Kein fremdenfeindliches oder rechtsradikales Motiv!?

Am 09.03.2013 berichtete etwa der Tagesspiegel von einem Überfall auf sieben portugiesische Bauarbeiter in Berlin-Adlershof. Eine Gruppe von 10 bis 17 Personen soll am Freitagabend die Bauarbeiter mit Tritten und Messerstichen attackiert haben. Drei konnten am selben Abend das Krankenhaus verlassen, vier Opfer mussten stationär aufgenommen werden. Die Überschrift ist mehr als kurios:

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Was besonders auffällt, ist, dass allein schon in der Überschrift etwas ausgeschlossen wird, wozu bislang in der kurzen Zeit noch gar nicht ermittelt wurde oder worüber angesichts des noch gar nicht vollständig aufgeklärten Sachverhalts ohnehin erst abgewartet werden müsste. Es stellt sich nicht nur die Frage, warum die Polizei hier schon eine Abwehrhaltung an den Tag legt, sondern warum die Medien dies hier ebenso tun, anstatt objektiv zu bleiben und die Öffentlichkeit über jegliche neue Informationen zu diesem Fall auf dem Laufenden zu halten. Bis die polizeilichen Ermittlungen abgeschlossen sind, sollte keine Motivation zu einem Überfall oder einer Gewalttat vorschnell ausgeschlossen werden.

Die Beobachtungen zur Berichterstattung des Hausbrandes in Stuttgart/Backnang vom 10.03.2013, bei dem sieben türkische Kinder und ihre Mutter in den Flammen gestorben sind, habe ich ebenso kritisch verfolgt.

Die einzig nennenswerte und qualitativ hochwertige Meldung zu dieser Brandkatastrophe konnte ich in der Onlineausgabe der FAZ entdecken, die um ca. 11:20 eine Reportage zu dem Unglück postete.

Herkunft der Opfer wurde erst im Laufe des Nachmittags benannt

Die darauf folgenden Meldungen in den Medien haben bis weit in den Nachmittag nicht einmal die Herkunft der Opfer benannt. War die Herkunft nun bei türkischen Opfern nicht relevant, obwohl dies offensichtlich war? Wie ginge es denn sonst auch, in diesem Fall die Fremdenfeindlichkeit als Motiv auszuschließen, ohne „Fremde“ als Opfer zu nennen?

Der „Spiegel“ fügt um 14:30 Uhr einen Satz am Ende des Artikels ein: „Die Todesopfer haben laut Polizei einen türkischen Migrationshintergrund. Die türkische Botschaft in Berlin kündigte an, Botschafter Hüseyin Avni Karslıoğlu werde noch am Sonntag zum Unglücksort reisen“. Die Süddeutsche und N-TV haben die türkische Herkunft stundenlang verschwiegen, obwohl die türkischen Medien bereits über den Fall berichtet hatten. Erst nachträglich wurden, wie auf Spiegel-Online, einige Informationen dazugeschrieben und/oder aktualisiert.

Die ZEIT hatte wohl keine Zeit oder kein Interesse, über diese Tragödie zu berichten, bis die Meldung der AFP kam, dass die Türkei eine sofortige und zweifelsfreie Aufklärung des Brandes forderte. Erst diese politische Ansage scheint es relevant gemacht zu haben, darüber zu berichten. Genau eine Stunde nach der AFP-Meldung tauchte erst der Bericht zum Brand in Stuttgart auf.

10.03.1013, 15:56 Uhr

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Verwunderlich ist, dass die ZEIT genau zwei Tage zuvor ihrerseits die Nachrichten in der Türkei verfolgt zu haben scheint und zum Weltfrauentag gut und gerne über Türken berichtet, insbesondere im Zusammenhang mit Fällen häuslicher Gewalt. Hier, wo es sich um türkische Täter handelt, scheint das Tatmotiv plausibel und die Erwähnung der ethnischen Zugehörigkeit einer objektiven Berichterstattung angemessen zu sein.

Opfer mit und ohne Hintergrund?

Welche Nationalität ist denn aber nun relevant genug, erwähnt zu werden, wenn es sich um Opfer handelt? Wer oder was entscheidet denn, ob es wichtig ist oder nicht, dass der Migrationshintergrund oder die Nationalität von Opfern erwähnt wird? Ist es nicht relevant, gerade bei Opfern den Hintergrund zu benennen, damit Familien, Freunde oder Angehörige benachrichtigt werden können? Wenn wir den obigen Überfall auf die portugiesischen Bauarbeiter betrachten, dann kann sofort jeder erkennen, wer die Opfer sind. Wozu wurde dies stundenlang im Falle der Brandopfer in Stuttgart verschwiegen? Das sind Fragen, die sich jene Medien, die sich als „Qualitätsmedien“ bezeichnen, doch mal stellen sollten.