte sie „(v)on der säkularen Revolution der darauffolgenden Jahre (…) nicht die leiseste Ahnung.“

Dieser kritische Betrachtung seiner politischen Integrität steht jedoch die Beschreibung seines politisch-strategischen Genies gegenüber, die ebenfalls kaum zu kurz kommt. Dabei stellt Hanioğlu seinen Protagonisten durchaus als historische Person dar, die er in einen geschichtlichen Kontext einbettet. Diese Kontextualisierung ist gelungen, dennoch hätte es nicht geschadet, einige historische Entwicklungen aus Atatürks Lebenszeit wenigstens als Richtschnur etwas detaillierter abzuhandeln. Die Einordnung der Person Mustafa Kemals erfolgt anfangs sehr gut, bleibt jedoch spätestens ab dem Mittelteil auf der Strecke. Zumindest, wer nicht schon ein fundiertes Grundwissen über Atatürk und die Epoche seines Schaffens mitbringt, dürfte es streckenweise schwer haben, dem Buch bis zum Schluss zu folgen. Will man Atatürk als historische Person und sein Schaffen kennenlernen, ist es daher nur bedingt geeignet. Wen Ideen mehr interessieren, als Schlachten und Anekdoten, für den ist das Buch hingegen uneingeschränkt zu empfehlen.

So konzentriert sich Hanioğlu auch weniger darauf, die fundamentale Umwälzung der anatolischen Gesellschaftsordnung und Kultur in den ersten Jahren der Republik in allen Einzelheiten zu beschreiben, als dass er viel mehr die zugrundeliegenden Prämissen dieser Politik analysiert. Dabei kommen auch pseudo-wissenschaftliche Sackgassen wie die von Atatürk forcierte Verbreitung der „Sonnensprachtheorie“ oder der „türkischen Geschichtsthese“ nicht zu kurz.

Eher Kontinuität als Bruch

Besonders bemerkenswert ist dabei, dass er dennoch eindrucksvoll mit einem weiteren tradierten Bild aufräumt, nämlich dem des kompletten Bruchs mit der osmanischen Vergangenheit. Stattdessen zeigt der Historiker auf, dass Atatürks Reformen – so grundlegend sie die türkische Gesellschaft auch verändert und geprägt haben – tatsächlich eher eine konsequente Fortführung der spätosmanischen Verwestlichungspolitik waren. Denn „(d)ie Auffassungen, von denen sich Mustafa Kemal leiten ließ, waren schon lange vor den republikanischen Reformen en détail in der osmanischen Öffentlichkeit diskutiert worden; keineswegs waren sie Neuerungen, die der Gründer der Republik im stillen Kämmerlein ausgebrütet hatte.“

Einigen hartgesottenen Kemalisten werden auch diese Befunde missfallen, gerade deshalb sollte das Buch jedoch den aufgeschlosseneren Geistern unter ihnen ans Herz gelegt werden. Denn auch wenn Hanioğlu Atatürks Geisteswelt einer durch und durch kritischen Analyse unterzieht und dabei zu dem Schluss kommt, dass er „beileibe kein Denker vom Rang eines Auguste Comte, Karl Marx oder Wladimir Illjitsch Lenin“ war, so zieht er doch niemals die Legitimität seines Unabhängigkeitskampfes oder die Notwendigkeit der gesellschaftspolitischen Revolution in Anatolien in Zweifel.

Kurz gesagt, die historischen Leistungen Atatürks und das dafür notwendige politisch-strategische Genie bleiben unangetastet. Was Hanioğlu aber in hervorragender Weise tut, ist, überkommene und teils frei erfundene Idealisierungen der Person Atatürks zu demontieren und das geistige Porträt eines Anführers zu zeichnen, dessen Schlüssel zum Erfolg „nicht in der Originalität seiner Ideen lag, sondern in der Singularität der Chance, die er zu ihrer Umsetzung ergriff.“ Gerade in einer Zeit, in die die Uhren der türkischen Gesellschaft zurückgedreht werden und das Vermächtnis Atatürks zunehmend an Bedeutung verliert, während der Personenkult um einen übermenschlich groß dargestellten neuen Führer ungeahnte Höhen erreicht, illustriert dieses Buch nur allzu gut, wie sich politische Hagiographie von der Realität abkoppeln kann.


Mehmet Şükrü Hanioğlu: Atatürk. Visionär einer modernen Türkei, Konrad Theiss Verlag, 2015, 312 Seiten.