Kommentar zu Özgürüz: Der Konflikt zwischen Türken und Deutschen

Das gemeinnützige Recherchezentrum CORRECT!V hat für das bekannteste türkische Exil-Gesicht Can Dündar ein Online-Medium gegründet. Das neue Medium wurde „Özgürüz“ genannt, auf Deutsch: Wir sind frei. Ziel war es Berichterstattung über die Türkei zu ermöglichen, doch das Projekt hat Schwierigkeiten und steckt bereits wenige Monate nach Gründung in einer tiefen Krise. Die Krise hat weniger finanzielle, als personelle Gründe. Zuletzt mit einem Riesenknall bekannt geworden, als „Özgürüz“-Mitbegründer Hayko Bağdat via Facebook seinen Austritt erklärte. (Lesen Sie mehr zu diesem Thema). Aber wenn man uns gefragt hätte, war dieser Kollaps nur eine Frage der Zeit. Denn Länder haben charakteristische Eigenschaften, Traditionen und Kulturen, die ihre Bevölkerungsgruppen prägen und mit Gewohnheiten ausstatten. Das ist in der Türkei so. Das ist auch in Deutschland so. Oberflächlich sprechen wir hier von der Mentalität. Und die türkische und die deutsche Mentalität unterscheiden sich gewaltig. Grundlegend anders ist das Verständnis von Pünktlichkeit und die Reaktionen auf Unpünktlichkeit. Während viele Türken mit ihr eher leger umgehen, sind die meisten Deutschen mit der Zeit pingelig. Wenn es um Freundschaftlichkeit und Verbundenheit geht, wollen Türken sofort eine enge Verbindung vom Gegenüber und fordern gleich volles, ja, fast bedingungsloses Vertrauen, während Deutsche zunächst – manchmal eindeutig zu lange – misstrauisch sind, aber früher oder später sich öffnen und einen standfesten und vertrauenswürdigen Partner auf Langzeit abgeben. Und die Liste ließe sich beliebig verlängern. In dem Einwanderungsland Deutschland bilden die Deutsch-Türken die größte Bevölkerungsgruppe nach den Deutschen. Sie haben eine Hybridität hinbekommen, mit der es ihnen – zum Teil holprig, gelingt, beide gegensätzlichen Mentalitäten harmonisch zu vermischen. Sie können nicht nur mit einer dieser Identität auskommen, sie brauchen beide. Aber die Türken, die sich keinesfalls integrieren (wollen), oder die, die sich vollständig assimilieren wollen und auch die Türken, die nur zwischenzeitlich in Deutschland landen, fügen sich nie wirklich in diese Gesellschaft ein. Zu ihnen gehören selbstverständlich mit Can Dündar, auch alle anderen Exilanten bei „özgürüz“. Durch den Fall Hayko Bağdat haben wir das deutlich gesehen.

Auch Can Dündars Berichterstattung funktioniert in Deutschland nicht. Er macht alles im Türkei-Format und verpasst die rund vier Millionen Deutsch-Türken. Das ist sogar für viele der Grund, weshalb sie „Özgürüz“ vermeiden. Dieser künstliche Druck, so werden zu wollen, dass die Deutsch-Türken „Özgürüz“ lesen, scheitert in der Unterschiedlichkeit der Inhalte, in ein und dem selben Medium, in den beiden Sprachen. Wenn die türkische Seite mit der deutschen und die deutsche mit der türkischen nicht einverstanden ist, wird das Medium früher oder später sowieso vor die Hunde gehen. Hayko Bağdat hat möglicherweise nur die Spitze des Eisberges an Aufgeriebenheit zwischen den Deutschen von CORRECT!V und den Türken bei „özgürüz“ verdeutlicht. Can Dündars Versuche sich eher zu biegen, als mit dem Projekt zu brechen, wie es im Gegensatz zu ihm Hayko Bağdat getan hat, ist nur ein Versuch das sinkende Schiff zu retten. Aber es wirkt einfach nicht ehrlich. Es greift nicht. Es wirkt gezwungen. Ein deutsches Exil-Medium für den türkischen Journalismus sollte auf der Chef Ebene vielleicht doch lieber auf Deutsch-Türken zurückgreifen, die die Türkei-Türken hierzulande dirigieren und zwischen den Türken und den Deutschen vermitteln können. Das geht auch nicht über Personen, die beide Sprachen sehr gut als Fremdsprache sprechen, sondern nur mit den hybriden Deutsch-Türken. Auch ein renommierter und mit Preisen überfluteter Dündar sollte sich in Deutschland dieser hiesigen Gesellschaft eher unterordnen und „qualitativen“ Journalismus liefern, ohne seine festgefahrene Ideologie aus der Türkei hierher zu transportieren.